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Krimi | Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil

Fred-Vargas-Romane sind immer ein Abenteuer. Sie beginnen in der Regel mit einem Mordfall im Hier und Heute und führen anschließend auf verschlungene Pfade. Da kann es dann durchaus passieren, dass man als Leser ein bisschen der Führung bedarf. Sich gelegentlich sogar wünscht, die geneigte Autorin möge ihrer Phantasie doch ein bisschen die Zügel anlegen, wenn sie einen mitnimmt an verbotene Orte oder in Nächte des Zorns. Aber das ist wohl genauso vergeblich, als würde man ihrem Serienhelden, dem Pariser Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, das Träumen verbieten, jene schlafwandlerische Intuition, mit der er gewöhnlich seine Fälle löst. Diesmal, in Das barmherzige Fallbeil, bekommen es Adamsberg und seine Truppe mit einer Mordserie zu tun, die sie geografisch in den hohen Norden Europas und historisch zurück in Zeit der großen Revolution der Franzosen befördert. Und man sitzt und liest und denkt: Wow, Fred Vargas, wie hast Du das wieder gemacht! Von DIETMAR JACOBSEN

Das barmherzige Fallbeil von Fred VargasEin Selbstmord fällt ja eigentlich nicht in das Ressort der »Brigade criminelle« des 13. Pariser Arrondissements. Es sei denn, es handelt sich dabei um einen gut getarnten Mord. Dann sind sie zuständig, die Adamsberg, Danglard und Co. Alles Frauen und Männer mit besonderen Fähigkeiten. Und Fred Vargas sorgt von Buch zu Buch dafür, dass ihre Talente nicht verkümmern müssen. So auch diesmal, in ihrem neuesten Roman mit dem etwas seltsamen deutschen Titel Das barmherzige Fallbeil.

Es ist, schaut man die Reihe zurück, einer ihrer besten. Nicht zu abgehoben, historisch fundiert und spannend bis zur letzten Seite. Und natürlich handelt es sich bei dem Suizid, der die Dinge ins Rollen bringt, um ein Gewaltverbrechen von genau der Sorte, die außergewöhnliche Polizisten braucht, um zu guter Letzt aufgeklärt zu werden.

Was jeder gern übersieht, ist meist der Ausgangspunkt für einen Kommissar, der, wie Jean-Baptiste Adamsberg, sich in seine Fälle sozusagen hineinträumt. Im Fall der toten Alice Gauthier ist es ein grafisches Symbol, das die Tote auf dem Rand des Waschtisches neben der Badewanne hinterlassen hat, in der sie sich die Pulsadern aufschnitt. Es hat Ähnlichkeit mit einem »H«, symbolisiert aber eigentlich jenes von dem französischen Arzt Joseph-Ignace Guillotin entworfene und nach ihm benannte Enthauptungswerkzeug, das die Französische Nationalversammlung im März 1792 einführte, um zum einen dem Gleichheitsgedanken der Revolution auch auf dem Gebiet des Hinrichtungswesens zu huldigen und andererseits den Tötungsakt selbst schneller und weniger qualvoll für den Delinquenten zu gestalten.

Die Robespierre-Gesellschaft

Die französisch »terreur« (deutsch: der Schrecken) genannte Revolutionsphase (Mitte 1793 bis Juli 1794) machte dann rege von der einfach zu bedienenden Köpfmaschine Gebrauch. Knapp 17.000 Menschen, die man verdächtigte, nicht mit der gesellschaftlichen Umwälzung einverstanden zu sein, wurden mithilfe der Appparatur, die im Volksmund »das nationale Rasiermesser« (le rasoir national) genannt wurde, in diesem blutigsten Jahr der Revolution hingerichtet.

Auch Kommissar Adamsberg und die Seinen werden, als sich zu der toten Madame Gauthier weitere Fälle gesellen, bei denen das merkwürdige Symbol auftaucht, gezwungen, sich etwas näher mit der französischen Geschichte zu beschäftigen. Zumal schnell eine obskure Gesellschaft ins Blickfeld der Ermittler rückt, die in Maske und Kostüm die Sitzungen des Nationalversammlung während der Französischen Revolution nachspielt. Findet sich unter all den Robespierres, Dantons, Fouchés, Saint-Justs und Sansons – sämtlich späte Nachkommen des Revolutionspersonals, das sie mit Hingabe verkörpern – vielleicht ihr Mörder?

Abenteuer im eisigen Norden

Oder führt die Spur ganz woanders hin? Denn Fred Vargas wäre nicht Fred Vargas, wenn sie neben der wunderbar erfundenen Robespierre-Gesellschaft samt deren obskurem Tun nicht noch einen zweiten Handlungsfaden spinnen würde. Einen, der das Kriminalistenteam um Adamsberg und Danglard gegen Ende des Romans beinahe ebenso unversöhnlich spaltet wie einst die Anhänger Robespierres und jene des gemäßigteren Danton sich plötzlich als Feinde gegenüberstanden.

In den Norden führt diese Geschichte, auf eine kleine isländische Insel, wo zehn Jahre früher eine Reisegesellschaft – vom Nebel eingeschlossen – fast umgekommen wäre. Zwei der auf der Suche nach einem von einem Troll bewachten mystischen schwarzen Stein sich Befindenden haben diese Expedition in Finsternis und Kälte tatsächlich nicht überlebt. Zwei andere sind, wie sich nun herausstellt, die Opfer des Guillotine-Mörders.

Geht es also gar nicht um die Schrecken der Terrorherrschaft, die sich bis in die Gegenwart erstrecken, sondern sucht hier einer, der in der lebensbedrohlichen Ausnahmesituation in Island zum Mörder wurde, zehn Jahre nach der Tat sämtliche missliebigen Zeugen aus dem Weg zu schaffen? Als Adamsberg sich aufmacht in den Norden, um Gewissheiten über das vor einem Jahrzehnt Vorgefallene zu bekommen, gerät er nicht nur in Lebensgefahr, sondern hinterlässt auch noch eine in zwei Parteiungen auseinanderfallende Brigade in Paris.

Mythos und Geschichte

Fred Vargas schafft es in ihrem neuen Roman, die Spannung bis zum Ende hochzuhalten. Souverän jongliert sie mit Mythen und Geschichte, belehrt ganz nebenher und unaufdringlich über einen Zeitraum in der französischen Historie, dem sich durchaus Parallelen zur Gegenwart abgewinnen lassen, und gibt ihren Lesern gegen Ende die Gewissheit, dass ein weiteres Abenteuer mit Adamsberg und Danglard nicht ganz so ausgeschlossen ist, wie es zwischendurch den Anschein hat. Denn ihre beiden Kommissare sind zwar Dickköpfe, wie sie im Buche stehen, aber das Schöne an der Gegenwart ist halt, dass die Arbeit der Guillotine im Jahre 1977 beendet war.

Gab es zwischen Maximilien de Robespierre und Georges Danton keine Versöhnung – beide beendeten im Abstand von knapp vier Monaten ihr Leben unter dem Fallbeil –, sieht es für den enzyklopädisch gebildeten Danglard und den intuitiven Gefühlsmenschen Adamsberg dann doch deutlich besser aus. Auch wenn Letzterer am Ende des Romans erneut nach Island sich aufmacht. Er wird wiederkommen, wenn es an der Zeit ist.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben:
Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze
München: Limes Verlag 2015
508 Seiten. 19,99 Euro
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