Ein urteilsfähiges Publikum

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Ulrich Teusch: Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten

Beweise. Hm. Fakten. Was ist das? Wir stecken mittendrin in einer Transformation der Presse, und diejenigen, die am lautesten über postfaktische Erscheinungen klagen, sind mittenmang dabei, die Brandstifter rufen nach Feuerwehr. Von WOLF SENFF

Eben noch jammerten wir über Kampagnenjournalismus, schon scheint das Wort aus dem Diskurs versickert – warum, wieso, man weiß es nicht – und dennoch bleibt uns das Phänomen erhalten, wir erkennen das an den beharrlich wiederholten Vorwürfen, Russland habe cybermäßig den Wahlkampf in den USA beeinflusst. Beweise? Fehlanzeige. Fakten? Ach woher. Der Vorwurf wird dröhnend laut wiederholt, bis endlich niemand widerspricht. Wird eingepaukt, Kalter Krieg, alte Schule.
 
Seilschaften

Die CIA wird als Kronzeuge bemüht. CIA? War die CIA nicht auch Powells Kronzeuge, als der vor der UNO von Saddam Husseins geheimen Waffenlagern schwadronierte? Ach, das sei letztes Jahrhundert gewesen, gefühlt, mit dem neuen ›President-elect‹ brächen neue Zeiten an, gefühlt. Wir sehen, es herrscht ein gewaltiges Durcheinander, gefühlt.
 
Da ist es schwierig, zuverlässige Abläufe zu identifizieren, Fakten zu prüfen, und es ist sinnvoll, dass Ulrich Teusch uns an die transatlantischen Netzwerke erinnert, also NATO- und USA-freundliche Denkfabriken und Stiftungen, in die die hiesigen journalistischen Eliten konsequent eingebunden seien und die die westlichen Leitmedien von ›New York Times‹ über ›Le Monde‹ und ›FAZ‹ bis zur ›Süddeutschen Zeitung‹ beeinflussen. So werde die »Ordnung« des Mainstream geschaffen. 
 
Anstößig und empörend

Ulrich Teusch - LückenpresseEin zweischneidiges Schwert. Ende März wurde Palmyra vom Terror des IS befreit und Syrer wie Russen luden zu einer Feier, der Opfer zu gedenken und den Sieg zu feiern. Valery Gergiev, seit 2015 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, gab mit seinem Mariinsky-Orchester ein Konzert  als, wie er selbst erklärte, Protest gegen die Barbarei des IS. »Spiel mir das Lied vom Tod« habe dazu verächtlich der ›Berliner Tagesspiegel‹ geschlagzeilt.
 
Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, wie einseitig und tendenziös hierzulande über Russland berichtet wird. Das ist alles überaus sonderbar. Hat denn nicht gerade die Ostpolitik Willy Brandts, die viel gelobte »Entspannungspolitik«, das verkrampfte Ost-West-Verhältnis gelöst und dem Kalten Krieg ein Ende bereitet? Und jetzt wird wieder genüsslich auf die Pauke gehauen? Verstehe das, wer will. Ulrich Teusch zeigt diverse anstößige und auch empörende Details, die mit seriösem Journalismus nicht vereinbar sind.
 
»Embedded journalists«

Auch die Berichterstattung über den IS sei selbstverständlich an journalistische Sorgfaltspflicht gebunden, man müsse nicht jede Horrormeldung ungeprüft übernehmen, zumal wenn sie von den kurdischen Gegnern lanciert werde. Eigentlich ein überflüssiger Hinweis, aber Teusch führt ein Beispiel an. Es geht ihm um untadelige, saubere journalistische Praxis auch in einem wenig erfreulichen Umfeld.
 
Diese seriöse journalistische Arbeit habe im Vietnamkrieg zur unparteiischen Information der Öffentlichkeit beigetragen und letztlich zu dessen Ende geführt. Politik habe jedoch daraus »gelernt« und journalistischen Freiheiten Zügel angelegt – wir erinnern uns an die »embedded journalists« des Irak-Feldzugs.

Schweigen ist Gold

Und Ulrich Teusch scheut sich nicht, seine detaillierte Darstellung auf eine allgemeine Ebene zu führen. Er erinnert an den großen radikalen Sprachkritiker der Weimarer Republik, Karl Kraus, der der Presse eine gewerbsmäßig betriebene Verkleisterung der Gehirne vorwarf, und er sieht den Mainstream der Gegenwart in demselben Fahrwasser.
 
Er wirft dem Mainstream vor allem vor, geschwiegen zu haben, als es notwendig gewesen wäre, seriöse journalistische Arbeit zu leisten. So hätte nach Überzeugung des renommierten australischen Journalisten John Pilger die Invasion in den Irak verhindert werden können, wenn der Journalismus nicht sämtliche Informationen klaglos geschluckt hätte, unter anderem die von CIA und dem Außenminister der USA verbreitete Lüge, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen lagere.

Klebers Desaster

Und dieses sei weder der erste noch der einzige Krieg, der auf Lügen basierte; Teusch erinnert an den Tonkin-Zwischenfall im Vietnamkrieg 1964, an die Brutkastenlüge im Golfkrieg 1991, an den angeblichen Hufeisenplan im Jugoslawienkrieg etc. p. p. Die Journalisten würden von hochprofessionalisierten Propagandaapparaten, »PR-Strategen«, »Kriegsverkäufern«, aufs Glatteis geführt.
 
Teusch belegt, dass all dieses keine Einzelfälle sind, sondern dass einem verantwortungsvollen Journalismus in diversen Bereichen die Grundlage entzogen werde. Das betreffe die materiellen Arbeitsbedingungen, aber auch etwa die abenteuerliche Ambition, selbst Politik zu machen – er erinnert an das hochnotpeinliche Interview des ZDF-Nachrichtensprechers Klaus Kleber vom März 2014, in dem dieser den Vorstandschef der Siemens AG quasi in ein Verhör über dessen Aktivitäten in Russland nahm.
 
Ein Minenfeld

Journalisten seien korrumpierbar, sei es durch Vergünstigungen materieller Art, sei es durch Privilegien, sei es durch gemeinsame ›Netzwerke‹ bzw. durch, wie es früher hieß, Seilschaften. Auch das Gegenteil werde praktiziert: Der Ausschluss von missliebigen Journalisten aus ihrem Umfeld, und diese Beispiele sind uns geläufig von Cornelia Schmalz-Jakobsen über Franz Alt bis hin zu dem Politiker und Journalisten Jürgen Todenhöfer.
 
Man hat alles in allem den Eindruck, journalistische Arbeit bewege sich ständig über ein existenzgefährdendes Minenfeld und dennoch würden seriöse Ergebnisse erwartet. Diese Situation mag durchaus die Realitäten spiegeln, zumal Ulrich Teusch nicht versäumt, uns auf die Eigentumsverhältnisse hinzuweisen – so bestimmen eine Handvoll Konzerne den Großteil dessen, was wir von der Welt wahrnehmen.
 
Her mit dem kompetenten Publikum

Im Jahr 1983 gab es noch fünfzig Unternehmen auf dem Medienmarkt der USA, heute sind es sechs, und auch vor diesem Hintergrund werde deutlich, dass Unzulänglichkeiten des Medienbetriebs nicht allein den Journalisten anzulasten seien, und durchaus realistisch sei die Gefahr zu werten, dass Google, Facebook & Co. demnächst die Leitlinien journalistischer Arbeit vorgeben.
 
Eine Chance für Vielfalt sieht Ulrich Teusch in der Entwicklung, die er einen Bruch des westlichen Meinungsmonopols nennt, und zwar in der globalen Konkurrenz, die durch Al Jazeera, CCTV (China), Press TV (Iran), teleSUR (Südamerika) sowie, allen voran, durch Russia Today entstanden sei – diese Konkurrenz setze ein urteilsfähiges Publikum voraus bzw. fördere die Urteilsfähigkeit.
 
| WOLF SENFF
 
Titelangaben
Ulrich Teusch: Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten
Frankfurt/Main: Westend 2016
224 Seiten, 18 Euro
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