Revolutionäre Klosterschwestern

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Kulturbuch | Mely Kiyak: »Ein Garten liegt verschwiegen…« Von Nonnen und Beeten, Natur und Klausur

Wer Mely Kiyaks »Ein Garten liegt verschwiegen…« Von Nonnen und Beeten, Natur und Klausur liest, darf in eine halb vergangene Zeit eintauchen, deren Auswirkungen aber heute immer noch und mehr denn je spürbar sind. Die Tochter von aus der Türkei stammenden kurdischen Einwanderern verbrachte Zeit in der Benediktinerinnenabtei in Fulda und ließ sich von der erstaunlichen und tapferen Geschichte der Nonnen zu einer Reportage inspirieren, die die Entstehung des biologischen Gärtnerns im Deutschland der Nachkriegszeit beleuchtet. VIOLA STOCKER hörte zu.

http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/ein-garten-liegt-verschwiegen-buch-7348/Schon der Einband des bei Atlantik erschienenen Büchleins legt nahe, dass die Lektüre nicht dem Wissensgewinn an sich dient, sondern vor allem mit der erstaunlichen Geschichte der findigen Schwestern erfreuen soll. Herzlich und humorvoll beschreibt Kiyak die Entstehung von »Humofix«, dem pflanzlichen Schnellkomposter der Benediktinerinnenabtei in Fulda und die Hürden und Hindernisse, die die Nonnen im Laufe der Selbstversorgungs- und Selbstvermarktungsbestrebungen des Klosters zu nehmen hatten.

Am Anfang war die Not

Aus der Not heraus geboren war die Gärtnerei der Benediktinerinnen. Noch während des Zweiten Weltkriegs erkannte die damalige Äbtissin die Bestrebungen der Nationalsozialisten, das Kloster zu schließen und die Gebäude für die Wehrmacht zu nutzen. Damals schon erwiesen sich die Nonnen als sehr findig: Kurzerhand wurden alte, kranke oder obdachlose Menschen im Kloster einquartiert, um der Wehrmacht nur wenig Platz zuweisen zu können. Ein an sich genialer Schachzug wurde sofort zum Problem, denn von heute auf morgen waren viele Mäuler zu stopfen und es war Krieg.

Schwester Laurentia war eine umtriebige Nonne, die neben Ämtern auf der Krankenstation auch die Korrespondenz mit dem englischen Benediktinerinnenkloster in Stanbrook hielt. Die Briefe wurden von ihr übersetzt und abends den Mitschwestern vorgelesen. So auch ein Brief, der das biologische Gärtnern zum Inhalt hatte. Deutschlands Landwirte hatten den Kunstdünger für sich entdeckt und hielten nichts von natürlichem Gärtnern. Doch Kunstdünger war teuer. Und die Fuldaer Nonnen hatten ein Ernährungsproblem.

Erfindungsgeist und Zuversicht

Kiyak beschreibt mit viel Sympathie, wie die Fuldaer Nonnen anfingen, Gartenbau zu betreiben. Anfangs geschah dies aus der Not heraus, denn Nahrungsmittel waren teuer und auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs ließ der Hunger nicht nach. Niemand fragte mehr nach kostbar bestickten Messgewändern und Nahrungsmittelspenden blieben aus. Doch Schwester Laurentia begann, nach der Methode der ehemals anthroposophischen Gärtnerin Maye E. Bruce einen Schnellkomposter herzustellen, der den ausgezehrten Boden in ertragreichen Humus verwandelte.

Das Kloster konnte Grund und Boden erweitern und die Anbauflächen vergrößern. Täglich gingen die Nonnen aufs Feld, die Klosterküche wurde eine Mischung aus Labor und Fabrikküche, denn die Ernte musste eingemacht werden. Nach alter Klostermanier wurde nicht nur Gemüse, sondern auch Kräuter angebaut, zum einen, weil sie für den Schnellkomposter notwendig waren, zum anderen, weil die Nonnen auch begannen, Liköre und Teemischungen herzustellen. Denn die Knappheit an Geld und Gut bedeutete auch, dass das Kloster seinen Unterhalt selbst erwirtschaften musste.

Wirtschaftsaufschwung im Kloster

Es ist, als ließe sich der Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit anhand der Fuldaer Nonnen nachlesen. Kiyak befragte für ihre Reportage Zeitzeuginnen, die wenigen, die es noch gab, und recherchierte gründlich in den Archiven des Klosters. Die Schwestern erwiesen sich als mehr als findig. Schwester Laurentia wollte mit ihrer Erfindung Geld verdienen und nach einigem Hin- und Her war »Humofix« geboren, der in Tüten versendete Schnellkomposter der Nonnen. Auch mit ihren akribischen Gartenaufzeichnungen begannen die Schwestern zu wirtschaften und gaben die Broschüre »Winke für den Biogärtner« heraus.

Schwester Agatha wurde zur willigen Erfüllungsgehilfin von Schwester Laurentia. Während Schwester Laurentia die Theorie erforschte, war es Schwester Agatha, die mit viel Pragmatik und gesundem Menschenverstand die Theorie umsetzte, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge erfand und den Acker bewirtschaftete. Bis in die achtziger Jahre waren die Nonnen Selbstversorger, das Kloster wurde immer bekannter und die Äbtissin beschloss, keine weiteren Nonnen mehr aufzunehmen.

Ruhe kehrt ein

Seit den achtziger Jahren wurde es ruhiger um die Abtei Fulda. Die Wegbereiterinnen der Biogärtnerei, darunter Schwester Laurentia, verstarben und die Nachfolgerinnen legten andere Schwerpunkte. Es war nicht mehr notwendig, sich selbst zu versorgen und der große Acker war für die alternde und schrumpfende Gemeinschaft nicht mehr zu bewirtschaften. Es blieben aber der 2000 Quadratmeter große Klostergarten, in dem die Schwestern immer noch Gemüse und Kräuter anbauen, sowie die Verwaltung der Krankenstation, des Klosterladens und der Veröffentlichungen des Klosters. Es wurde ruhiger um die Fuldaer Nonnen, doch nicht weniger betriebsam. Mely Kiyak erfasst wundervoll in ihrer Reportage die große Ruhe und Zufriedenheit, in der die Nonnen arbeiten und leben, und lässt so auch interessierte Laien an der alten Kultur der Klostergärten teilhaben.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Mely Kiyak: »Ein Garten liegt verschwiegen…« Von Nonnen und Beeten, Natur und Klausur
Hamburg: Atlantik Buch bei Hoffmann und Campe 2015
128 Seiten. 15 Euro
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