Literatur – ein Spiel

in Roman

Roman | Hartmuth Malorny: Begegnung in Turin

In Hartmuth Malornys neuem Roman Begegnung in Turin tut sich eine recht tiefgründige – vielleicht sogar abgründig zu nennende – Szenerie auf, die zunächst sehr harmlos angelegt ist und sogar beinahe romantisch. Zwei Menschen beginnen hier ein völlig harmloses »Duett«. Aus sicherer zeitlicher Distanz erzählt uns der Autor dabei ein durchaus glaubwürdiges Erlebnis aus seinem Leben, von seiner Liebe zu Italien, dem dolce far niente und eben – wie könnte es in einem Roman anders sein – von einer Frau. Gelesen von HUBERT HOLZMANN

begegnung_in_turinIm Untertitel erlaubt uns Hartmuth Malorny, Jahrgang 1959, »Gestatten, eine aufgebügelte Liebesgeschichte in zwei Jahreszeiten« einen kurzen Blick in seine Schreibwerkstatt, von wo aus er für uns seine Geschichte aus der Rückschau Revue passieren lässt. Etwas lakonisch, kühl und mit leichter Ironie entführt er uns in eine dunkle Märchenzeit: »Es war einmal eine Liebschaft, wie sie aus Tausendundeiner Nacht hätte entstanden sein können und 700 Tage brauchte… Ihre Entfernung betrug 1035 Kilometer.« Herzschmerz und zugleich Distanz deuten sich an. Was das wohl geben wird!

Und spätestens hier erfasst einen – vielleicht gerade wegen der exakten arithmetischen Rechenkunst – das Fernweh in Richtung »azzurri«. Der Zauber der Reise entfaltet seine Macht. Aber trotz allem verheißt diese »Liebschaft« – dieser befremdliche, altertümlich klingende Begriff – eher etwas Ungewohntes. Keine typische Beziehung, kein normales Verhältnis. Also wird es nichts mit Romantik? Die Neugierde steigt. Doch so fix ist der Autor Hartmuth Malorny in seiner Begegnung in Turin dann doch wieder nicht. Zunächst verankert er sich selbst in der Story. Der Held, der etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint, stellt sich uns vor und versucht ein wenig verschämt, seine Wuppertaler Herkunft zu verschleiern, wenn er sich als Nachkömmling eines von Hannibals Alpenwanderer sieht. Die Nord-Süd-Verbindung ist also geknüpft. Zum Dolve vita scheint also alles angerichtet.

Die Liebe aus der Ferne

Was dann jedoch folgt, ist eine eher kuriose Fernbeziehung, wie man sie aus den Anfängen des Internet kennt. Denn unser Held Arthur Malorni – alias Hartmuth Malorny – lernt die »Frau seines Lebens« zufällig über dieses neue Kommunikationsmedium kennen. Nein, nicht über eines der Vermittlungsportale, sondern ganz gediegen per eMail. Denn Sabine, so heißt die Frau in Turin, lektoriert zufällig seinen Roman, der in einem kleineren Verlag erscheinen soll. Und über diese Arbeit beginnt sie, mit dem fernen Autor aus Deutschland zu flirten.

Malorni selbst ist nicht der typische Erfolgsschreiber. Er kann von seinen Texten – eigentlich gibt es nur diesen einen Roman – nicht leben. Malorni ist eigentlich gelernter Straßenbahnfahrer und verdient seinen Unterhalt in einer Reinigungsfirma. Auch Sabines Karriere ist nicht ganz ungebrochen. Sie muss sich ebenfalls in Turin mit Gelegenheitsjobs und einer kleinen Stelle als Deutschlehrerin an der deutschen Schule durchschlagen, nachdem sich ihre leidenschaftliche Amore zu einem italienischen Künstler nicht als dauerhaft erwiesen hat.

Arthur und Sabine verbindet also die ganz alltägliche Liebe zur brotlose Kunst. Hinzu kommt die Liebe zu Italien. Eigentlich sind beide zwei gescheiterte Lebenskünstler. Und so beschließen sie endlich, ihre Internet-Beziehung doch noch in die Realität umzusetzen. Beide wollen also ihre gemeinsame Illusion, die einer »weingeschwängerten Nacht« geschuldet ist, in die Tat umsetzen. Das Wagnis beginnt. Arthur beginnt mit kleinem Gepäck und seiner fast schon historischen Schrottlaube, einem alten Audi 80, eine abenteuerliche Italienreise. Und bleibt für drei Monate. Dieser Reiseplan führt dann auch so ziemlich genau mitten hinein in die Katastrophe.

Winterreise

Die erste Begegnung zwischen den beiden verläuft noch sehr herzlich. Schon bald aber merkt man, das beider Leben sehr auseinander laufen. Sabine steht morgens in aller Frühe auf, um zu unterrichten. Arthur hingegen inszeniert sich als neuer Charles Bukowski. Er macht die Nächte durch. Alkohol, Zigaretten und auch Frauen sind seine Themen. Sich ein bisschen auf Sabine einzustellen gelingt ihm nicht. Sein Lebensrhythmus erlaubt nur ein wenig Hausarbeit. Er kauft ein (Kippen und Wein) und kocht. Und nicht nur an diesem eigentlich schon recht grundsätzlichen Punkt trennt sich das Leben der beiden wieder. Auch alle gemeinsamen Unternehmungen, Erkundigungen, Besuche verlaufen meist mehr als schräg.

Die wenigen Glücksmomente sind die so typischen italienischen Anekdoten wie das »Weihnachten bei der Signora«, wo Arthur die klassische »Glücks-Bohne« in seinem Stück Panettone findet. Und auch der Besuch auf dem Land bei Sabines Freunden, alles wichtige Leute aus der Turiner Szene, zeichnet Malorni das bekannte Bild der italophilen Gourmet- bzw. »Ihm schmeckt’s nicht«-Bücher. Die Harmonie zwischen Sabine und Arthur scheint also brüchig. Selbst der romantische Plan über Silvester ans Meer zu fahren, endet für Arthur recht ernüchternd. Sein Resümee: »Wir zahlten summa summarum knapp 100 Euro und wünschten Fred ein schönes neues Jahr.« War es also wieder nichts mit dem erhofften erotischen Abenteuer! Aber das kennen wir von Italien: entweder fare amore oder mangiare! Und der typische Draufgänger und Macho ist Arthur wirklich nicht.

Auch in seinen Männerfantasien bleibt Arthur nämlich ziemlich unbeholfen – und ernüchtert damit vor allem uns: »Also folgten wir Sabines Po, denn sie schritt voran, runter zum Po«. Versucht sich Malorny stilistisch zu Beginn des Textes noch durchhaus humorvoll, mit zahlreichen ironischen Bemerkungen und Beobachtungen, so mischen sich später derartige derbe Einfälle in seinen Text. Ein aufmerksameres Lektorat hätte diese Stellen wohl ausgebügelt. Durchaus glänzende Ideen, wie etwa der fiktive Schreibimpuls für den Roman, »die Welt« als »Tummelplatz für paarungswillige Individuen« zu deuten, werden in den Schatten gestellt und entwertet.

Fisch und Besuch stinken nach drei Tagen

Nach drei Monaten Aufenthalt in Turin ist jede Form von Zweisamkeit komplett durchdekliniert. Die »Liebe«, die von beiden aus der Ferne so idealisiert worden ist, ist wie weggeblasen. Schluss also mit Amore in bella Italia oder etwas feinsinniger ausgedrückt: »Wenn der Kaffee ausgetrunken ist, wird es Zeit zu gehen.« Arthur reist wortlos ab. Wie im Italo-Western besteigt er sein Ross, das heißt seine Rostlaube und ab geht es auf die Autobahn. »Ich legte eine CD von Johnny Cash rein und fuhr dem Schneetreiben entgegen.« Die 1035 Kilometer wieder Richtung Norden.

Aber wie in einem guten Märchen träumt sich der Held wiederum gen Süden. Denn es folgt der zweite Teil, eine Variation des merkwürdigen Zweierspiels. Einen Versuch ist es wert. Der Mensch kann sich ja ändern. Das denkt sich wohl unser Held und fährt noch einmal nach Turin. Diesmal im Hochsommer. Und es hat sich durchaus etwas geändert. Denn zumindest das Thermometer zeigt komplett andere Werte an. Aber eigentlich ahnt man, was nun kommt. Und für die Eiszeit zwischen beiden ist nicht allein, wie man meinen mag, Sabine verantwortlich. Zwischen beiden funkt es eben nicht mehr. Arthur darf sich nun allenfalls mit kleinen Hausmeistertätigkeiten herumschlagen und kann sich so als Mann beweisen. Immerhin kann er hier seine neuen Italienisch-Lektionen anwenden: im Traffic, im Supermercato oder im Ristorante.

Und Arthur übt – mit allen möglichen Bewohnern des Hauses. Er schließt Bekanntschaft mit Sabines Vermieterin und lernt auch deren kleine Tochter kennen. Zur Entspannung mit Sabine trägt dies nicht unbedingt bei. Aber was hält also Arthur denn noch bei Sabine? Will er seine Urlaubsmonate in Italien auf Teufel komm raus absitzen? Seine Zeit bei ihr abwohnen? Denn was er eigentlich will, erfährt man nicht. Zwischen ihm und Sabine wiederholen sich Bergmans »Szenen einer Ehe«.

Malornys Begegnung in Turin ist gegen Ende hin nicht nur sehr »aufgebügelt«, sondern manchmal geradezu verstörend. Das allzu private Gezänk oder besser die Schweigeszenen hätte er uns durchaus ersparen können. Und am Ende hat der Held nichts gelernt. Eigentlich wie im guten alten Märchen. Schon in der Schweiz »erwischte mich wieder die Melancholie« bei der erneuten Abreise. Und da er nicht gestorben ist, harret er wohl noch immer der Erlösung. Nach einem rasanten Beginn plätschert die Begegnung in Turin etwas dahin.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Hartmuth Malorny: Begegnung in Turin
Schweinfurt: Wiesenburg 2015
248 Seiten. 14,90 Euro
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