Das Leben – Ein Abenteuer

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Kulturbuch | Alfred Hornung: Jack London. Abenteuer des Lebens

Am 12. Januar 1876 wurde mit John Griffith Chaney einer der erfolgreichsten Autoren der vorletzten Jahrhundertwende in San Francisco geboren. Bekanntheit erlangte er unter dem Namen Jack London, sein Leben gilt als verkörpertes Idealbild des ›Gilded Age‹ in den USA. Von JULIAN KÖCK

Alfred Hornung Jack LondonLondon sollte in seinem Leben Kinderarmut und -arbeit, die weite Steppe, das rapide wachsende Eisenbahnnetz, den Aufstieg des Sozialismus und des Arbeitskampfes, den Goldrausch im Norden, die großen Städte des Ostens und ihre Salons, die letzte Königin Hawaiis, Reichtum und – als einer der ersten Romanciers überhaupt – weltweite Popularität kennenlernen. Sein früher Tod 1916 fällt mit dem Ende dieser Epoche, die den Beginn der Moderne in den USA einläutete, zusammen.

Schon die Kindheit Londons kann als abenteuerlich bezeichnet werden: Seine aus gutem Hause entlaufene Mutter Flora Wellman reüssierte als Musiklehrerin und Medium bei spiritistischen Sitzungen, sein Vater könnte der Astrologe und Sektenführer William Chaney gewesen sein – die Geburtsurkunde ist bei einem großen Erdbeben in San Francisco verloren gegangen –, seinen Nachnamen bekam er vom späteren Ehemann der Mutter John London; die Mutter scheint das uneheliche Kind dennoch als Schande empfunden zu haben. Immer wieder konnte oder wollte die suizidal-veranlagte Mutter sich nicht um ihren Sohn kümmern, der in Virginia Prentiss, einer ehemaligen Sklavin, einen Mutterersatz fand.

Mit 13 Jahren arbeitete Jack London nach der Grundschule in einer Dosenfabrik. Kinder mussten damals weit mehr als 12 Stunden am Tag arbeiten. Die physischen und psychischen Folgen müssen fürchterlich gewesen sein. Jack London hielt es dort nicht lange aus und sattelte um: Virginia Prentiss lieh ihm Geld, mit dem er sich die Schaluppe ›Razzle Dazzle‹ kaufen, eine Geliebte gewinnen und eine Karriere als Austernpirat beginnen konnte. Die Piraten fuhren im Schutze der Dunkelheit private Austernbänke an und plünderten diese aus. Die Austern wurden dann am nächsten Morgen an Restaurants verkauft.

Jack London im Alter von neun Jahren
Jack London im Alter von neun Jahren

Lange konnte sich der junge Pirat indes nicht auf dem Markt halten, nach wenigen Monaten war die Razzle Dazzle bereits nicht mehr seetauglich; London wechselte die Seiten und arbeitete nun für das ›Board of Fish Commissionioners‹, das für die Einhaltung der Fischereigesetze zuständig war. Sein Drang nach Abenteuern wurde aber auch hier nicht befriedigt und er sah sich 1893 nach neuen Beschäftigungen um, die ihn zuerst als Matrose auf einem Walfänger nach Japan und dann als Tramp an die Ostküste der USA bringen sollten. Damit war auch ein kurzer Gefängnisaufenthalt des stolzen jungen Mannes verbunden, der sein Wissen um das Elend der Zeit gewissermaßen abrundete.

Zurück in der Heimat besuchte er eine renommierte High-School und begann sich, durch die Lektüre verschiedener Bücher zu bilden. Mit der Bibliothekarin Ina Coolbrith war es erneut eine bemerkenswerte Frau, die ihm dabei unter die Arme griff. Auch begann hier seine schriftstellerische Tätigkeit; für die Schulzeitung schrieb er u. a. politische Aufsätze, eine Kurzgeschichte wurde im Rahmen eines Wettbewerbs ausgezeichnet. Mit von einem Barpatron geliehenem Geld begann London 1896 sein Studium in Berkeley, das er wohl auch aus finanziellen Gründen bereits im Folgejahr wieder abbrach.

Es scheint allerdings nicht so sehr sein Job in einer Wäscherei gewesen zu sein, sondern mehr sein Drang nach Abenteuern, der ihn zu diesem Schritt verleitete. Denn bereits im Juli 1897 fand sich London auf einem Schiff mit Nordkurs wieder. Das kanadische Klondike und das dort gefundene Gold lockte zehntausende Kalifornier in den hohen, kaum zugänglichen Norden. Jack London fand wohl keine Unze Gold, aber als er von dem Skorput schwer gezeichnet zurück in den Süden kam, hatte er etwas für ihn noch wichtigeres in seinem Marschgepäck: Den Stoff für Dutzende Abenteuergeschichten, die ihn in den folgenden Jahren zum bestverdienenden Autoren seiner Zeit machen sollten. Um nur die Klassiker zu nennen: ›Wolfsblut‹, ›Ruf der Wildnis‹, ›Der Seewolf‹.

Eingedenk dieser Werke und den von London selbst erlebten Abenteuern stellt Alfred Hornung in seiner kürzlich erschienenen London-Biographie das »Abenteuer« als die gliedernde Größe seines Buchs heraus. Das wird im Untertitel des Buchs deutlich (›Abenteuer des Lebens‹), die Gliederung des Bandes führt es fort. Hornung erzählt das Leben Londons nicht chronologisch, sondern nach Art des Abenteuers: ›Abenteuer der Kindheit und Jugend‹, ›Politische Abenteuer‹, ›Abenteuer zu Land‹, ›Abenteuer zur See“, ›Visionäre Abenteuer und Selbstbilder‹ und ›Ökologische Abenteuer und Weltgemeinschaft‹ heißen die Kapitel, in denen das Leben Londons als Collage aus biographischen Hinweisen und (oft auto-biographischer) Ausdeutung seiner Werke dem Leser präsentiert wird.

Das führt zu ständigen Wiederholungen und Sprüngen; der Leser wird gewissermaßen in die Pflicht genommen, sich die chronologische Ordnung des Leben Londons eigenständig zu erschließen. Dazu kommt, dass Hornung an den Details nicht immer interessiert ist, die autobiographische Ausdeutung literarischer Geschichten gleichwertig neben die tatsächlichen Lebensereignisse Londons stellt und an der Erschließung von neuen Quellen oder den Kommentaren der Zeitgenossen über London ebenfalls wenig Interesse zeigt. Ein Beispiel: Hornung betont zwar zurecht die Armut des jungen Londons, aber es waren dann wohl doch weniger Geldgründe, die ihn aus der High-School und der Universität vertrieben, sondern einmal sein von den Eltern der Klassenkameraden empfundener schlechter Einfluss auf seine Klassenkameraden und dann der Umstand, dass er das für zwei Jahre vorgesehene Programm an der Universität in gerade einmal vier Monaten abgearbeitet hatte, was seine Kommilitonen und die Universität schlecht dastehen ließ.

Ergänzt werden die biographischen Angaben durch umfangreiche Inhaltsangaben zu den verschiedenen Werken des Autors, welche die Vielseitigkeit Londons als Autor deutlich machen. Bei der Lektüre des Buchs drängt sich so die Vermutung auf, es könnte sich um eine Synthese aus verschiedenen Vorlesungen und Aufsätzen handeln.

Die Stärke des flüssig geschriebenen Buchs liegt in der ideengeschichtlichen Ausleuchtung Londons. Hier zeigt Hornung detailliert auf, wie der weitgehende Autodidakt einerseits durch seine Erlebnisse auf der Schiene und in den Fabriken und andererseits durch seine Lektüre beeinflusst wurde: Verstand sich der junge Tramp und Boss unter den Gefangenen im Gefängnis als Anhänger Nietzsches, der auch durch die Lektüre Darwins vom Recht der Stärkeren überzeugt war, so änderte sich dies bald: Jack London wurde zum Sozialist, der für die Solidarität mit der arbeitenden Klasse eintrat.

Sein Reichtum sollte daran nichts ändern. Während er zig Angestellte hatte, sein Geld für den Bau seiner Jacht, Alkohol und andere Freuden ausgab, wurde er in seinen Ansichten gar noch radikaler und befürwortete auch Gewalt und Mord. Auch hinderte ihn seine sozialistische Gesinnung nicht daran, für William Randolph Hearst – Großverleger und Kriegstreiber par excellence – zu schreiben. Diese Ambivalenzen im Leben Londons zeigt Hornung en passant an verschiedenen Stellen auf. Auch geht er immer wieder auf aus heutiger Sicht problematische Ansichten bezüglich verschiedener Ethnien ein, wobei Hornung dazu tendiert, London als einen spätestens auf Hawaii geläuterten Rassisten zu begreifen, der dort die indigene Kultur zu schätzen lernte und sich zum Antiimperialisten mauserte.

Angelegt sieht er diese geistige Offenheit bereits in Londons Verhältnis zu seiner schwarzen Amme und Ziehmutter Prentiss; wie das dann aber mit dem Rassismus der mittleren Phase in Einklang zu bringen ist, kann Hornung nicht überzeugend erklären. Seine Annäherung an das Thema wirkt eher zögerlich, vielleicht auch, weil das Thema in der London-Forschung zu Kontroversen geführt hat, während sich heute rassistische Gruppen gerade zu London bekennen, weil dieser Sozialismus und Rassismus zusammengebracht habe. Das allein sollte die Brisanz des Themas unterstreichen.

Freilich läuft man gerade bei diesem Thema die Gefahr, anachronistische Urteile zu fällen: Wenn London beispielsweise die Überlegenheit der Weißen und den Niedergang indigener Kulturen diagnostizierte, dann ist dies weit weniger eine rassistische Aussage als eine zutreffende Beschreibung der traurigen Realität des Hochimperialismus.

Anachronistisch mutet es an, wenn Hornung Londons tätliche Auseinandersetzung mit einem japanischen Soldaten in Korea, wo London als Kriegskorrespondent wirkte, auf das Überlegenheitsgefühl eines »WASP« zurückführen möchte. »Progressivere« Elemente in Londons Denken erkennt Hornung darin, dass sich sein Held intensiv mit traditionellen und bodenschonenden Anbauarten beschäftigt hat und sie auf seiner Ranch auch umsetzte bzw. vom Personal umsetzen ließ.

Jack LondonAls der Vierzigjährige London 1916 starb, war sein Körper durch die Strapazen und den Mangel der Kindheit und Jugend, durch abenteuerliche Seefahrten im besten Alter, durch Skorbut, einen lebenslangen Alkoholabusus – das erste Mal erlebte London bereits als Kind die Folgen einer Alkoholvergiftung – und die Verwendung von Morphium ausgezehrt.

Man möchte sich einen Menschen wie London gerne als zufrieden mit seinem Leben vorstellen, als Prototyp des Rockers, der lieber ausbrennt, als in Ruhe zu verblassen. Was seine politischen Überzeugungen anbelangt, ist London nicht glücklich geworden. Aus der Sozialistischen Partei, der er lange angehört und für die er Reden gehalten und Texte geschrieben hat, trat er gegen Ende seines Lebens enttäuscht aus, zu moderat war sie ihm geworden; ihm, der die Ermordung reicher Russen guthieß und der sich einen revolutionären Umsturz in den USA vorstellen konnte.

Jack London hat nicht nur literarische Kunst geschaffen, er hat sein eigenes Leben zum Kunstwerk erhoben. Die Radikalität seiner Lebensführung spiegelte sich in einem rohen, vitalen Stil wider, der frei von den gehegten und gepflegten Manierismen vieler seiner Zeitgenossen war. Damit kann er als Stammvater der amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gelten. Es wäre traurig, wüsste man heute nicht mehr von London, als dass er dieses Buch über einen Hund geschrieben hat. Allein deswegen schon ist Hornungs Biographie Verbreitung gewünscht.

| JULIAN KÖCK

Titelangaben
Alfred Hornung: Jack London. Abenteuer des Lebens
Darmstadt: Lambert Schneider Verlag – WBG 2016
320 Seiten, 24,95 Euro
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