Anarchie in den Ardennen

in Comic

Comic | Nicolas Debon: Essai

Mit aquarellartigen Bildern zeichnet der in Kanada lebende Comic-Künstler Nicolas Debon den Weg des französischen Anarchisten Fortuné Henry nach, der um 1900 die Utopie eines idealen sozialen Konstrukts Wirklichkeit werden lassen wollte – mit dem Spaten, nicht mit dem Gewehr. Von CHRISTIAN NEUBERT

Nicolas Debon EssaiAnarchie. Ein Wort, das heute meist synonym mit Chaos verwandt wird. Vielleicht, weil man davon ausgeht, dass das Fehlen von institutionalisierten Rechts- und Ordnungssystemen in Unrecht und Unordnung umschlägt. Und weil die Abstinenz von Gesetzen einen Zustand der Gesetzlosigkeit beschreibt, die dann ja wohl das Ding von Gesetzlosen ist. Von Verbrechern also, man kennt das vom Western.

Nun muss man aber nicht über den großen Teich gen Westen blicken, um zu wissen, dass Anarchie zunächst ein Denkbegriff ist, der einen Zustand der Abwesenheit von Herrschaft beschreibt. Als Idee war sie im Europa des ausklingenden 19. Jahrhunderts sehr angesagt. Es gab viele Vertreter, die sie anstelle der Industrialisierung und des Kapitalismus sehen – und sie mit Waffengewalt erkämpfen wollten. Solche, die sie als gelebte Utopie umsetzen wollten, ohne dafür gewalttätig werden zu müssen, gab es allerdings auch. Man übersieht das. Oft, vielleicht auch gerne. Weil das Heroische gemeinhin dann doch heller im Pathos des Blutvergießens erstrahlt.

Anarchist und Pazifist

Wie dem auch sei, wie gehabt: Es gibt Menschen, die einen Zustand der Anarchie auf direktem Wege erreichen wollen, indem sie an ihr arbeiten, anstatt sich ihr auf indirektem Wege zu nähern, indem sie gegen ihre erklärten Gegner arbeiten. Für sich, nicht gegen andere, pioniergeistig und beispielhaft. »Baut auf, was euch aufbaut« anstatt »Macht kaputt, was euch kaputt macht«, und das ohne sich bereits im Vorfeld von der Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im falschen den Wind aus dem Segel nehmen zu lassen. Die realistisch sind und das Unmögliche versuchen. Oder so ähnlich. Jeweils. Und, ach ja, noch mal: ohne Gewalt.

Einer dieser Leute war der Franzose Fortuné Henry. Während sein Bruder für die Anarchie mit Bomben kämpfte – und dafür enthauptet wurde – wollte er die Anarchie leben. Nahe der Ardennenwälder kaufte er ein Stück Land. Und machte sich dann, mit wenig mehr als etwas Werkzeug ausgerüstet, im Frühsommer 1903 dorthin auf, um eine rechtsfreie, freiheitliche, ideale Kolonie zu gründen. Die Nähe seines Guts zu einem Dorf und einer Bahnstation war kein Zufall. Henry wollte gesehen werden. Und Anhänger gewinnen. Doch was machte die Mehrheit der einfachen Bauern aus der Umgebung? Klar. Sie hielten ihn für einen Freak. Doch Henry war charismatisch. Zunächst nur neugierig bis argwöhnisch von den Dorfbewohnern beäugt, fand er tatsächlich bald Leute, die seine Idee teilten und an ihr teilnehmen wollten. Die sich mit ihm an die Umsetzung des Traums einer besseren Gesellschaft machten.

Der in Kanada lebende Illustrator und Comiczeichner Nicloas Debon hat diesen Leuten einen schönen Comic gewidmet. Auf etwa 80 Seiten zeichnet er die Geschichte von Fortuné Henry, seinen Genossen und ihrer gemeinsamen, auf ›Essai‹ getauften Kolonie nach.

Auf den Spuren von Essai

Essai ist das französische Wort für Versuch, Probe oder Test. Der Name war gut von den Experimental-Kommunarden gewählt, beschreibt er doch sowohl, dass sie hier einen Versuch unternahmen, als auch, dass dieser sie auf die Probe stellte. Denn – man ahnt nicht nur, man weiß es: Sie scheitern. Nach ein paar Jahren ist Essai Geschichte.

Nicolas Debon Essai LeseprobeDem Lebensgefühl dieser paar Jahre spürt Debon in schönen pastelligen Bildern nach – dem der Aufbruchstimmung, den Zeiten gemeinsamen Vorankommens, konfliktreichen Momenten, und dann schließlich dem Ende einer gemeinsamen Ära.

Über weite Strecken liegt dabei, das ist bezeichnend, ein melancholischer grauer Schleier über den Panels. Debon koloriert direkt, was seine Zeichnungen sehr plastisch wirken lässt. Zudem entwirft er lebensnahe Figuren, weswegen der Comic insgesamt zwar nicht wirklich etwas Neues zu sagen, aber dennoch zu erzählen hat. Das ist schön. Weil dabei Fragen, z. B. nach dem Beginn von Herrschaft, aufgeworfen werden. Und weil man hinterher, sicher auch dank des kleinen angehängten Handapparats, mal wieder gen Utopia schielen möchte. Trotzdem.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Nicolas Debon: Essai
Aus dem Französischen von Tanja Krämlin
Hamburg: Carlsen 2016
96 Seiten. 19,99 Euro
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Reinschauen
| Leseprobe
| Blog des Künstlers
| Fortuné Henry bei Wikipedia (französisch):
| Fortunés Bruder Emile bei Wikipedia

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