Lebenserhaltende Maßnahmen

in Jugendbuch

Jugendbuch | Erna Sassen: Komm mir nicht zu nah

Ein psychisch nicht stabiles Geschwisterkind ist eine gewaltige Belastung für eine Familie. Dies um so mehr, wenn sich nur eine aus der Familie um die Betreffende kümmert. In Sassens neuem, hoch anspruchsvollem Roman, ist es die ältere Schwester, die lebenserhaltende Maßnahmen ergreift. Sie lassen allerdings auch sie nicht unberührt. Von MAGALI HEISSLER

Sassen - Komm mir nicht zu nahAnderthalb Jahre trennen Marjolijn und Reva. Das Leben führte die eine zum Kunststudium, die andere auf die Schauspielschule. Manchmal war ihr Verhältnis enger, manchmal weniger eng. Schwestern eben. Als Reva anfängt, Marjolijn Nacht für Nacht anzurufen, zuweilen mehrmals, kommt Mar ins Grübeln. Hätte sie sich als die Ältere mehr um Reev kümmern müssen? Früher erkennen, dass Reev an etwas leidet, das zerstörerisch wirkt? Doch wie?

Reva war doch als kleines Kind schon seltsam. Immer aufgeregt, neugierig und überkritisch allem und jedem gegenüber. Leicht zu beeinflussen, sich selbst nie gut genug bis hin zu immensen Schuldgefühlen. Hat Mar die Probleme nicht erkannt, weil sie ihrer Schwester zu nah oder weil sie zu distanziert war? Oder konnte sie sie gar nicht sehen, weil Reev mit selbstzerstörerischer Raffinesse Distanz verhinderte? Je häufiger Mar mit Reev spricht, desto mehr Erinnerungen kommen zurück. Die eigentlich Frage aber lautete: Wie wird das Leben mit Reev weiterhin aussehen?

Unbehaglich

Es beginnt gleich mit einem Anruf. Reev spricht, es ist jedoch Mar, die erzählt. Auch wenn die Gespräche wortwörtlich wiedergegeben werden, gleich, ob am Telefon, bei Treffen oder aus Rückerinnerungen an die Kindheit, diese Geschichte kommt in Form eines Berichts. Hin und wieder wird er kommentiert, interpretiert, hinterfragt. Aber es ist immer die gleiche Stimme.

Es ist eine traurige und hässliche Geschichte. Mars Erkenntnis dessen, was geschehen ist und vor ihren Augen geschieht, kommt sehr langsam. Ebenso langsam wird ihr klar, dass sie mitbetroffen ist und wie sehr. Dass so wahrhaftig zu vermitteln, dass es man es kaum erträgt beim Lesen, ist eine der Leistungen dieses vielschichtigen, konzentrierten, extrem kompakten Texts. Man kann nur staunen und bewundern, mit welcher Zielsicherheit die Autorin das tut. Es kann nicht leicht gewesen sein, das ins Deutsche zu übertragen. Die Sprache ist klar, aber der Verdichtung wegen immer nah am Sperrigen. Das wiederum ist ein Signal für die wachsende Verwirrung der emotionalen Zustände. Eine Tour de Force für alle Beteiligten, also, Romanfiguren und Leserin eingeschlossen. Ansprüche auf höchster Ebene, mit Überzeugung gestellt.

Der Leserin bleibt zunächst wenig Raum. Sassen bietet einen einzigen Sitzplatz in Marjolijns Denken, schmal ist er und entschieden unbequem. Man rutscht schon bald hin und her. Nichts ist behaglich, in jedem Lichtstrahl, sei er noch so schwach, sieht man dünne und dickere Fäden emotionaler Verstrickungen laufen, wer zu nahe kommt, wird unweigerlich hineinverwickelt.

Reevs Leiden erscheinen bekannt bis banal, aus Mars Mund eben. Ein bisschen Essstörungen, ein bisschen Beziehungsprobleme, ein bisschen übermäßige Beeinflussbarkeit, ein bisschen Depression. Launisch, überdreht, in den Falschen verliebt – wem passiert das nicht? Die Erkenntnis, dass Reva an einer spezifischen Psychose leidet, kommt fast zu spät.

Die Gefühle der Leserin werden gezielt abgerufen. Partei ergreifen, mal für die eine, mal für die andere Schwester, ist nach wenigen Seiten fast ein Reflex geworden. Gut, dass man so unbequem sitzt. Die Unbehaglichkeit zusammen mit dem stark verknappten Text hält eine am Mitdenken. Man folgt Reevs Absturz und Weg in emotionalen Höllenlandschaften fast atemlos und ist doch noch fähig, sich derweil zu fragen, wie man selbst gehandelt hätte. Oder wer recht hat von den beiden jungen Frauen. Oder wie es sich wohl einfühlt, in der Haut der einen, der anderen zu stecken. Glücklicherweise lässt Sassen die Möglichkeit zur Distanzierung. Der Titel des Buchs ist auch eine Warnung an die Leserin.

Theater und Leben

Reevs Ausbildung zur Schauspielerin, ihr tiefsitzender Berufswunsch, öffnet einen zweiten und erweiterten Raum für Diskussion und Reflexion. Es geht um Theaterspiel, Masken, die Grundfrage nach dem »Wer bin ich?« Die üblichen, inzwischen zum Small Talk verkommenen Bemerkungen braucht man hier nicht zu fürchten. Sassen verknüpft Fragen nach dem Auftreten, der Wirkung auf Publikum und dessen Rückwirkung auf die, die auf der Bühne stehen, mit Revas psychischer Verfasstheit. Es geht um ihre Existenz als Mensch. Dass sie ausgerechnet mit einem Soloprogramm Publikum anzieht, bei dem sie auch die Leiden von Kindern in normal erscheinenden Familien zur Sprache bringt, gehört zu dem unterliegenden Grauen, das in den Text eingewebt ist.

Grausig-komisch dagegen nehmen sich die Schilderungen mancher Maßnahmen der Psychotherapie aus, aber auch einige von Revas wilderen Gedankengängen. Lachen hat hier nichts Befreiendes, es vermittelt eher ein trügerisches Sicherheitsgefühl. Lachen ist viel mehr ein Zeichen dafür, dass weiterleben möglich ist. Ein wesentlicher Aspekt, der zu selten angesprochen wird.

Fast bühnentauglich ist diese Geschichte. Mar sitzt auf der Bühne – vermeintlich schlicht wie die Ausstattung und das Layout in ganzen ihrer cleveren Unterkühltheit – und erzählt von Reev, die ihr Leben erzählt. Ein Monolog über zwei Schwestern, zwei Stimmen, die zu einer werden und trotzdem zwei sind. Ein Bericht davon, was geschieht, wenn Inneres nach außen gekehrt wird, wenn schützende Haut zu dünn ist oder ganz fehlt. Eine Diskussion der Frage, nicht, was Existenz ausmacht, sondern was Menschen Tag für Tag existieren lässt, mit ihren Erfahrungen, ihren Verletzungen, ihren so kleinen Chancen auf Sicherheit. Sie ist es, von der wir träumen. Sie macht das Glück aus, ein Begriff, der einer viel leichter auf die Lippen kommt, aus Gewohnheit.

Wie gefährlich Gewohnheiten sind, davon erzählt Sassen auch. Eine Geschichte, also von zwei Schwestern, die sich kennenlernen und sich am Ende vertrauensvoll einander zuwenden.

Wie lange das andauern wird, weiß keine. Das ist nicht wichtig. Es ist der gute, sichere Moment, der zählt.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Erna Sassen: Komm mir nicht zu nah
(2014 Kom niet dichterbij, a.d. Niederländischen von Rolf Erdorf)
174 S. 18,90 Euro
Stuttgart: Freies Geistesleben 2016
Jugendbuch ab 16 Jahren
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