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Jugendbuch | Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen

Lustiger Aufklärungsroman für junge Teenager? Nicht schon wieder. Aus Norwegen? In dem Fall kann man ausnahmsweise einen Blick riskieren. Ein Debütroman? Her damit. »Gute Entscheidung!«, kann man nicht anders sagen. Von MAGALI HEISSLER

Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte SachenAnton, ca. dreizehn, findet, dass er mit abstehenden Ohren, geringer Körpergröße und in gewisser bedeutsamer körperlicher Hinsicht noch geringer entwickelt, schon genug geschlagen ist. Papa hätte nicht unbedingt auch noch erzählen müssen, dass er, Anton, Folge eines Betriebsunfalls war. Außerdem ist Kondom ein peinliches Wort. Peinlicher ist nur Papas Beruf. Un-er-wähn-bar.

Ine findet das nicht so schlimm. Sie findet Antons Papa schlimmer. Ine ist die allerbeste Freundin. Seit den frühen Kindertagen balancieren sie und Anton auf dem Brett, einen Meter über dem Boden. Sie träumen davon, das eines Tages in zehn Meter Höhe zu tun. Allerdings scheint in Ines Träumen auch Schönling Kevin vorzukommen. Anton kann Alphamännchen nicht ausstehen! Überhaupt benimmt sich Ine seltsam zurzeit. Immerhin ist sie aktiv an Antons Projekt beteiligt, Papa eine neue Frau zu besorgen.
Über der Frage, welche die richtige ist und was denn überhaupt eine Frau und einen Mann ausmacht, gerät Antons Weltsicht gewaltig ins Wanken.

Viele Themen

Auch wenn Skretting ihre Geschichte geradlinig erzählt, wird schnell deutlich, dass sie das Thema Pubertät komplex angeht. Sie zeigt ihrem Publikum mehr als nur die Folgen körperlicher Vorgänge und mehr als das übliche Ziel, eine romantische Paarbeziehung. Ihr geht es um Vorstellungen und Realität. Das reibt sich gewaltig und eben das ist das eigentliche Problem beim Erwachsenwerden.

Anton, der (fast) unschuldige Held lässt, wie es sich für das Genre gehört, kaum ein Fettnäpfchen aus. Polonaise tanzen für das Schulabschlussfest, das Thema Fortpflanzung im Biologie-Unterricht, Konkurrenz unter Männern (oder was sich dafür hält), Liebeskummer und herbe Einsichten über eigene Unzulänglichkeiten sind nur einige der Schwierigkeiten, die Anton meistern muss. Sein Bemühen, Papa glücklich zu machen, ist ebenso rührend wie hartnäckig. Die Folgen wachsen sich unweigerlich zur Katastrophe aus, wäre da nicht, nun, das ganz normale Leben eben.

Skretting belässt es nicht bei Anton, auch wenn er als Erzähler im Mittelpunkt steht. Ihr Held ist auf sich bezogen, aber kein Egoist und ganz bestimmt nicht der handelsübliche hormongesteuerte Barbar. Er ist nur sehr mit sich beschäftigt. Leserin und Leser bekommen währenddessen genug Hinweise, dass das Leben an anderer Stelle ganz anders aussieht, als Anton denkt. Seine Ansichten vom Familienleben etwa werden an zwei Elternpaaren und einigen Singles gespiegelt. Dazu müssen sich Held wie Publikum mit Vorstellungen davon auseinandersetzen, was eine Frau, was einen Mann angeblich ausmacht. Dass das alles zusammenpasst und nie zu viel wird, ist große Kunst.

Die Liebe, was sonst

In aller Freundlichkeit, zuweilen verschmitzt, aber durchaus deutlich nimmt Skretting Stellung zu wichtigen Themen. Eines davon ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Dass Kinder ihre Eltern glücklich machen wollen, ist ein Aspekt, der nicht so häufig behandelt wird. Anton will nur das Beste für Papa. Ganz rein sind seine Motive nicht, noch weniger allerdings die von Ine, von der die Idee eigentlich stammt und die ihrerseits ein Süppchen kocht, das nicht bekömmlich ist. Hier werden Träume zum Scherbenhaufen.

Ine, die man ausschließlich aus Antons Augen wahrnimmt, wächst im Lauf der Geschichte zu einer beeindruckenden zweiten zentralen Figur, das traurige Spiegelbild Antons. Dass man Ende trotzdem eher lacht als weint, liegt daran, dass das Buch von Liebe handelt. Die macht wiederum unverändert blind und so dauert es auch bis zum Schluss, bevor Anton die Augen aufgehen.
Auch die anderen Figuren sind äußerst lebendig geraten, gleich, ob es Erwachsene oder Gleichaltrige sind. Karikaturenhaftes ist dabei nicht ausgeschlossen, manches ist nicht ganz fair, aber böse nie.

Mit dem Bild von Erde und Mond, schiefen Achsen, kosmischen Katastrophen, Anziehungskräften und Gleichgewicht, hat Skretting eine ideale abstrakte Diskussionsebene gewählt, deren Metaphernreichtum sie gründlich ausschöpft. Alles ist schief, immer und trotzdem ist es genau so am besten. Das bestätigt ein letzter Balanceakt auf einem Brett. Wer darauf geht und ob einen Meter hoch oder zehn? Das muss man selber lesen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
(Anton og andre uhell, 2016) Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Hamburg: Carlsen 2016
254 Seiten, 14,99 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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