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Comic | Yves Sente (Szenario), André Juillard (Zeichnungen): Die Abenteuer von Blake und Mortimer Band 20: Der Stab des Plutarch

Der Titel des zwanzigsten Albums von Blake & Mortimer ist ein Täuschungsmanöver. In ›Der Stab des Plutarch‹ geht es nicht um die Enträtselung historischer Geheimnisse, sondern um eine handfeste Spionagegeschichte – also auch wieder um Täuschungsmanöver. Diese führen exakt an den Anfang des legendären ›Kampfes um die Welt‹, mit dem die berühmte Comicreihe begann. Vertrautes Terrain also für BORIS KUNZ

PlutarchFrühjahr 1944: Die Alliierten Streitkräfte planen ihre große Bodenoffensive gegen das Dritte Reich, die Landung amerikanischer Truppen soll in der Normandie stattfinden. Doch vor sämtlichen europäischen Küsten patrouillieren deutsche U-Boote. Captain Francis Blake gehört zur Besatzung des britischen Flugzeugträgers Intrepid und riskiert mit seinem Pilotengeschwader Tag für Tag sein Leben im Kampf gegen die Deutsche Seeblockade. Als er in einem besonders tollkühnen Einsatz einen gezielten Luftschlag gegen das britische Parlament vereitelt, wird Blake aus der Air Force in den Geheimdienst übernommen und mit einer heiklen Mission betraut: Die Alliierten planen ein großes Ablenkungsmanöver im Mittelmeer, um den Korridor für die Landung der amerikanischen Truppen in der Normandie freizuhalten. Ein im wahrsten Sinne des Wortes kriegsentscheidendes Manöver, für das die Erfindung eines englischen Physikers Namens Philipp Mortimer einen wesentlichen Beitrag leisten soll. So treffen Blake und Mortimer in der geheimen Militärbasis Scaw-Fell aufeinander.

Blake wird nicht nur in die neuesten Entwicklungen britischer Waffentechnologie eingeführt, sondern auch in die Organisation der Codebrecher in Bletchley-Park, wo die klügsten Köpfe des Königreiches die deutsche Kommunikation abfangen und entschlüsseln. Hier, im innersten Kreis der britischen Intelligence wird Blake in ein weiteres Geheimnis eingeweiht: Nicht nur die deutsche Gegenspionage und der Kampf gegen Hitler bereiten seinen Vorgesetzten Kopfzerbrechen, sondern auch beunruhigende Nachrichten aus dem Himalaya. Dort scheint der Diktator des »Gelben Reiches« bereits Waffensysteme in Stellung zu bringen, um nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das ausgebombte Europa im Sturm nehmen zu können. Im Schatten führt das Empire also schon längst einen Krieg an zwei Fronten. Blake und Mortimers Mission, die deutschen U-Boote nach Gibraltar zu locken, ist also nur der Anfang eines nervenaufreibenden Schachspiels um die Freiheit der Welt. Der Rest ist Legende.

Die Fiktion trifft ihre Inspiration

In die Chronologie der Handlung eingeordnet liegt ›Der Stab des Plutarch‹ also an einem sehr markanten Punkt, genau am Übergang eines tatsächlichen historischen Ereignisses (die Landung der Alliierten und das Ende des Zweiten Weltkriegs) zu jenem fiktiven Großereignis (der Dritte Weltkrieg gegen das Reich des Basam-Damdu), das für die fantastische Welt von Blake und Mortimer prägend ist (und für E.P. Jacobs eigentlich nur eine Chiffre für den Zweiten Weltkrieg war). Der neue Band endet nun genau dort, wo ›Der Kampf um die Welt‹ einsetzt, in dem Blake und Mortimer 1946 ihren ersten Auftritt hatten, um die Welt in einem Klassiker der Comicgeschichte aus den Klauen des »Gelben Reiches« zu befreien. Autor Yves Sente der bereits in ›Die Sarkophage des 6. Kontinents‹ und ›Das Gelübde der fünf Lords‹ Rückblenden in die Vergangenheit der Figuren entworfen und unter anderem die erste Begegnung von Francis und Philipp erzählt hat, schließt hier also mit viel Liebe zum Detail eine Lücke in der fiktiven Chronologie und erzählt dabei auch die erste Begegnung unserer Helden mit ihrem späteren, permanenten Erzfeind Colonel Olrik.

Doch auch wenn ›Der Stab des Plutarch‹ damit der Auftakt für ein großes Kriegsepos ist, ist vom Kriegsgeschehen selbst wenig zu sehen. Die auf dem Titelbild präsentierte Luftschlacht über London ist ein spektakulärer Auftakt für eine sehr bodenständige Spionagegeschichte, die inhaltlich und motivisch mehr Ähnlichkeit mit dem Benedict Cumberbatch-Film ›The Imitation Game‹ als mit ›Der Kampf um die Welt‹ hat. Schließlich spielt die Geschichte auch zu einem wesentlichen Teil in Bletchley-Park, wo auch der legendäre Mathematiker Alan Turing seine Arbeit an der Entschlüsselung des Enigma-Codes geleistet hat. Nun arbeitet also gleichzeitig Philipp Mortimer wenige Hütten von Turing entfernt am Unterwasser-Flugzeug »Tigerhai«. Aus dieser irrwitzigen aber stimmigen Verknüpfung von Realität und Fiktion gewinnt das Album sein besonderes Flair.

Und es ist mehr dieses Flair als die tatsächliche Spannung des Plots, das den Lesegenuss des Albums ausmacht. Zwar gibt es immer wieder einzelne Sequenzen, in denen durchaus Suspense aufkommt. Doch die Krux mit einem »Prequel« ist immer die: Der versierte Leser weiß natürlich schon, wie die Geschichte ausgeht. Selbst ein Neuling, der mit diesem Album überhaupt erst in die Welt von Blake und Mortimer einsteigt (und dafür eignet es sich sehr gut) wird vermutlich trotzdem recht schnell erraten können, welche der Figuren sich am Ende als die verräterischen Bösewichte herausstellen. Für eine Spionagegeschichte ist Yves Sente nicht sonderlich dezent oder ambivalent in seiner Figurenzeichnung.

Doch das macht nichts, denn ›Der Stab des Plutarch‹ lebt von etwas anderem: von Nostalgie. Und zwar von der Liebe zu den Originalen von E.P.Jacobs ebenso wie von der wehmütigen Sehnsucht nach einer Zeit, in der man noch Kriegsgeschichten erzählen konnte, in denen die Helden aufrichtige Helden und die Bösewichte wirkliche Bösewichte waren. Brechungen der Charaktere oder Motivationen für ihr Handeln, die über Gutsein oder Bösesein hinausgehen, findet man nur in Ansätzen. Ebenso wie die Zeichnungen von André Juillard, die in Strich, Figurengestaltung, Bild- und Seitenkomposition liebevoll und auf hohem Niveau einfach den Stil von Jacobs fortführen, ist auch die Erzählhaltung von Sente angenehm »old school«. Die Dinge, die man in diesem Album über das erste Zusammentreffen von Blake, Mortimer und Olrik erfährt, sind dann auch nicht sonderlich überraschend, fühlen sich dafür aber auch in keinem Panel wie ein Verrat am Original an.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Yves Sente (Szenario), André Juillard (Zeichnungen): Die Abenteuer von Blake und Mortimer Band 20: Der Stab des Plutarch
(Le Baton de Plutarque) Aus dem Französischen von Harald Sachse
Hamburg: Carlsen Verlag 2015
64 Seiten, 12 Euro
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