»Bilder, in denen Blut und Gehirn spritzen, interessieren mich nicht«

in Comic/Porträt & Interview

Comic | Interview mit Erik Kriek

Der niederländische Comic-Künstler Erik Kriek stürzt sich gerne auf morbide, düstere Stoffe. 2013 brachte der Avant-Verlag seine Lovecraft-Adaptionen ›Vom Jenseits und andere Erzählungen‹ in deutscher Sprache heraus. Heuer hat er auf dem Comic Salon in Erlangen sein neues Werk vorgestellt: ›In The Pines – 5 Murder Ballads‹. CHRISTIAN NEUBERT unterhielt sich mit ihm – über seine Arbeitsweise, die Zeitlosigkeit von Horror und das, was dem Unheil vorausgeht.

Erik Kriek - Vom JenseitsSowohl die ›Murder Ballads‹ als auch Lovecrafts Prosa bestechen durch eine bildhafte Sprache. Eignet sich diese Expressivität besonders gut für Comic-Adaptionen?
Schon, aber ich denke, dass es überhaupt ein Luxus ist, gute Texte als Ausgangsmaterial zu haben. Bei ›Vom Jenseits‹ bin ich mit meinen Comic-Umsetzungen nahe an den zugrunde liegenden Lovecraft-Texten geblieben, während ich mir bei ›In The Pines‹ viele Freiheiten erlaubt habe. Die ›Murder Ballads‹ haben mir lediglich als Ausgangspunkt gedient. Insofern sind meine Adaptionen auch eher meine eigenen Geschichten. Mir ist erst während der Arbeit an ihnen aufgefallen, dass ich auch das Zeug zum Schreiben habe. Bisher habe ich nämlich nur gezeichnet und mir das Schreiben nicht wirklich zugetraut. Ich denke, diese Fähigkeit kommt mit dem Alter. Zumindest bekommt man dann das nötige Selbstvertrauen.

TITEL: Lovecraft hat ja zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben. Zu einer Zeit also, aus der auch die Tradition der ›Murder Ballads‹ stammt. Ist dieses historische Setting eine dankbare Kulisse für Dich, um sie zu zeichnen?
Erik: Ich denke, dass die Stoffe im Grunde zeitlos sind. Lovecraft ist ja einer der letzten Vertreter des American Gothic. Und diese Strömung wiederum kommt aus England. Doch obwohl Lovecraft in einer Tradition steht, ist seine Prosa singulär. Sie ist durchzogen von einer kosmischen Einsamkeit – und lässt sich historisch nicht verorten. Vielmehr beschreibt er mythische Orte. Ich denke, bei ›In The Pines‹ ist das genauso. Die ›Murder Ballads‹ sind der Zeit entrückt. Es ist nicht wichtig, wo und wann sie spielen. Sie funktionieren ein bisschen wie Märchen. Ich habe bewusst keine Jahreszahlen genannt. Manchmal sieht man z.B. ein Auto. Vielleicht lässt das dann auf das Jahr 1910 oder 1920 schließen. Wenn ich mich aber entschieden hätte, die Geschichten in die Gegenwart zu verlagern, wäre das Zeichnen auch kein Problem gewesen.

Kann man Dich als Comic-Künstler auf makabre und morbide Themen festlegen?
Ein Stück weit bestimmt. Ich mag einfach das Dunkle und Düstere. Das kommt bei mir irgendwie automatisch.

Interessieren Dich dann auch modernere Horrorgeschichten? Aktuell sind ja z.B. Zombies sehr angesagt …
Letztendlich geht es mir um die Qualität der Geschichten. Wenn sie gut sind, entfalten sie ihre Kraft, weil sie unsere Gefühle ansprechen – und Angst ist eine uralte Empfindung. Was Lovecraft im Speziellen für mich ausmacht, ist der Aspekt des Kontrollverlusts. Anfangs bestimmt der Protagonist die Handlung, aber zunehmend entzieht sich ihm die Möglichkeit der Einflussnahme. Er ist ausgeliefert, und das begreift er irgendwann. Darin liegt der Horror.

Comic Erik Kriek
Comic-Künstler Erik Kriek
Dann bist Du wohl auch keiner, der großen Wert auf die Darstellung von Gewalt legt, oder?
Ja, Bilder, in denen Blut und Gehirn spritzen, interessieren mich nicht. Mir geht es gerade inhaltlich um das, was vorher passiert. Um das, was dem Unheil vorausgeht.

Wie entstehen Deine Comics? Zeichnest Du mit Tusche oder Fine Liner und kolorierst dann am Computer?
Die Arbeit an ›Vom Jenseits Und Andere Erzählungen‹ war sehr langwierig. Ich wollte, dass es bei ›In The Pines‹ schneller geht – was mir aber nicht gelungen ist. Für die einzelnen Seiten habe ich je zwei Zeichnungen vorskizziert: die Vorder- und die Hintergründe. Am Leuchttisch wird das dann zusammengefügt und getuscht. Die Farbe kommt hinterher am Computer dazu.

Mich erinnern Deine Zeichnungen ja an Holzschnitte …
Das ist kein Wunder: Ich habe meine Hochschulreife mit Holz- und Linolschnitten erworben. Daher auch der Name meiner Homepage: gutsmancomics.com. Gutsman war mein Spitzname in der Schule, weil ich immer mit dem »Guts« – dem Schaber zum Anfertigen der Holzschnitte – gearbeitet habe.

Kennst Du zufällig den Zürcher Comic-Künstler Thomas Ott? Ich finde, Eure Comics sind sich zumindest inhaltlich recht ähnlich …
Ja, wir haben uns sogar mal persönlich kennengelernt. Er ist ein sehr netter Kerl – und ein großer Künstler. Wir haben viele gemeinsame Interessen, auch da sind wir uns recht ähnlich.

Gibt es ansonsten Zeichner, die Dir wichtig sind?
Als Kind habe ich zum Beispiel Asterix und Blueberry gemocht. In den Achtzigern bin ich dann auf das Art Spiegelmans Magazin ›Raw‹ gestoßen. Das hat mir die Augen geöffnet. Es hat mich gelehrt, sich zeichnerisch in alle Richtungen bewegen zu können. Am wichtigsten war allerdings Charles Burns für mich. Auch, weil ich über ihn die alten EC Comics entdeckt habe. Die alten EC-Künstler schätze ich sehr. Denn heute können wir alle möglichen Stile googeln, während die Zeichner von damals, Wally Wood zum Beispiel, ohne viele Vorbilder arbeiten mussten. Das war wirkliche Pionierarbeit.

Vom Jenseits - Cthulhu›In The Pines‹ wird ja mit einer CD herausgegeben, auf denen man sich die jeweiligen Murder Ballads anhören kann. Sollen die als Soundtrack funktionieren?
Die Songs sind gemeinsam mit den Bluegrass Boogiemen entstanden, das sind Freunde von mir. Als ich erzählt habe, dass ich an dem Buch arbeite, haben sie vorgeschlagen, es gemeinsam mit einer CD herauszubringen. Ich war erst skeptisch, weil ich keine Ahnung von der rechtlichen Situation mit so etwas habe. Sie meinten aber, dass sie Coverversionen einspielen wollen, dann ist das kein Problem. Das war ein tolles Angebot von ihnen – und wir profitieren gleichermaßen davon. Drei der Lieder habe ich auch gesungen: ›Taneytown‹, ›Pretty Polly‹ und – im Duett – ›Where The Wild Roses Grow‹. Ob das beim Lesen als Soundtrack funktioniert, weiß ich nicht, das muss wohl jeder selbst wissen. Aber es ist tolle Musik.

Sind Musik und Literatur generell die wichtigsten Inspirationsquellen für Dich?
Literatur schon, ich lese ziemlich viel. Filme und Serien sind mir aber genauso wichtig. Man lernt da einfach viel über Dramaturgie und Figurenentwicklung. Musik dagegen ist eher so etwas wie ein guter Freund. Als Comiczeichner sitze ich alleine am Tisch, für viele, viele Stunden. Musik begleitet mich dabei. Das würden Dir wahrscheinlich alle Zeichner antworten.

Und was steht nun bei Dir an? Hast Du schon eine neue Comic-Idee auf Lager, an der Du arbeiten willst?
Nachdem ich bisher nur Kurzgeschichten gemacht habe, will ich mich an einer längeren Erzählung versuchen. Eine, bei der ich große Spannungsbögen aufbauen muss. Es soll eine Art Western werden. Allerdings einer, der in Skandinavien spielt …

Ich bin gespannt – und danke Dir für das Gespräch!

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Erik Kriek: In the Pines
Berlin: avant Verlag 2016
136 Seiten, 24,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Erik Kriek: Vom Jenseits und andere Erzählungen
Berlin: avant Verlag 2013
144 Seiten, 19,95 Euro
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Reinschauen
| In the Pines – Leseprobe
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