Ein schweres Erbe

in Comic

Comic | Marc Lizano, Ulf K.: Neue Geschichten von Vater und Sohn

Mit dem Band ›Neue Geschichten von Vater und Sohn‹ versuchen die Comickünstler Marc Lizano und Ulf K. fast 80 Jahre nach dem Ende der legendären Bildergeschichten ›Vater und Sohn‹ von Erich Ohser einen Klassiker der deutschen Comicgeschichte wieder aufleben zu lassen. Damit haben sie ein schweres Erbe angetreten, findet BORIS KUNZ.

NEUEGESCHICHTENVONVATERUNDSOHN_Hardcover_547An großen Erfolgsgeschichten ist die Historie des deutschen Comics nicht sonderlich reich – und die wenigen, die es doch gibt, haben vor allem für die Künstler ihre Schattenseiten. Schon Wilhelm Busch wäre lieber als Maler und Lyriker berühmt geworden, nicht als Vater von ›Max und Moritz‹, und auch Manfred Schmidt fühlte sich durch die Popularität seiner Figur ›Nick Knatterton‹, für ihn eigentlich eine missverstandene Comicparodie, gequält und erschlagen. Besonders tragisch aber ist die Geschichte von Erich Ohser (1903-1944), eines Zeichners politischer Satiren für sozialdemokratische Zeitungen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten konnte er nur dadurch einem Berufsverbot entgehen, dass er unter einem Pseudonym (e.o.plauen) harmlose und erbauliche Bildergeschichten ohne jegliche politische Spitzen zeichnete.

Anarchisten in düsterer Zeit

Allerdings schien Ohser seine Figuren Vater und Sohn dennoch zu lieben: Der freche Sohn mit den wilden Strubbelhaaren und der liebenswerte Vater, der sich zwar oftmals als reife Autorität versucht, am Ende aber genauso verspielt und spitzbübisch ist wie sein Sohnemann, sodass er sich am Ende den Streichen des Sohnes lieber anschließt, statt sie zu bestrafen. Auch das war sicherlich eine Art von Systemkritik: Statt von einer gesunden deutschen Familie erzählte Ohser eigentlich die Geschichte zweier liebenswerter Hobby-Anarchisten aus zwei Generationen. Die dazugehörige Mutter kommt nicht vor, ebenso wenig ist ersichtlich, ob der Vater einer geregelten beruflichen Tätigkeit nachgeht. Man könnte dies als bedeutungslose Auslassungen abtun, doch zeigt es deutlich, dass es Ohser vermeiden konnte, nationalsozialistische Propagandabilder von Familienheil und Bürgerpflicht zu bedienen.

Ebenso aber vermied er jede offene Konfrontation mit dem NS-Regime, jedes offene politische Statement: Vater und Sohn sind zwar alles andere als nationalsozialistische Musterbürger, doch das offenbart sich an albernen Alltagssituationen ohne jegliche politische Konnotation. Das ist auch der Grund dafür, warum diese Geschichten heute noch genauso lesbar sind wie damals, warum sie von ihrem Humor und ihrem warmherzigen Charme bis heute nichts eingebüßt haben. Wer ›Vater und Sohn‹ heute ohne jegliches Hintergrundwissen in die Hand nimmt, dem verraten die stummen Bildergeschichten nicht, aus welch düsterer Zeit sie stammen.

Dies wäre vielleicht anders gekommen, hätte Ohser sich nicht dazu entschlossen, seine Helden in einen vorzeitigen Ruhestand zu schicken. Denn die zunehmende Popularität seiner Comicfiguren machte es ihrem Schöpfer immer schwerer, nicht für Propagandazwecke eingespannt zu werden – mochte es am Anfang auch um relativ harmlose Themen wie das Winterhilfswerk gehen. So machte e.o.plauen dem Spaß schließlich ein Ende: Von ihrer eigenen Popularität überwältigt, von Scharen aufdringlicher Fans und Autogrammjägern verfolgt, entfliehen Vater und Sohn in ihrer letzten Story 1937 den irdischen Gefilden, um sich im Himmel als Mond und Sternchen niederzulassen. Erich Ohser war so ein friedlicher Rückzug nicht vergönnt: Er nahm sich einige Jahre später in einer Gefängniszelle das Leben, um einem Prozess vor dem Volksgerichtshof zu entgehen.

Aus der Zeit gefallene Helden

Im Dezember des Jahres 2014 nun verlassen Vater und Sohn das himmlische Exil, steigen erneut auf die Erde herab, um sich unter der Schirmherrschaft der Autoren und Zeichner Marc Lizano (›Das versteckte Kind‹) und Ulf K. (›Pelle und Bruno‹ uvm.) in unserer Zeit zu inkarnieren und neue Abenteuer zu erleben. Während der Vater sich bis hin zur Bartmode auch äußerlich treu geblieben ist, hat der Sohn sich ein etwas zeitgemäßeres Outfit zugelegt, um den jungen Lesern von heute größere Wiedererkennungsmerkmale zu bieten. Auch sonst sind die beiden im Hier und Heute angekommen: Flachbildfernseher und Smartphone gehören jetzt ebenso dazu wie das Thema vegetarische Ernährung.

Die neuen Geschichten von Vater und Sohn sind in einem übersichtlichen Hardcoveralbum des ›Panini‹-Verlages erhältlich. Die Künstler haben die Gestaltungsfreiheiten gegenüber dem Original nur sehr behutsam erweitert: Die Farbe Rot hat Einzug gehalten um die Zeichnungen ein wenig plastischer zu machen, die einzelnen Folgen – auch wenn jede nach wie vor für sich stehen kann – sind locker in einen nach Jahreszeiten geordneten Erzählbogen eingegliedert. Geblieben sind der Verzicht auf Text und die Abwesenheit der Mutter – nur dass diese Abwesenheit nun explizit erklärt und thematisiert wird. Auch dieses Auserzählen von Backstorys und Ausfüllen weißer Flecken in der Biographie der Figuren scheint zur modernen Comicerzählung dazuzugehören. Die Zeitlosigkeit des Originals geht damit natürlich stark verloren.

Nun ist es sehr schwierig, die neuen Geschichten zu beschreiben, ohne sie mit den alten Originalen zu vergleichen. Dabei kann die moderne Fassung eigentlich immer nur gegen den Klassiker verlieren, egal wie sehr ein Rezensent (oder ein Leser) sich um Neutralität bemüht und versucht, die Brille der Nostalgie abzulegen. Auch wenn die Zeichnungen ausgeklügelter sind, der Seitenaufbau durchdachter, die Dekors und Hintergründe reichhaltiger, so erreichen die von der Ligne Claire inspirierten Zeichnungen doch nicht jene Lebendigkeit, die den Federstrichen von Ohser innewohnen. Auch wenn man es den Autoren hoch anrechnen kann, dass die Geschichten manchmal zugunsten starker Aussagen auch einmal auf eine witzige Auflösung verzichten, so fällt einem doch gleichzeitig der erhobene Zeigefinger auf, den Ohser so geschickt vermeiden konnte. Der Strip, in welchem der Vater den Sohn über die Grausamkeit des Krieges belehrt, und dieser zum Schrecken des Vaters anschließend in seinem Zimmer dennoch mit Kriegsspielzeug spielt, wäre ein Beispiel hierfür. Die größten Schwierigkeiten aber scheinen die Autoren tatsächlich damit zu haben, wie Ohser ohne Sprechblasen auszukommen. Sie behelfen sich dann damit, die Sprechblasen mit Bildern und Piktogrammen zu füllen, die zwar ihren Zweck erfüllen, eine gewisse Eleganz aber manchmal vermissen lassen.

Zwischen Modernität und Beliebigkeit

Die Frage nach dem Mehrwert einer Neuauflage der bekannten Figuren stellt sich aber vor allem dahingehend, ob die Autoren denn mit diesen Figuren wirklich viel Neues anzufangen wissen. Oftmals nämlich wird der alte Gag, dass der Vater sich ebenso kindisch wie der Sohn verhält, recht einfallslos durchgespielt: Vater konfisziert das Smartphone des Sohnes – um anschließend selbst damit zu spielen. Er konfisziert dessen Comicsammlung – um sie selbst heimlich unter der Bettdecke zu lesen. Seltener gibt es Einfälle, die der verspielten Anarchie von Vater und Sohn gerecht werden, und ihre positive Grundhaltung dem Unbill des Alltags gegenüber so treffen illustrieren wie der Strip, in dem der Vater die ungekochten Spaghetti auf den Küchenboden fallen lässt und Vater und Sohn sich über den Verlust ihres Mittagessens hinwegtrösten, indem sie mit den rohen Nudeln Mikado spielen.

Manchmal, wenn es um den Umgang mit modernen Medien geht, ist der Comic tatsächlich am Puls der Zeit – auch wenn manche Themen, z.B. die Vorliebe der beiden für die Angelei, jungen Lesern etwas altbacken vorkommen können. Immer wieder meint man zu spüren, dass einige der Geschichten tatsächlich erzählt werden wollten, während andere eher deshalb existieren, um den Band zu füllen. Dafür allerdings haben Lizano und Ulf K. eine Spielwiese gefunden, die sie offensiver erkunden, als Ohser das getan an: Den Surrealismus. Da angelt der Sohn schon einmal das Spiegelbild eines Sterns aus dem Teich oder zerfließt unter einer Standpauke des Vaters buchstäblich zu Wasser. Hier wird zwar die Beziehung von Vater und Sohn nicht unbedingt tiefer ausgelotet – dafür aber die Mittel des Mediums selbst.

Es ist niemals leicht, sich mit einem Klassiker messen zu müssen – da haben es neue Abenteuer von ›Vater und Sohn‹ ebenso schwer wie neue Abenteuer von ›Asterix‹ oder ›Blake und Mortimer‹. Lizano und Ulf K. beweisen immerhin den Mut, mit einem deutlich veränderten Artwork und spürbarem Modernisierungswillen über eine laue Imitation des Originals hinauszugehen. Nur beschwört der Band allein durch seine Einleitung gleichzeitig den Vergleich mit dem Original offensiv herauf. Für sich betrachtet ist das Comicalbum eine Sammlung von netten Einfällen und charmanten, kleinen Geschichten, die kaum das Rad neu erfinden, aber immerhin gerade jüngere Leser mit leichter Hand kurzweilig unterhalten und an einigen Stellen auch zum Nachdenken bringen. Der deutlich herausgestellte Verweis auf die Herkunft der Figuren mag zwar den positiven Nebeneffekt haben, dem Publikum dieses viel geliebte Original wieder ins Gedächtnis zu rufen. Er bürdet aber einer Ansammlung netter Cartoons auch die Last eines schweren Erbes auf, die dieser dünne Band nur schwer tragen kann.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Marc Lizano & Ulf K.: Neue Geschichten von Vater und Sohn
Stuttgart: Panini Verlag 2015
72 Seiten, 14,99 Euro

Reinschauen
| Über Ulf K.
| Über Marc Lizano (französisch)