Digitale Seifenblase

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Roland Reuß: Ende der Hypnose. Vom Netz zum Buch

Nein, wir wollen in diesen Zeilen nicht die aktuell angekündigte Publikation von Roland Reuß rezensieren; es handelt sich dabei um einen vergleichsweise kurzen Essay von sechzig Seiten, der auf den Ergebnissen von ›Ende der Hypnose‹ aufbaut, einer Arbeit, die innerhalb kürzester Zeit nun zum vierten Mal aufgelegt wird. Das ist’s, was uns neugierig gemacht hat, und wenn ›Ende der Hypnose‹ den Nerv trifft, spräche nichts dagegen, sich auch dem dieser Tage erscheinenden Essay zuzuwenden. Von WOLF SENFF

Reuß - Ende der HypnoseRoland Reuß ediert für das Heidelberger Institut für Textkritik außerdem eine Ausgabe der Werke Franz Kafkas – wenn Kafka nicht spitz auf Knopf ins allerneueste Jahrhundert passt, wer wohl sonst, und verdoppelt unsere Neugierde.

Digitalisierung ohne Ende

In ›Ende der Hypnose‹ geht es um das Buch, um das Buch an sich, und zwar im Kontext einer allseits sich ausbreitenden Digitalisierung. Reuß misst dem Buch einen singulären Charakter zu, es sei ein äußerst spezieller Gegenstand, der sich und den, der von ihm Gebrauch mache, »von seiner Umwelt abgrenzt und auf sich selbst sammelt«, er spricht sogar von einer Ökologie des Buches, dazu später.

Folglich sei das Buch, definiere man es bloß als ein Medium, das Information übermittle, komplett falsch zugeordnet, und damit zieht er es heraus aus dem so scheinbar unumstößlichen Automatismus eines Fortschritts im Sinne einer Digitalisierung unserer Lesegewohnheiten, eben auch der Digitalisierung der Bestände staatlicher Bibliotheken. Damit vertritt er eine konsequente Position, und man muss sich wundern, dass sie in der öffentlichen Debatte, soweit sie denn stattfindet, nicht präsent ist.

Der singuläre Charakter des Buches

›Ende der Hypnose‹ ist ein Essay, der Lerneffekte auslöst, schöne Lerneffekte, dass man das Gefühl hat, es fällt einem wie ein Schleier von den Augen, oder – Daniel Düsentrieb! – uns geht ein Licht auf, der Groschen fällt, und die immer schon knochentrockene Strategie Windows 2.0, Windows 3.0 usw. usf. offenbart sich als ein unverfrorenes Marketing-Konzept, um weit und breit ansehnliche Beträge abzugreifen.

Wir folgen dem singulären Charakter des Buches noch etwas weiter, denn dieser Gedanke ist elementar, und tatsächlich bricht den binären Traumtänzern das gesamte ›Fortschritts‹-Marketing zusammen wie ein Kartenhaus. Denn ein Buch ermuntert uns, kontinuierlich bei der Sache zu bleiben, der Ausarbeitung der Gedanken sowohl im Buch als auch im eigenen Kopf konzentriert zu folgen und unser Verständnis für die uns umgebende Welt zu schulen.

Im Kontext des Lebendigen

Ganz im Gegensatz dazu die ›website‹ mitsamt ihren ›hyperlinks‹ ähnlich der Funktionsweise eines Adventskalenders, die uns unablässig animieren, ganz woanders hinzugehen, unsere Aufmerksamkeit zu zerstreuen. Und, umgekehrt, geradezu absurd wirkt der Gedanke, wir würden in einem Buch eine Seite ›besuchen‹ – nein, wir müssen Roland Reuß recht geben, ein Übergang vom Buch zur digitalisierten Fassung ist kein logischer, organischer ›Fortschritt‹, sondern es handelt sich um krasse Gegensätze, die uns eine Entscheidung auferlegen.

Reuß begreift das Buch als ein Phänomen im Kontext des Lebendigen, und das ist eine Haltung, die den binären Abläufen nicht zugänglich ist; deshalb auch haftet deren kümmerlichen Bemühungen, Lebendigkeit zu verbreiten, so viel mitleiderregende Absurdität an. ›Soziale Medien‹ und all diese bemühte Maskerade.

Wann merkt’s die Politik?

Mehr noch, Reuß setzt sich für eine Ökologie des Buches ein; das kommt dem sehr nahe, was man früher ›Lesekultur‹ nannte – auch so ein Begriff, der der Säuberung der Sprache zum Opfer fiel, man bemerkt das leider erst hinterher.

Man wird der Arbeit von Roland Reuß jedoch nicht gerecht, wenn man sich auf das Thema Buch als ihrem zentralen Anliegen beschränkt. ›Ende der Hypnose‹ ist zwar ein schmales Bändchen, enthält jedoch weit mehr, etwa die Einforderung politischer Handlungskompetenz; denn das digitale Medium sei keineswegs neutral, sondern eine totalitäre Technik, zielsicher angetrieben von den Agenten besinnungsloser Beschleunigung und einer Dynamik der Gier.

Hypnosezustand

Als Normalzustand werde im Alltag die Haltung herangezüchtet, immer präsent sein zu müssen, und zweifellos sei das von Industrie und Interessenpolitik so beabsichtigt; es handle sich um einen Anschlag auf unsere Fähigkeit, in Ruhe nachzudenken – und wie so oft zeige sich eine Politik, die das Problem überhaupt nicht wahrnehme. Widerstand im Alltag? Im Alltag herrsche allgemeine Depression.

Man kann dem gar nicht widersprechen, und als Quintessenz lässt sich nur wiederholen, dass vor allem in der Haltung zum Buch ein Konfliktpotential vorhanden ist, das letztlich die schillernde digitale Seifenblase zum Platzen bringen kann. Das und mehr ist von Roland Reuß in diesem lesenswerten Band überzeugend herausgearbeitet, und man kann nur hoffen, dass seine klugen Gedanken ihr Teil dazu beitragen, uns von dem allseits lastenden Zustand der digitalen Hypnose zu befreien.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Roland Reuß: Ende der Hypnose. Vom Netz zum Buch
Frankfurt/Main und Basel: Stroemfeld 04/2016
127 Seiten, 12,80 Euro
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