Das letzte Abenteuer

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Digitales | Games: Uncharted 4: A Thief’s End

Wo sonst Lara Croft mit Oberweite und Indiana Jones mit einem Doktortitel in Peitschologie beeindrucken können, profiliert sich Nathan Drake mit Grips, Muskelkraft und viel Waffengewalt. In ›Uncharted 4: A Thief’s End‹ darf er seine Talente wohl zum letzten Mal nutzen. FLORIAN RUSTEBERG hat den männlichen »Tomb Raider« auf seinem Action-Abenteuer an die malerischen Schauplätze begleitet.

cover_normalWenn beim amerikanischen Entwickler »Naughty Dog« ein Spiel in der Mache ist, dann ergibt das in der Regel einen Hit. Auf der Playstation 1 erschuf das Studio mit ›Crash Bandicoot‹ eine Ikone, auf der PS2 folgte ein ähnlicher Erfolg mit ›Jak and Daxter‹. Seit der dritten Generation der Playstation hatte mit ›Uncharted‹ ein eher erwachsener Ton Einzug gehalten. Nathan Drake, der Protagonist, ist ein charismatischer Abenteurer, der Typus des sympathischen Halunken und Glücksritters. In bisher drei großen Abenteuern ist er den Fans ans Herz gewachsen. Ein ›Uncharted‹-Titel garantiert schließlich immer eine spannende Geschichte um legendäre Schätze, exotische Schauplätze und emotionale Bindungen, verknüpft mit durchgehender Action und heftigen Schießereien. Kein Wunder, dass der vierte Teil schon lange vor seinem Erscheinen als wichtigstes Spiel für die ›Playstation 4‹ gerühmt wurde. Das aber auch nicht zu Unrecht, die Entwickler haben gegenüber den Vorgängern in allen Bereichen noch eine Schippe draufgelegt. Schöner, größer, länger, tiefer… aber erstmal zum Anfang:

Eigentlich hat der Dieb Nathan Drake schon vor Beginn der Geschichte sein Ende gefunden. Er geht einem seriösen Job nach, taucht legal für Bergungsunternehmen. Nach den Ereignissen des dritten Teils ist die Beziehung mit seiner Frau Elena wieder im Lot und sie leben glücklich in einem Reihenhaus in New Orleans. Auch der Verlockung eines schnellen Abenteuers kann Drake widerstehen, alles wird aber anders als Verbindungen aus der Vergangenheit zurückkehren und in Form seines älteren Bruders Hilfe benötigt. Was als eine kleine Überdehnung der Gesetze beginnt, wächst schnell an. Plötzlich findet sich der Protagonist im alten Trott wieder, die Pistole griffbereit im Holster und an Abhängen entlangkraxelnd.

Auf den ersten Blick mag das Schema altbacken sein, der tot geglaubte Verwandte kehrt zurück und verwickelt den Geläuterten in neue kriminelle Machenschaft. So einfach ist das aber nicht, »Naughty Dog« lässt den Spieler die Ereignisse der Vergangenheit selber durchleben. Es ist also nicht nur Mittel zum Zweck, denn im Spielverlauf wird vieles über Nathan Drake und seine Herkunft klarer. Zu Anfang nimmt die Geschichte erst gemächlich Fahrt auf und wird in vielen Zwischensequenzen erzählt. In der zweiten Hälfte bietet sie aber fast durchgehend Spannung und hohe Geschwindigkeit. Manchmal rückt die Handlung jedoch in den Hintergrund, denn es gibt Momente in ›Uncharted 4‹, in denen der Spieler einfach nur die wunderbare Aussicht genießen kann. Besonders wenn Nathan mühsam bis zu diesem Punkt klettern musste.

Freundlicher Massenmörder

Nicht nur die Aussichten sind atemberaubend, die gesamte grafische Darstellung ist in allen Bereichen positiv hervorzuheben. Die Schauplätze sind wunderbar designet und wunderbar animiert. Viele Details gibt es zu bestaunen, beispielsweise wie ein Jeep nach Fahrten durch den Schlamm immer mehr verdreckt, der Morast hochspritzt und langsam trocknet. Und natürlich wieder sauber wird, wenn er durchs Wasser prescht. Die Lebendigkeit der Gesichter stellt einen neuen Meilenstein dar, zumindest wenn es sich um die Gesichter der Hauptcharaktere handelt. Den meisten Eindruck schinden allerdings die nahtlosen Übergänge der Zwischensequenzen ineinander und direkt in den Spielverlauf. Wähnt sich das Auge noch direkt in einem Video, hebt sich die Kameraperspektive und schon beginnt das Spielgeschehen. Dieses Kunststück trägt ungemein dazu bei, eine Art Action-Film zu schaffen, in dem der Zuschauer/Spieler interaktiv eingebunden ist.

Spielerisch gibt es dazu viel übliche Action-Kost. Der etwas in die Jahre gekommene Abenteurer klettert agil wie ein Jüngling an Felswänden, Fassaden und Sonstigem entlang. Der Spieler muss dazu nur den Weg finden, oft gibt es dafür auch kleine Alternativen. Neu ist dabei ein Seil, das an bestimmten Stellen das Schwingen ermöglicht. Aufgelockert wird das Erkunden der linearen Spielwelten durch Ansammlung von feindlich gesinnten Söldnern, die erstmals auch still und heimlich eliminiert werden können. Dabei kann genretypisch die Vegetation als Deckung genutzt werden, um heranzuschleichen und kurzen Prozess mit den Feinden zu machen. Alles in allem ist diese Spielmechanik recht einfach gehalten und bietet keine Innovation, die Umsetzung ist dennoch solide. Für weniger Zartbesaitete bietet sich da immer noch die offene Konfrontation an. Oft ist die unvermeidbar, aber so oder so, am Ende steht der Tod einiger Hundert Halunken auf der Uhr.

Uncharted-4_drake-truck-leap1Solch eine Gegebenheit ist das Musterbeispiel für die »ludonarrative Dissonanz«. Der Begriff bezeichnet den Gegensatz zwischen Erzählung und des eigentlichen Ablaufes eines Spieles. Nathan Drake wird als emotionaler, auch liebevoller Mensch dargestellt. Nüchtern betrachtet ist er hundertfacher Massenmörder und skrupelloser Krieger. Und weder seine Freunde noch Frau nehmen Anstoß daran. Vergleichbar für die Filmwelt ist es, würde Indianer Jones nicht trickreich seinen Häschern entkommen, sondern einfach alle niederballern. Zugegeben, auch Dr. Jones greift gerne zur Waffe, aber das hält ein vernünftiges Maß. Dem Videospiel als Medium fällt es schwer, zwischen solchen Polen die Waage zu halten: einerseits narrativ überzeugen, andererseits muss der Spieler auch beschäftigt werden. Speziell an der ›Uncharted‹-Serie wurde dieser Konflikt stets deutlich. Die Entwickler selbst nehmen das gelassen, im Spiel schaltet das Töten von 1000 Feinden eine Trophäe namens »ludonarrative Dissonanz« frei…

Fazit

Mit ›Uncharted 4: A Thief’s End‹ liegt nicht nur das schönste Spiel für die ›Playstation 4‹ vor, sondern wohl auch das beste innerhalb der ›Uncharted‹-Serie. Mit gut 12 Stunden Spielzeit wird mehr als bei den Vorgängern geboten. Die Langzeitmotivation ist mit dem Sammeln von Gegenständen und dem Ausprobieren freischaltbarer Modifikationen gegeben, wenn auch nicht besonders ausgeprägt. Der Mehrspielermodus als nette Dreingabe lädt zu einigen Gefechten ein, bietet aber auch nach einigen Stunden wenig Neues. Das Spiel selbst ist erstklassiges Action-Abenteuer-Blockbuster-Kino, gepaart mit einem soliden Ballerspiel und einem Klettersimulator. Eine Mischung, die alte und neue Fans nach dem Epilog zu Lieben wissen.

| FLORIAN RUSTEBERG

Titelangaben
Uncharted 4: A Thief’s End
Naughty Dog / Sony Interactive Entertainment
seit Mai 2016 erhältlich für Playstation 4.
52,95 Euro UVP.