Von Politikern und Journalisten

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Friedemann Weckbach-Mara: Deutschland – Deine Politiker

»La pentola guardata non bolle mai«, sagt man in Sizilien. Mit diesem Bild eines Topfs voller Wasser, das auf dem Herd solange nicht zu kochen beginnt, wie jemand zuschaut, lässt sich der Idealzustand des Verhältnisses von Politik und Journalismus beschreiben. Als »Vierte Gewalt« soll die Presse das Tun und Nichtstun der Politiker beobachten, darüber berichten und so dem Missbrauch von Macht vorbeugen. Allein, um an ihre Informationen zu kommen, sind Journalisten letztlich auf ein mehr oder weniger enges Verhältnis zu Politikern angewiesen. Die daraus entstehenden Probleme sind auch denen bekannt, die nicht »Lügenpresse« skandieren. Einen Blick hinter die Kulissen bietet das neue Buch von Friedemann Weckbach-Mara. Von JULIAN KÖCK

Weckbach Mara Deutschland Deine PolitikerWeckbach-Mara ist seit 1968 Journalist. Er arbeitete unter anderem für die ›Bild‹, die ›Bild am Sonntag‹, die Nachrichtenagentur ›ddp‹, den Kölner ›Express‹, die ›Welt am Sonntag‹, die ›Berliner Zeitung‹, die ›B. Z.‹ sowie die ›B. Z. am Sonntag‹. Folglich ist es kein Wunder, dass er ein ganzes Buch mit seinen Erinnerungen füllen kann und das Buch phasenweise Memoirencharakter hat. Man folgt Weckbach-Mara auf Reisen durch Afrika oder eine Dschungelexpedition mit Loki Schmidt, für die er zeitweise als Berater tätig war. Dann wieder berichtet er über ein Gespräch mit Prinzessin Diana auf einem großen Empfang oder beschreibt den Wodkakonsum und die fehlenden Haltegurte in einer von der Luftwaffe geleasten ukrainischen Antonov auf der Reise nach Afghanistan. Für eine Story war »fwm« dann auch bereit, um die halbe Welt zu reisen, sich in Regierungsgebäude einzuschleichen oder für eine Bonner Rotlichtgröße ein Pferd einzuspringen. Mit anderen Worten: Weckbach-Mara war ein durch und durch romantisches Journalistenleben vergönnt.

Nicht erst heute – in Zeiten von Twitter und immer schnellerem Aufmerksamkeitszyklus – ist das Private politisch geworden. Die persönlichen Verhältnisse von Politikern spielten schon zuvor eine große Rolle, obschon man in der Bonner Republik nicht über die außerehelichen Affären von Politikern berichtete. Dass einen die neue Liebe zu Fall bringen kann, zeigt das Schicksal des damaligen Verteidigungsministers Scharping, der aufgrund einer Love-Story in der ›Bunten‹ zurücktreten musste. Interessant ist, was Weckbach-Mara über die Vorgeschichte des Ereignisses schreibt. Offensichtlich war ihm schon länger bekannt, dass Scharping nicht mehr mit seiner Frau liiert war, sondern eine neue Freundin hatte. Weckbach-Mara erklärte sich bereit, darüber noch nicht zu berichten und bekam von Scharping eine Exklusivstory versprochen. Dann mehrten sich die Gerüchte, andere Journalisten waren auf der Spur. Deshalb rief der Journalist den Verteidigungsminister an und machte ihn darauf aufmerksam, dass die Sache kurz vor der Veröffentlichung stünde, und erinnerte an Scharpings Versprechung. Der erwies sich als Mann seines Wortes, verließ verfrüht eine NATO-Veranstaltung in Irland, holte Weckbach-Mara in Berlin ab und nahm ihn mit zur neuen Freundin.

Ähnliche Abmachungen gab es auch mit anderen Politikern. Überhaupt scheint das quid pro quo ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Verhältnisses von Politikern und Journalisten zu sein. Ein Beispiel: Wie so oft begleitete »fwm« einen deutschen Politiker bei einer Auslandsreise in dessen Entourage, wovon deutsche Diplomaten wohl nicht allzu begeistert waren. Für das Versprechen, dass die Bild eine Fotographie, die den Politiker – Alfred Dregger – zusammen mit Ronald Reagan zeigt, abdrucken würde, vermittelte Dregger ein Interview mit dem damaligen US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger. Deutsche Botschaften werden wohl schlagartig sehr kooperativ, wenn man mit dem Presse-Ausweis winkt, zumal wenn er von der ›Bild‹ ist.

Quid pro quo

Nun mag man durchaus misstrauisch sein, was enge Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern anbelangt. Führt eine zu große Nähe nicht zu symbiotischem Verhalten, zu mangelnder Kritik? Das mag sein. Die heftigen Angriffe gegen weite Teile der Presselandschaft und die Politik scheinen nicht zuletzt die Folgen einer fortschreitenden Differenzierung der Gesellschaft in voneinander abgekapselte Gruppen zu sein, die wenig Verständnis für andere Lebenswelten aufbringen. Pierre Bourdieu hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Typus des Berufspolitikers sich mehr und mehr von der Bevölkerung entfernt und eine eigene Klasse bildet. Etwas Ähnliches lässt sich auch bei vielen Journalisten erkennen, deren Biographien sich immer mehr angleichen. Nicht studierte Redakteure sind heute eine Seltenheit, entsprechend elitär ist die Zunft geworden. Es ist freilich Gift für eine Gesellschaft, wenn sich Teile der Gesellschaft in Politik und Presse nicht mehr wiederfinden. Aus den daraus entstehenden Dynamiken können sich Parteien wie die AfD speisen, deren Führer freilich selbst den gesellschaftlichen Eliten zugerechnet werden können.

Jedenfalls leben Journalisten von ihren Quellen, ohne enge Kontakte zu Politikern wäre eine aktuelle und detaillierte Berichterstattung nicht denkbar. Dies betrifft besonders sensible Information, wie das SDI-Abkommen Mitte der 1980er Jahre zeigt. Darin ging es um eine Zusammenarbeit der USA und Westdeutschland mit dem Ziel, Waffensysteme zur Abwehr von Interkontinentalraketen im Weltall zu installieren. Das Abkommen war geheim und nur Parlamentarier und Beamte mit besonderer Zulassung durften es in einer Geheimschutzstelle einsehen. Wäre nicht ein Abgeordneter und Freund von Weckbach-Mara bereit gewesen, die Papiere kurz herauszuschmuggeln und abfotografieren zu lassen, hätte die deutsche Bevölkerung von diesem, für Deutschland keineswegs günstigen Abkommen nichts erfahren. Ein Schelm, der in diesem Moment an das Transatlantische Freihandelsabkommen denkt. Auch die von »fmw« gebotene Liste von Verfehlungen von Politikern, die durch die Presse aufgedeckt wurden, ist lang. Sie reicht von großzügig bewilligten »Arbeitsreisen« für Ministeriumsbeamte sowie Dienstwagen und -flug-Skandale, über Spionagefälle hin zu regelrechten Politthrillern, wie sich einst – das sogenannte »Waterkantgate« – in Schleswig-Holstein abspielte. Insgesamt sollten die Verstrickungen um den Journalisten Reiner Pfeiffer zwei Ministerpräsidenten das Amt kosten. Pfeiffer wechselte vom Springer-Konzern zur Landesregierung von Schleswig-Holstein, wo er unter Ministerpräsident Uwe Barschel als Medienreferent reüssierte. Er überzog die SPD und deren Landeschef Björn Engholm mit einer Schmierenkampagne, die Steueranzeigen, Aids-Gerüchte und auch den Versuch umfasste, der SPD das Abhören von Barschels Telefon unterzuschieben. Als das durch mehrere ›Spiegel‹-Artikel herauskam, kostete es Barschel trotz Unschuldsbekundungen das Amt. Kurz darauf starb Barschel unter bis heute nicht sicher geklärten Umständen in der Schweiz. Allein, das war noch nicht das Ende der Affäre. Nach und nach kam heraus, dass Pfeiffer der SPD seine Aktionen bereits vor der Wahl am 13.9.1987 offenbart hatte. Er sollte sogar einen mittleren fünfstelligen Betrag vom SPD-Landesvorsitzenden Günther Jansen und dem Pressesprecher des SPD-Landtagsfraktion Klaus Nilius erhalten.
Bei der Neuwahl am 8.5.1988 wurde Engholm, der damals als das unschuldige Opfer einer gewaltigen Schmierenkampagne galt, mit großer Mehrheit gewählt. Als SPD-Chef durfte er sich Hoffnungen auf die Kanzlerkandidatur machen, doch dann holte ihn die Affäre ein. Nicht zuletzt Weckbach-Mara war an der Sache dran geblieben, auch wenn er und andere Kollegen sich damit bei vielen Politikern nicht beliebt machten. Schließlich musste Engholm 1993 einräumen, dass er schon vor der Wahl von diesen Vorgängen wusste, die ihm als vermeintlich ahnungslosem Opfer zugutegekommen waren. Damit aber hatte er einen Meineid vor dem Untersuchungsausschuss geleistet – und musste zurücktreten. Dies mag als Beispiel für die Bedeutung der Presse genügen, die in ihrer edelsten Gestalt die Verkörperung und das Gedächtnis der Öffentlichkeit darstellt.

Gedächtnis der Öffentlichkeit

Freilich kann sich ein enges Verhältnis von Politikern und Journalisten auch so auswirken, dass Informationen zurückgehalten oder anderweitig Einfluss auf die Berichterstattung genommen wird. Ein besonderes Händchen dafür hatte Hans-Dietrich Genscher, wie man dem Buch entnehmen kann; so gelang es ihm beispielsweise, ein mit Möllemann geführtes und autorisiertes Interview kurzerhand wieder zurücknehmen zu lassen. Weniger drastisch, aber bezeichnend: 1982 wurde die ›Bild‹-Schlagzeile »Genscher fiel um« auf seinen Einfluss hin in »Steuern rauf – Drama in Bonn« geändert. Zwei gewisse vollleibige Politiker aus der Pfalz verweigerten konsequent die Zusammenarbeit mit Journalisten, die nicht nach ihrem Gusto berichteten, und der erfolgreichere der beiden versuchten gar, Redakteure auswechseln zu lassen. Besonders eindrücklich machte Joschka Fischer seine Abneigung deutlich. Bei einem Interview in Italien verspeiste der damalige Außenminister bei 35 °C im Freien genüsslich seine Brotzeit, während den Journalisten nicht einmal Wasser angeboten wurde.

Ganz anders Gerhard Schröder, der im Kanzleramt Currywurst und Champagner reichen ließ. Schließlich hatte Schröder keine Berührungsängste mit der Springer-Presse, wie seine legendäre Äußerung deutlich macht: »Zum Regieren brauche ich ›Bild‹, ›BamS‹ und Glotze.« Willy Brandt verfasste übrigens nach seiner Kanzlerschaft auch Artikel für die ›Bild‹, wobei er, wie Weckbach-Mara berichtet, seine Bezahlung immer in bar verlangte. Soviel zur gerne angeführten Feindschaft von SPD und Springer.

Pfefferminzetee am Morgen

Schließlich erfährt der Leser auch die eine oder andere Information über Angela Merkel. Beispielsweise schlug sie 1992 als Ministerin für Frauen und Jugend vor, ein Gleichstellungsgesetz zu erlassen, das die Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern sollte. Unternehmen wären in der Pflicht gewesen, Frauen nicht aufgrund ihres Geschlechts abzulehnen – und hätten dies vor Gericht im Zweifel auch beweisen müssen. Andernfalls hätten sie den abgelehnten Bewerberinnen eine Entschädigung zu zahlen gehabt. Damals machte man sich in der CDU darüber noch lustig, auch Weckbach-Mara schrieb einen abfälligen Artikel. Kurz darauf rief Angela Merkel bei ihm an und man verabredete sich zum Essen. Seitdem hat Weckbach-Mara zahlreiche Interviews mit Merkel geführt – und einige danach weggeworfen, weil sie zu geringen Nachrichtenwert hatten: Merkel ließ und lässt sich nur selten aus der Reserve locken. Morgens trinkt sie meist Pfefferminztee – bedenklich.

Wie sich die Presse in Deutschland weiter entwickeln wird, ist eine der wichtigen Fragen der Zukunft. Ohne eine differenzierte Presselandschaft, die möglichst objektiv berichtet und von der Bevölkerung als vertrauenswürdig angesehen wird, ist kein demokratischer Staat zu machen. Dass es dabei ein Spannungsfeld gibt, das sich zwischen den Polen zu geringer und zu großer Distanz von Presse und Politik erstreckt, wird sich nicht ändern lassen. Es lohnt sich, auf die Dynamik dieses Spannungsfelds zu achten – und sich mit der Presselandschaft zu beschäftigen. Friedemann Weckbach-Maras Buch ist ein guter Ausgangspunkt dafür; es vermittelt dem Laien einen Eindruck von der Arbeit, die hinter einem Artikel steht, und den Funktionszusammenhängen, denen der politische Journalismus unterworfen ist. Dass es gut geschrieben und immer unterhaltsam ist, verwundert nicht.

Titelangaben
Friedemann Weckbach-Mara: Deutschland – Deine Politiker
Machtkämpfe, Staatsgeheimnisse, Amtsmissbrauch und Privates von Helmut Schmidt bis Angela Merkel
Mitteldeutscher Verlag: Haale (Saale) 2016
424 Seiten, 24,95 Euro