Last Spaceman standing

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Comic | Ivan Brandon (Autor), Nic Klein (Artwork): Drifter Band 1: Crash

Ein Fremder ohne Erinnerung in einem Wüstenkaff, in dem das Recht meistens dem gehört, der am schnellsten schießt. Davon handelt die Comicreihe ›Drifter‹ von Autor Ivan Brandon und Zeichner Nic Klein. Das Besondere an diesem Western: Er spielt in einer fernen Zukunft auf dem Planeten Ouro. BORIS KUNZ hat sich auf den Trip eingelassen.

DrifterWenn man darüber nachdenkt, haben Weltraumabenteuer von Natur aus viele Gemeinsamkeiten mit einem Western: Sie erzählen von der »Final Frontier«, vom Vorstoß in unbekannte Territorien, von provisorischen Siedlungen in rauer Umgebung, in der nur ein paar wenige aufrechte Männer und Frauen das Gesetz gegen das Faustrecht des Stärkeren verteidigen, von heiklen Konfrontationen mit fremdartigen Eingeborenen. ›Drifter‹ betont diese Gemeinsamkeiten, indem er einen weiteren westerntypischen Topos auf einen fremden Planeten versetzt: Der Fremde, der in einem verschlafenen Kaff auftaucht und für Ärger sorgt, in dem er die dort herrschenden Regeln infrage stellt.

Der Fremde hört in diesem Fall auf den klangvollen Namen Abram Pollux und ist Kapitän und Steuermann eines Raumschiffs, das auf den ersten Seiten des Albums einen beeindruckenden Absturz auf einem unwirtlichen Planeten hinlegt. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit ein paar Amphibienwesen wird er von einem merkwürdigen Fremden niedergeschossen und wacht anschließend in einer kleinen, staubigen Siedlung im Nirgendwo auf, wo die toughe Lee, Ärztin und Marshall des Ortes in Personalunion, ihn zusammengeflickt hat. Die Siedlung nennt sich »Ghost Town« und kann auch mit sämtlichem Personal aufwarten, das man dort zu finden erwarten würde, inklusive des altklugen Barmanns, eines halluzinierenden Predigers, eines schweigsamen Eigenbrötlers, einer vorlauten Kindfrau sowie hart schuftender Minenarbeiter. Der Saloon ist Dreh- und Angelpunkt sozialer Begegnungen, während derer schon einmal gerne die Schusswaffe gezogen wird.

Pollux stellt bald fest, dass er nicht nur das Problem hat, in einem öden Kaff jenseits der Zivilisation gestrandet zu sein: Der Planet ist von allerhand feindseligen Kreaturen bevölkert, menschliche wie nichtmenschliche. Es ist nicht immer leicht, Feinde von Verbündeten zu unterscheiden, und vor allem scheint zwischen Pollux‘ Bruchlandung und seinem Erwachen in Ghost Town fast ein Jahr vergangen zu sein. Ein Jahr, das Pollux in der unwirtlichen Wildnis verbracht haben muss, und an das ihm jegliche Erinnerung fehlt. Was kann in dieser Zeit nur geschehen sein?

›Twin Peaks‹ auf Tatooine

Die Struktur dieses Comics ist deutlich von moderner TV-Serien-Dramaturgie beeinflusst, die der ansonsten ja eher simplen und archaischen Struktur eines Western entgegensteht: ›Drifter‹ ist eine vielschichtige Erzählung. Jedes Kapitel hat einen eigenen kleinen Handlungsbogen, in dem Pollux manchmal auch nur eine Randfigur ist und aus dem sich eine horizontale Gesamtstruktur herauskristallisiert. Dabei werden zunächst mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet, das Rätsel um Pollux‘ fehlendes Jahr schwingt eher im Hintergrund mit, als zum Gegenstand einer Investigation zu werden. Immer wieder lässt Ivan Brandon den Leser ahnen, dass er auf ein großes Mysterium hinauswill – um dieses dann wieder zugunsten von Nebensträngen und allein stehenden Actionsequenzen in den Hintergrund zu rücken.

Drifter1›Drifter‹ ist somit ein in doppelter Hinsicht passender Titel für diesen Comic, bezeichnet er doch nicht nur die gestrandete Hauptfigur, sondern auch den Leser, der immer wieder verloren gehen kann in dieser Erzählung, in die der furiose Auftakt ihn hineingezogen hat. Die Handlung ist nicht immer stringent an den Zielen und Hindernissen der Hauptfigur ausgerichtet, sondern springt oft willkürlich von Schauplatz zu Schauplatz und von Handlung zu Handlung. Neue Figuren tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden wieder, die Motive für ihre Taten bleiben oft unklar, immer wieder muss der Leser sich neu darum bemühen, die Ereignisse einzuordnen, deren Zeuge er wird. Die Irritation und auch die Spannung, die daraus entsteht, scheint durchaus beabsichtigt. Manchmal versäumen es Autor und Zeichner aber leider auch, wichtige Details so zu inszenieren, dass der Leser sie mitbekommt. Das führt dann hin und wieder dazu, dass man bei der Lektüre leicht ins Stocken geraten kann.

Lost in familiar space

Was den Leser noch mehr bei der Stange hält als der sehr wechselhafte Sog der Erzählung, ist das wunderbare Artwork des deutschen Zeichners Nic Klein, der sein Handwerk bei Superhelden wie Thor oder Captain America perfektioniert hat, ohne die europäischen Einflüsse aus den Augen zu verlieren. Auch im Strich von Klein ist wieder der Atem des unsterblichen Moebius zu spüren. Dabei sind die reinen Outlines ziemlich reduziert. Es ist die sehr aufwendige Kolorierung, die den Reiz der Bilder ausmacht. Die Farben arbeiten detailliert die Plastizität der Figuren oder die faszinierend fremdartigen Lichtstimmungen der Settings heraus, geben den Fahrzeugen und Bauten in Ghost Town jene Patina, die an die klassischen ›Star Wars‹ Filme erinnert. Sie machen die eigenartigen und unheimlichen Kreaturen dieser Welt greifbar und jede einzelne Seite zu einem Augenschmaus.

Dabei überrascht Nic Klein uns allerdings genauso selten wie Autor Ivan Brandon mit Dingen, die man so noch nie gesehen hätte. In den Kreaturen des Planeten findet man Abe Sapien aus ›Hellboy‹ wieder, die Tusken aus ›Star Wars‹ oder die gigantischen Sandwürmer aus ›Tremors‹ oder ›Dune‹, nur dass aus ihren Sekreten keine Drogen, sondern Treibstoff gewonnen wird. Doch sieht das alles so unverschämt gut aus, dass man als Leser keine Probleme damit hat, dass einem diese fremde Welt irgendwie schon bekannt vorkommt. ›Drifter‹ ist ein intelligenter und gut gemachter SF-Western, der die Elemente des Genres nicht neu erfindet, aber gekonnt variiert und im ersten Band genug aufregende Sequenzen bietet und spannende Rätsel streut, um den Leser trotz der holprigen Dramaturgie bei der Stange zu halten und neugierig auf eine Fortsetzung zu machen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Ivan Brandon (Autor), Nic Klein (Artwork): Drifter Band 1: Crash
(Drifter # 1-5) Aus dem Amerikanischen von Franz He
Ludwigsburg: Cross Cult 2015
128 Seiten, 25 €
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