Hilda im All?

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Comic | Craig Thompson: Weltraumkrümel

Ein abenteuerlustiges Mädchen, das keinerlei Berührungsängste mit fremdartigen Kreaturen hat, begibt sich mutig und unerschrocken auf eine Mission durch den Weltraum um ihren verschollenen Vater zu suchen. Begleitet wird sie von einem intellektuellen Hühnchen und einem aufbrausenden Lumpkin: ein ungleiches Trio aus Außenseitern, denen es durch ihren Zusammenhalt gelingt, aussichtslose Situationen zu meistern. ›Weltraumkrümel‹ ist das neue Werk des gefeierten Comiczeichners Craig Thompson und verspricht einen originellen Abenteuerspaß für die ganze Familie. BORIS KUNZ hat bei der Lektüre festgestellt, dass Thompson seinen Comic allerdings auch mit schwereren Themen reich bestücktv hat.

WeltraumkruemelViolett Marlocke lebt mit ihrer Mama und ihrem Papa in einem kleinen Raumschiff im Orbit einer eher schäbigen Raumstation am Rande eines bewohnten Asteroidenfeldes. Ihre Mutter Cerulean hat als Modeschöpferin eine Arbeitsgenehmigung auf Shell-Tarr, einer hochmodernen Luxus-Raumstation, die wie eine bunte Christbaumkugel im Weltraum schwebt. Vater Garnett ist Schwerarbeiter in der Energieindustrie. Er ist mit der Beschaffung von Energieträgern beschäftigt – indem er die grün schimmernden Köttel der gewaltigen Weltraumwale einsammelt. Diese Wale sind eine besondere Spezies und Fluch und Segen zugleich: Da sie so gut wie alles verdauen können, fressen sie sich rücksichtslos durch den Weltraum, vernichten ganze Planeten und werden immer wieder zur Bedrohung für die Raumstationen. Andererseits sind ihre Ausscheidungen der Energieträger Nummer eins, der die Zivilisation im All erst möglich macht.

Gentrifizierung im Weltraum

Das Abenteuer für Violett fängt dann auch damit an, dass ihre Schule am Wochenende von Walen aufgefressen wird. Ihre Mutter beginnt daraufhin, eine neue Schule für die Tochter zu suchen – am liebsten natürlich auf Shell-Tarr, wo alle Bewohner sozial abgesichert und in kunterbuntem Luxus leben. Doch Cerulean selbst wird dort nur als Tagelöhnerin geduldet. Ihr Mann darf die Station wegen seiner Vorstrafen nicht betreten und Violett erhält keine Genehmigung für die neue Schule. Der soziale Aufstieg aus dem Trailerpark in die Luxusgegend wird dem Mädchen verwehrt – die gnadenlosen Gesetze der Gentrifizierung machen also selbst vor dem Weltraum nicht halt. Von ihrem alten sozialen Umfeld abgeschnitten und im neuen nicht akzeptiert, hilft es Violett auch nicht viel, dass Papa ihr den Umgang mit Weltraumfahrzeugen beibringt und ihr ein altes Trike kauft. Dieses erweist sich aber bald als Glücksfall, als eine Epidemie von Wal-Durchfall den Sektor in eine schlimme Krise stürzt, die Mutter auf der isolierten Raumstation festsitzt und ihr Vater auf einer Sondermission spurlos verschwindet. Jetzt bleibt nur Violett übrig, um den Vater wiederzufinden und zumindest ihre heile Familienwelt wieder zu retten.

In eine Außenseiterrolle gezwungen hat sich Violett selbst mit zwei Außenseitern angefreundet, die ihr nun (zunächst eher unfreiwillig) auf ihrer Mission beistehen: Ein Nerd und ein Underdog. Eliot ist ein Küken mit hochgezüchteter Intelligenz und einem Hang zu theatralischen Schwächeanfällen und Visionen, Zacchäus der (fast) letzte Spross einer ausgestorbenen Spezies, der auf einem Schrottplatz Dinge mit dem Hammer kleingehauen hat, und alle seine Probleme gerne auf ähnlich brachiale Weise zu lösen versucht. Diese beiden Gefährten, die nur sehr langsam lernen, sich gegenseitig zu respektieren, sind mit ihren ständigen Kabbeleien und ihren originellen Macken manchmal drauf und dran, Violett die Schau zu stehlen. Sie sorgen für Action und Unterhaltungswert während der nervenaufreibenden Reise, auf der die Drei von einer haarsträubenden Situation in die nächste geraten, einen aufdringlichen Betreuungsroboter loswerden müssen, sich mit rivalisierenden Gangs ebenso herumschlagen wie mit dem Wachpersonal eines Sägewerks für Walkot, durch Wolken aus Weltraumschrott navigieren, um ihre Vorräte an Treibstoff und Sauerstoff bangen, und schließlich in eine hochgerüstete Forschungsstation eindringen müssen um ein Walbaby zu retten.

Ein Pixar-Film mit Überlänge

Man ahnt es schon: Das Abenteuer von Violett passt nicht in ein Comicalbum oder ein Taschenbuch. Es findet auf über 300 prall gefüllten Comicseiten statt. Auf diesen hat Craig Thompson (›Habibi‹) seinen ganz eigenen Weltraum erschaffen, überbordend gefüllt mit originellen Raumstationen, Fahrzeugen und Kreaturen. Als Zeichner wendet er sehr effektiv den alten Trick an, das Dekor und die Raumschiffe mit großer Detailfülle auszustatten, während die Figuren sehr einfach und nah am Cartoon gehalten sind – ohne dabei ihre Expressivität einzubüßen. Dadurch erreicht Thompson auch mit seinem klassisch-schwungvollen, an Will Eisner erinnernden Stil eine sehr filmische Wirkung. Daran hat natürlich auch die Mitarbeit des legendären Koloristen Dave Stewart einen großen Anteil, der sich einerseits in allen erdenklichen Farbräumen austoben kann, anderseits aber ein gutes Händchen für stimmungsvolle Seitengestaltung beweist. Der Comic hat dem Auge viel zu bieten, vermeidet es aber immer gerade noch, es zu überfordern.

Weltraumkruemel2Der Weltenentwurf ist in sich kohärent und stimmig, auch wenn Thompson Naturgesetze nur dann ernst zu nehmen scheint, wenn sie ihm in den Kram passen: Ob man im Weltraum nun ohne Sauerstoff stirbt oder auch einmal ohne Helm über ein Verladedeck spazieren kann, scheint keiner stringenten Logik zu unterliegen, und selbst in den unendlichen Weiten des Alls scheint man immer innerhalb von Sekunden auf ein neues Hindernis stoßen zu können, das vorher noch nicht sichtbar war. Distanzen und räumliche Zuordnungen sind in diesem Universum schwer zu greifen, weil der Autor keinen Wert auf sie legt. In Thompsons Welt geht es nur vordergründig um Raumfahrt oder Science Fiction. Sie ist nur eine knallbunte Vorlage, um wie in ›Star Wars‹ ein modernes Märchen zu erzählen.

Für den erwachsenen Fan hat ›Weltraumkrümel‹ genau den flotten, unbeschwerten Tonfall eines Pixar-Films. Für jüngere Leser stellt die Lektüre allerdings eine große Herausforderung dar. Thompsons groß angelegte, vielschichtige Story ist nicht immer so klar erzählt, wie sie sein könnte. Man muss sich die recht komplexe Welt und ihre Zusammenhänge erst Stück für Stück erschließen – eine Erzählmethode, die zwar Erwachsenen Spaß macht, jüngere Leser aber ebenso überfordern könnte wie so manche der apokalyptischen Visionen von Elliot, seine eloquente Wortwahl und seine Bibelzitate – oder die schon recht drastische Darstellung eines sedierten Wahlbabys, das mit aufgeschnittenem Leib und herausquellenden Organen auf einem überdimensionalen Operationstisch liegt (während es allerdings wieder eine beeindruckende Idee ist, wie Violett ihm den Bauch mit einem Nähmaschinentraktor wieder zunäht).

Thompson macht in seiner Parabel immer wieder deutlich, dass er eigentlich von aktuellen Problemen unserer Welt erzählen möchte: Von sozialer Ungerechtigkeit und Zweiklassengesellschaften, von Umweltzerstörung und rücksichtsloser Ausbeutung der Natur (somit kann Thompson auch hier wieder seinem Faible für riesige Müllberge frönen), vom Spannungsfeld zwischen rationalem Intellekt, religiöser Engstirnigkeit und humanistischem Mitgefühl. Die durchaus vorhandene Neigung zu Sentimentalitäten und deutlichen Zeigefingern wird zum Glück immer wieder durch eine gute Dosis Humor und ein Kaleidoskop witziger Einfälle ausgeglichen. Somit kann Thompson seine Themen auch jüngeren Lesern nahebringen – wobei man das Lesealter vermutlich bei 12 aufwärts ansetzen muss. Anders als etwa die Abenteuer von Violettas geistiger Cousine »Hilda« ist dieser dicke Brocken für Jüngere in seiner thematischen Vielfalt, seiner schnell voranschreitenden Handlung und seiner anspruchsvollen Erzählweise eher schwer zu bewältigen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Craig Thompson: Weltraumkrümel
(Space Dumplins) Aus dem Amerikanischen von Matthias Wieland
Berlin: Reprodukt 2015
316 Seiten, 29 Euro
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