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Kinderbuch | Marcin Szczygielski: Hinter der blauen Tür

Verschlossene Türen zu öffnen, ist unwiderstehlich. Manchmal muss man nur die Klinke hinunterdrücken, ein anderes Mal einen Schlüssel im Schloss drehen. Dann gibt es noch die besonderen Türen, die sich öffnen, wenn man ein bestimmtes Wort sagt. Oder auf eine bestimmte Weise klopft. Marcin Szczygielskis kleiner Held klopft. Was hinter dem Klopfen und hinter der Tür steckt, ist rundum unerwartet und verblüfft nicht nur Kinder. Von MAGALI HEISSLER

Marcin Szczygielski: Hinter der blauen TürLukasz wäre es lieber, wenn seine Mutter mehr Zeit hätte für ihn, aber er versteht, dass sie viel arbeiten muss. Die Wohnung in Warschau, sein Handy, die Playstation, gutes Essen, gute Kleider und ein großes Auto haben viel für sich. Er genießt die Annehmlichkeiten gern. Wirklich Freude aber macht es ihm, als seine Mutter tatsächlich Urlaub macht und sie zusammen wegfahren. Das wird schön!

Das wird es nicht. Auf der Fahrt schon passiert ein Unfall. Lukasz findet sich schwerverletzt im Krankenhaus wieder, seine Mutter, erfährt er zu seinem Schrecken, liegt im Koma. Während der Junge sich langsam erholt, ändert sich an ihrem Zustand nichts. Als eines Tages eine Fremde auftaucht, die behauptet, Lukasz’ Tante zu sein, ist er hin- und hergerissen. Einerseits ist es nicht schlecht, eine Familie zu haben, andererseits verschleppt ihn die Tante weit weg von Warschau und seiner Mutter in ein winziges Städtchen an der Küste. Dort führt sie eine Pension in einem alten Haus.

Das Haus ist seltsam, stellt Lukasz bald fest. Hinter seinen vielen Türen liegen nicht immer Zimmer. Jedenfalls nicht, wenn man auf besondere Weise klopft. Was es damit auf sich hat, erfährt Lukasz, als es schon fast zu spät ist, etwas rückgängig zu machen, das er in aller Naivität selbst angerichtet hat.

Fantasie und Fantasy

Eine Kindergeschichte über das alltägliche Leben mit fantastischen Elementen zu vermischen, ist nicht neu. Eine solche Konstruktion zu nutzen, um nicht nur ein Abenteuer zu erzählen, sondern beispielhaft einen Reifeprozess zu schildern, auch nicht. Szczygielski aber geht noch ein Schrittchen darüber hinaus. Eben der kleine Schritt auf dem Pfad zwischen Fantasie und Fantasy macht sein Buch richtig originell.

Nicht dass man es gleich merkt, im Gegenteil ist der Einstieg geradezu brav. Lukasz’ Beschreibung seines Alltags, das Aufzählen all der Vorteile des modernen gehobenen Lebensstils sind fast langweilig. Sprachlich ist das überdies einfachst gehalten. Der Unfall bricht schockartig ein in das Dahinplätschern.

Dass man dem Autor schon ins Netz gegangen war, begreift man erst, wenn man das Buch zu Ende gelesen hat. Zunächst sind die Weichen auf Fantasy-Abenteuer gestellt. Die fremde Welt, die Lukasz’ entdeckt, ist exakt in der richtigen Mischung aus magisch Schönem und untergründig Unheimlichem beschrieben. Ein Plus ist überdies der kleine Anflug von Science Fiction, den der Autor dazumischt. Lukasz’ Traum ist es, Gentechniker zu werden. Zuweilen ist man unsicher beim Lesen, ob er nicht schon in seinem Zukunftstraum herumspaziert.

Die Geschichte bewegt sich lange auf vertrauten Bahnen. Die wachsende Klaustrophobie an einem Ort fernab der zivilisierten Welt, die emotionale Flucht eines kleinen Helden, der seit einem Unfall an Krücken geht, in ein wunderbares Märchen, Gefahren von unerwarteter Seite und dazu ein Grüppchen Kinder, mit denen der Held sich erst zusammenraufen muss, sind nur die wichtigsten von vielen anderen bekannten Versatzstücken, die auftauchen. Die so geschaffene Vertrautheit aber hält eine am Lesen und bietet zugleich den Boden für ein geradezu ungeheuerliches Abenteuer. Seine Rätsel begeistern nicht nur die angesprochene Altersgruppe.

Der Clou

Szczygielski arbeitet wie bei einem Krimi, er legt die Fährte sorgfältig aus, unauffällig, fast unbemerkt. Tatsächlich verschweigt er nicht, wie die Sache wirklich steht, aber er verschleiert seine Absichten mit höchstem Geschick. Er treibt ein Spiel auf hohem Niveau. Geradezu beiläufig spricht er, während ein buntes Abenteuer abläuft, Themen wie Familie, Zusammengehörigkeit, Vatersuche, die Folgen des modernen Lebens für Kinder an. Er erzählt von ihren Wünschen, ihren Träumen einer Zukunft, die, ganz altmodisch-humanistisch, eine bessere ist als ihre Gegenwart. Er erzählt von ihrem Mut, ihrer Unverwüstlichkeit, ihrem unbedingten Willen, etwas in Gang zu setzen, damit sich Dinge zum Besseren ändern.

Lukasz ist ein sehr tapferer Held, aber nie überzeichnet. Die Schmerzen in seinem Bein halten ihn nicht davon ab, seinen Weg zu gehen. Geschönt wird nichts, der Konflikt zwischen Lukasz und einem anderen Jungen wird in aller Hässlichkeit und Bösartigkeit ausgetragen und auch so beschrieben. Helden sind nicht fleckenlos rein, aber auch nicht nur liebesbedürftige Schmerzensmänner. Fehl und Tadel gibt es zuhauf.

Die Geschichte ist unleugbar spannend, die Figuren, gleich, ob Erwachsene oder Kinder sind nicht breit ausgemalt, aber die Konturen geben das Wesentliche wieder und das ist das, was der kleine Ich-Erzähler wahrnimmt. Ob seine Wahrnehmung korrekt ist, wird nicht gefragt. Die Krallenhand, die jeweils am Kapitelanfang auftaucht, sollte als Warnsignal betrachtet werden. Sie ist groß genug, dass man sie auch beim hektischen Lesen nicht übersieht. Das ist ein Vorteil, denn das Ganze ist streckenweise derart spannend, dass man verführt wird, nur schnell vorwärts zu eilen. Auch das raffinierte Cover sollte einer zu denken geben.

Der Clou am Ende ist beeindruckend ausgedacht. Alles wird zurechtgerückt, allerdings ohne die letzten Geheimnisse wegzunehmen. Und das ist der eigentliche Kniff. Es gibt immer noch Rätsel, noch immer etwas zu entdecken, noch immer etwas zu unternehmen und vielleicht besser zu machen.
Wie viel mehr kann man Kindern mittels einer Geschichte mitgeben?

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Marcin Szczygielski: Hinter der blauen Tür
(Za niebieskimi drzwiami,2010) aus dem Polnischen übersetzt von Thomas Weiler
Frankfurt/Main: Fischer Sauerländer 2016
315 Seiten. 13,99 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren
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