Der Einsturz des Himmels‹ in der Musik

in Gesellschaft/Live

Musik | Ethno und Neue Musik featuren Themen wie Regenwald und Amazonasgebiet

Durch europäische Neue Musik transformierte Klänge indigener Bevölkerung, der Natur und des Klimas – Zwei Musikprojekte über den Regenwald: Martina Eisenreich mit ›Rainforest‹ im Jahr 2016 und die Biennale München mit der ›Amazonas-Multimedia-Oper‹ aus dem Jahr 2010. Von TINA KAROLINA STAUNER

Kurz einige Fakten über den Regenwald, der Lebensraum für die größte Artenvielfalt der Erde ist, aber nur 7 % der Fläche bedeckt. Vor ca. 70 Jahren sollen es noch 11% der Erdoberfläche gewesen sein. Bis zu 70% der Arten auf der Erde sind in diesen Waldgebieten, das sind vielleicht etwa 30 Millionen Arten der Flora und Fauna. Immergrüne Regenwälder gibt es insbesondere in Südamerika und Ozeanien, aber auch im Kongobecken, in Indonesien, Nordamerikas, Chile, Venezuela, auf Tasmanien und Neuseeland und sie werden Tiefland-Regenwald, Berg-Regenwald, Nebelwald oder Wolkenwald genannt. Die größte dieser Waldflächen findet man im Amazonasbecken.

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Nicht nur der brasilianische Regenwald als Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Heimat der indigenen Bevölkerung Brasiliens ist gefährdet. Naturlandschaften sind überall in ihrer Existenz bedroht. Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, entstand in Zusammenarbeit mit den Yanomami Indianern des Amazonasgebiets ein multimediales Musiktheater-Projekt produziert von Goethe-Institut, Münchener Biennale und Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und weiteren Partnern. Und in Koproduktion mit Martina Eisenreich verwandeln World-Music-Künstler nun den Klang des Regenwaldes in ästhetische Sound-Landschaften. Als Motivation wird von diesen Künstlern die Neugier auf fremde Kulturen genannt.
Die Rezension der CD ›Rainforest‹ von Martina Eisenreich finden Sie hier in TITEL kulturmagazin.

Multimedia-Musikprojekt ›Amazonas‹ bei der Biennale München am 08.05. 2010

Amazonas Biennale»Der Wald lebt. Er kann nur sterben, wenn ihn die Weißen weiter starrsinnig zerstören.« Das ist in der Biennale-Info zu lesen. Auch durch Musiktheaterproduktionen kann versucht werden genau das zu verhindern und kann zur Rettung des Regenwaldes und des Klimas beigetragen werden, so nicht nur ein kommerzielles Kulturspektakel intendiert ist.
Die Multimedia-Oper ›Amazonas‹ mit drei in Libretto, Bühne und Musik völlig unterschiedlichen Teilen und in einem Zusammentreffen von Wissenschaft, Medienkunst, Installation und Musiktheater ist entstanden in 5-jähriger Entwicklungszeit aus Elementen, Bausteinen. Das Ganze auch Laboratorium genannt, bei dem man sich nicht dem tradierten Bühnenraum unterwirft. Die Problematik, die dieses multiperspektivische Musiktheater anschneidet, bezeichnet Peter Sloterdijk, der beim kurzen Symposium dabei ist, als »amazonischer Schmerz«.
Theoretisches zur Thematik innerhalb des transkulturellen Dialogs klingt pathetisch, prätentiös einerseits, aber auch sachlich, informativ andrerseits. So wie man von künstlerischer Freiheit und Unabhängigkeit spricht, spricht man auch davon, dass die Erhaltung des Lebensraums Amazonas eine politische Frage ist.

Xapiri-Stimmen und Xawara-Gefahr bei den Yanomami und die musikalische Reflexion der europäischen Avantgarde

Amazonas - regine KörnerFür den Besucher bieten sich mehrere Herangehensweisen und Blickwinkel. Ich finde mich sofort stark im Visuellen zur Musik und lasse das Level der Textrezeption nebenbei variieren. Im Programmheft lässt sich später noch mal nachlesen. Das gesamte Projekt mit seiner umfangreichen Aufführungsdauer und diversen eingesetzten Mitteln und Formen lässt im Grunde offen, wie man mit ihm umgehen will. Präsentiert sich poetisch, realistisch, technoid, auch surreal. Und fragmentarisch, disparat. Diskursiv. Bietet den europäischen, indigenen und globalen Blick. Spannt den kommunikativen und inszenatorischen Bogen inhaltlich und formal von der Ur-Kultur »primitiver« Ureinwohner Brasiliens, Yanomami ohne Besitzdenken, und deren Schamanen bis hin zur westlichen Metropolenzivilisation mit technowissenschaftlicher Kultur und eben auch dieser ungemein aufwendigen, teuren Opernproduktion. Gesamtkonzipiert hauptsächlich von Peter Weibel, ZKM Karlsruhe, Peter Ruzicka, Biennale München, Laymert Garcia dos Santos, brasilianischer Sozologe, und Davi Kopenawa, Yanomami-Schamane.

›Tilt‹ – ›akustische Materialblöcke‹

AmazonasIn dem Metal- und Hardcore-Noise verwandten Set im Anfangsteil von Klaus Schedl wirken Klangmauern, Klangböden aus »akustischen Materialblöcken«, aus digitalen Klangdateien entstanden. Erinnerungen an das schwerlastige der Band This Heat vergangener Jahrzehnte drängen sich mir auf. Ähnlich Energetisches erreicht auch dieses Stück, aufgeführt von piano possibile geleitet von Heinz Friedl. Nichts wirklich Neues, aber vergleichsweise Substanzielles. Das sich erfreulicherweise weiter Raum verschafft. Zu Textfragmenten von Roland Quitt nach Sir Walter Raleighs Expeditionsbericht aus dem Jahr 1596. Bei dem es um europäische Eroberung, Macht, Besitzergreifung, Landnahme, Zerstörung im Orinoko-Becken geht. Dabei werden die drei Porträts der Protagonisten nebeneinander überdimensional auf Videoleinwände projiziert. Die Regiearbeit von Michael Scheidl also mit Fokus auf Gesichtszügen, Mimik. Gestik. Nora Scheidls Bühne betont das Fehlen von Requisiten und Dekorativem.

In der Programmhefttheorie der Hinweis: »Weil ›Tilt‹ ein Stück über eine Vergewaltigung ist, gibt es zwei Männer und eine Frau.« Die Stärke dieses Inszenierungsteils ist das kompromisslos Schnörkellose. Die Härte gegen die Brutalität. Menschen und Natur sollten konsequent vor Ausbeutung und Missbrauch geschützt werden. ›Tilt‹, das thematisiert den »Blick der Europäer, der Entdecker und Eroberer, zugleich ein Rückblick in Kenntnis der Folgen«, schreibt die Biennale-Info.

›A Queda do Céu – Der Einsturz des Himmels‹ in Musik

Amazonas -Regine KörnerIn einem dunklen, nebeligen Labyrinth aus Stoffbahnen und Lichtmustern, designt von Nora Scheidl, haben im Mittelteil Performer und Zuschauer ein gemeinsames Interaktionsfeld in Inszenierung von Michael Scheidl. Will ich erst nur von außen beobachten, zieht es mich dann doch in dieser visuell-akustischen Hülle zu wechselnden Standpunkten. Die Performance beginnt mit Poesie, für die Roland Quitt verantwortlich ist und die sich auf die Mythen und die sogenannte »Stunde der Fledermäuse« der Yanomami bezieht, die während man diese zu ergründen versucht, in Musik von Tato Taborda mündet und in organisiertes Chaos und Zerstörungsfantasien: Orchestermusik, die sowohl von fixierten, herkömmlichen Klangquellen des Ensemble Moderno de Lisboa unter Führung von Heinz Friedl stammt als auch von beweglichen, seltsamen Klangkästen. Raummusik aus Tönen, Geräuschen und Stimmen für begehbare Installation. Der Besucher kann sich versetzen in einen Wald bevölkert mit Geistern und Stimmen: Xapiri-Geister, die, die auf Spiegeln spielen. Und Xawara, überall als Monster des weißen Infekts. Inmitten dessen gefällt Phil Minton einmal wieder in einem Part.

Es ist »der Blick aus der Nähe. Es ist der Blick der Indigenen, der Yanomami, eines der großen amazonischen Völker, das seine Traditionen wahren konnte, und ihres Vertreters, des Schamanen Davi Yanomami«, informiert die Biennale.

»Amazonaskonferenz – In Erwartung der Tauglichkeit einer rationalen Methode zur Lösung des Klimaproblems«

AmazonasAls absolute Hightech-Multimedia-Show zeigt sich dieser von Peter Weibel stammende letze Teil der Oper. Wie ein grell-modernes Mosaik aus Farb- und Tonfeldern. Würfel- und schachbrettartige Treppenstufen, einige Chorsänger darauf, alles leuchtend in wechselnden Mustern, welches beispielsweise das Algorithmus-Regelsysthem des »Game Of Life« von John Conway für Musik und Projektion vorgibt. Bis zum Schluss alles in Entropie driftet. Mediales Bühnenbild mithilfe digitaler Projektionstechnik changierend in Clustern Oder auch ganzen Filmen darübergelegt, geschaffen von Bernd Lintermann. Ergänzend zur von Schauspielern durchgeführten Klimakonferenz und deren gesprochenen, geschriebenen und bebilderten Reden und Fakten. Zusehend sitzt man in einem 24-kanaligen Klangdom mit dem Konzept einer räumlichen Choreografie der Töne um den Zuhörer herum, gestaltet von Ludger Brümmer. Man erhält gleichzeitig herkömmlich Parolenhaftes und abgehoben Futuristisches. Liest sich hallenwandgroß wie folgt: »Zwei Jahrhunderte Kapitalismus haben den Reichtum von Millionen Jahren zerstört.« Ein Musikprojekt kann dafür immerhin Bewusstsein schaffen und auch für Naturschutz.

»Der Blick in die Zukunft… als multimediales Projekt…«, konstatiert die Münchner Biennale

Das Biennale-Opernprojekt fand den echten Bezug zum Amazonasthema, vielleicht gerade wegen der nicht in sich geschlossenen, uneinheitlichen Form. Martina Eisenreich brachte nun mit ›Hommage to an endangered treasure‹ den Regenwald musikalisch wieder in den Fokus eines Soundprojekts.

| TINA-KAROLINA STAUNER
| FOTOS: REGINE KÖRNER/TINA-KAROLINA STAUNER

Titelangaben
Martina Eisenreich: ›Rainforest‹
GLM Music

›Amazonas-Projekt‹
Biennale München

Reinschauen
| Rezension der CD ›Rainforest‹ von Martina Eisenreichin TITEL kulturmagazin

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