Vom Schiffbruch der ›Essex‹

in Prosa/Scammon

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vom Schiffbruch der ›Essex‹

eins

Sut erzählt wahre Geschichten?, fragte Mahorner.

Sie sind wahr, ich denke schon, sagte Pirelli. Er habe Sut nie danach gefragt, weshalb auch.

Ob es Jens Eschels je gab?, fragte der Ausguck.

Warum nicht?, sagte Gramner: Wir sind nicht die einzigen, die sich vom Wal ernähren, und ebenso ist der pazifische Ozean nicht der einzige Ozean auf dem Planeten. Sut ist gut aufgelegt dieser Tage.

Er wird wieder erzählen, sagte Crockeye.

Was gäbe es sonst zu tun? Scammon lässt nicht arbeiten, bevor die Besatzungen für die Schaluppen gesund und bei Kräften sind, sagte Harmat.

Da hat er recht, sagte Bildoon und räkelte sich gähnend auf der Persenning, einen bequemeren Platz gab es nicht.

Die Männer hatten sich gute Plätze mittschiffs gesichert. Mittag war vorüber, die Sonne neigte sich zum Horizont, das Licht verlor seine Schärfe, und sie rechneten damit, dass Sut sich demnächst zeigen würde. Sobald sich das herumsprach, und dass Sut erzählte, sprach sich in Windeseile herum, würden sich wieder einige Schwarze von der ›Marin‹ hier einfinden, obgleich dort noch an den beiden Walen geflenst wurde, die Scammon am ersten Tag heimgebracht hatte. Vom Nachmittag bis hinein in die Dämmerung zu erzählen, das tat Sut gern.

Vor einigen Jahren sei ein Roman erschienen (1851), sagte Gramner, ob sie davon wüssten, über einen weißen Wal.

Jeder hat von den weißen Walen gehört, sagte der Ausguck, Shy Jack, Spotted Tom und wie sie sonst heißen. Bei Mocha Dick ziehe sich eine lange weiße Narbe über den Kopf. Sicher, fügte er hinzu, ich erkenne sie auf Anhieb, ein Wal ist unverwechselbar.

Ein Werk über einen Wal?, fragte Crockeye.

Kaum jemand hat es gelesen, sagte Gramner. Es handle vom Kampf des Menschen gegen die Natur und davon, dass der Mensch letztendlich Sieger bleibe.

Wird sich auch weiterhin nicht verkaufen, sagte Mahorner, und wird ein Ladenhüter bleiben.

Im Gegenteil, widersprach Gramner heftig, Melvilles Roman werde ein leuchtendes Feuer sein im Kampf des Menschen gegen die Natur, ein Bestseller, den man mehrmals verfilmen wird, erfolgreich, und mit viel Getöse sogar auf die Bühne bringen, jeder kennt die Ereignisse um den Untergang der ›Essex‹, der Autor des Romans, Herman Melville, heißt es, sei zwanzig Jahre nach dem Schiffbruch (1841) dem Sohn von Owen Chase, dem Ersten Offizier der ›Essex‹, begegnet und habe ein Jahr nach Erscheinen des Romans auch den Commandeur der ›Essex‹, George Pollard jr., kennengelernt.

Das ist wenige Jahre her, sagte Pirelli.

Mahorner war amüsiert. Der Wal ist ein Bruder des Menschen, wisse jener Melville das nicht? Wie könne das weitergehen? Unsere Urenkel würden die Welt nicht mehr kennen.

Unsere Nachkommen werden in Jahrhunderten entsetzlicher Kriege leben, sagte Pirelli, schrecklicher noch als die Sezessionskriege, die in den Staaten bevorstünden, der technische Fortschritt werde das Leben in großer Zahl vernichten, er rotte das Leben aus, um den Menschen werde es schlecht bestellt sein.

Der Mensch kennt seine Brüder nicht?

Schon möglich, Mahorner. Er lässt zu, dass zahlreiche andere Geschöpfe zugrunde gehen und wirkt daran nach Kräften mit.

Da kommt Sut, rief der Ausguck.

 

zwei

Sut vertäute die Schaluppe an der ›Boston‹, stieg an Bord und setzte sich zu den anderen.

In Völkern, die am Ufer der Beringsee leben, erzählt man sich vom Ursprung der Geschöpfe, sagte er, als hätte er ihrem Gespräch zugehört. In diesen Erzählungen gehen Wal und Mensch wie Geschwister miteinander um. Deshalb weist der Roman, den du erwähnst, Pirelli, auf einen tiefen Bruch im Selbstverständnis des Menschen. Ein hasserfüllter Kapitän macht Jagd auf einen Wal. Der  Mensch kämpfe darum, sich über die Natur zu erheben. Sogar die Existenz der Wale werde gefährdet sein.

Thimbleman schmunzelte ungläubig.

Drei Schwarze stiegen über die Reling. Sut winkte ihnen zu.

Der Pottwal, sagte er, einige von euch werden ihn gesehen haben, ist ein erhabener König unter den Lebewesen der Meere. Er wandert Hunderte, was sage ich: Tausende Kilometer.

Seit wann hat er Füße? Crockeye prustete los und zog sich ärgerliche Blicke zu.

Über weite Entfernung kann er sich unter Wasser verständigen, sagte Sut.

Indem er Geräusche macht? Mahorner wollte das genauer wissen.

Richtig, er erzeugt Geräusche. Nein, keine Worte, selbstverständlich keine Worte. Während wir in unseren Kojen liegen, hören wir manchmal ein feines Klopfen und Klicken. Das ist der Pottwal. Wir nennen ihn auch Zimmermannsfisch, weil es dem Schlag eines Hammers so ähnlich ist. Er erkennt einander an diesen Geräuschen, versteht ihr? Wie du einen Menschen eben an seiner Stimme erkennst.

Mit verbundenen Augen, sagte Crockeye.

Ruhe, zischte Thimbleman.

So ist es, sagte Sut, doch seine Zuhörer schienen nicht recht überzeugt. Er hat, sagte er, keine Barten wie unser Grauwal, er hat Zähne.

Das stimmt, flüsterte Crockeye Harmat zu.

Er ernährt sich von Kraken der Tiefsee und ist im Grunde ein friedlicher Kerl. Überhaupt, sagte Sut, nimmt sich kein Lebewesen, das bei Verstand ist, mehr von der Natur als unbedingt erforderlich. Kein Lebewesen, das bei Verstand ist, schädigt die natürliche Umwelt.

Das stimmt, flüsterte Crockeye.

Thimbleman rückte entnervt einen halben Meter zur Seite. Das war erstaunlich. Denn Thimbleman war leicht reizbar, ein aufbrausender junger Kerl. Nur wenn er Sut zuhörte, ließ er sich ungern provozieren.

 

drei

Der Untergang der ›Essex‹, von dem ich euch erzähle, ist da eine Ausnahme, obwohl, bedenkt man es recht, die ›Essex‹ keine natürliche Umwelt war, sondern Menschenwerk. Ihr kennt den Pottwal, nicht wahr?

Die Männer nickten.

Sein Kopf ist so riesig, dass er ein Drittel der Gesamtlänge umfasst, und niemand weiß diese Ungereimtheit zu erklären.

Ein Ungetüm, sagte Bildoon.

Die ihn fangen, gehen behutsam damit um, weil sein Kopf eine Menge Walrat birgt, für das man einen guten Preis erzielt, der Pottwal ist ein wertvolles Geschöpf. Doch wozu ihm das Walrat nützlich ist, das wissen sie nicht. Nun denn. Er ist ein imponierendes Lebewesen in den Ozeanen.

Die ›Essex‹ lief in Nantucket aus, es war August 1819, Nantucket ist die Heimat des Walfangs, Nantucket kennt ihr, es liegt hoch oben im Norden der Ostküste. Günstige Winde trugen die ›Essex‹ von dort westwärts bis zu den Azoren, und im Nordostpassat segelten sie weiter zu den Kapverden, das ist eine weite Strecke, es ging kreuz und quer, ihr müsst euch das vorstellen.

Crockeye lachte. Die Wegstrecke, sagte er, richtet sich nach den Winden.

Der Planet ist im Gleichgewicht, es ist Verlass auf die Windverhältnisse in der Atmosphäre und die Segelschiffe erreichen ihre Ziele. Das gefürchtete Kap Hoorn bescherte der ›Essex‹ komplizierte Winde, und sie wurde wochenlang aufgehalten. So sind die Verhältnisse auf Großer Fahrt, ihr Lieben, wovon ihr nie gehört habt. Solch eine Walfangunternehmung, müsst ihr wissen, dauert zwei bis drei Jahre. Kaum jemand von euch mag so lange auf See sein.

Wer weiß, sagte Bildoon.

Das ist nicht unsere Welt, sagte Mahorner, diese Lagunen, in denen wir dem Grauwal nachsetzen, sind einen Katzensprung von San Francisco, die hohe See sieht anders aus.

Ruhe, zischte Thimbleman.

Vor der Küstes Chiles, sagte Sut, erlegten sie im Februar und im März acht Pottwale, die ihnen zweihundertfünfzig Fass Walöl füllten, und vor Peru noch einmal Pottwal für fünfhundertfünfzig Fass; das war bis jetzt ein reicher Ertrag.

Das musst du dir klarmachen, dass du wochen- und monatelang auf hoher See bist, unterbrach Harmat. Wie fast alle anderen Männer auf der ›Boston‹ war er nie auf hohe See gefahren, doch das Thema interessierte ihn.

Hat das keine Vorzüge?, fragte Bildoon verärgert. Sieh dir die Zustände in Kalifornien an, mein Freund, sieh die unersättlichen Goldsucher, ganz Kalifornien ist im Rausch, ein failed state. Glaubst du denn, dort könntest du in Ruhe leben? Der Streit um die Sklaverei hält das ganze Land bis Florida unter Aufruhr. Hast du nicht von John Brown und den blutigen Auseinandersetzungen in Kansas gehört? Es wird zum Sezessionskrieg kommen, wie Pirelli gesagt hat, einem Bürgerkrieg zwischen den industrialisierten Staaten des Nordens und den agrarischen des Südens.

Harmat und Bildoon fingen sich strenge Blicke von Thimbleman ein, doch das war ihnen gleichgültig. Thimbleman war bloß ein aufgeregtes Jüngelchen und ein Neuling auf Scammons Schiff, was bildete er sich ein.

Nein, zu Zeiten der ›Essex‹ gab es den Goldrausch nicht, sagte Sut, der brach  dreißig Jahre später aus, Kalifornien war damals von Spaniern besiedelt, und vor wenigen Jahren, 1846, nahmen nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg – ähnlich dem Blitzkrieg und George Bushs Operation Wüstensturm sowie dem verhängnisvollen Einmarsch seines Sohnes in den Irak – die Vereinigten Staaten das Land in Besitz, zwei Jahre später dann ereignete sich der aufsehenerregende Goldfund in Sutters Mühle. Seitdem erst, müsst ihr wissen, gibt es San Francisco als eigene Stadt.

Der Wal, sagte er, fachte die Gier der Menschen an, die Gier nach Geld, die Gier nach Erfolgen, und diese aggressive Gier trieb auch die Männer der.›Essex‹, sie waren erfolgreich, sie verlangte nach mehr. Die Preise für Walöl stiegen, während die Weltwirtschaft tiefer in die Krise glitt.

 

Walfang

vier

In den ersten Oktobertagen 1820, über ein Jahr nach dem Aufbruch von Nantucket, nahm die ›Essex‹ von der peruanischen Küste Kurs auf die Galapagos-Inseln, wo die Mannschaft mehrere hundert Schildkröten als Nahrungsvorrat aufnahm. Von dort segelten sie auf westlichem Kurs unter dem Äquator, um weitere Pottwale zu erlegen.

Das Unglück ereignete sich am dreiundzwanzigsten Oktober, es war beispiellos, sogar der Erste Offizier Owen Chase, einer der fünf Überlebenden, erinnert sich nicht, je zuvor davon gehört zu haben, dass ein Wal ein Fangschiff angegriffen hätte.

Er kenne diverse solcher Ereignisse, sagte Bildoon, das Leben auf einem Walfänger sei gefährlich.

Dass der Wal sich zur Wehr setzt, widersprach Thimbleman, darüber werde sich niemand wundern. Doch dass der Wal sich ohne erkennbaren äußeren Anlass gegen ein Walfangschiff wende, das sei höchst ungewöhnlich.

Gegen ein Walfangschiff, bekräftigte Harmat, nicht gegen eine unscheinbare Schaluppe.

Bildoon dachte nach und legte seine Stirn in Falten, das wurde ein lustiger Anblick, Thimbleman verkniff sich ein Lachen.

Wer kenne die Geschichte der ›Essex‹ nicht, sagte Harmat, auch Sut werde sie nicht neu erzählen.

Sie sollten einfach abwarten, sagte Bildoon verärgert, sie seien das Publikum, und wo sei es üblich, dass das Publikum sich einmische und die Erzählung störe.

Das Verhalten dieses Pottwals sei beispiellos, sagte Sut. Die Männer in den Schaluppen, die den Pottwal jagen und stets dicht am Tier sind, die haben erlebt, dass der Wal sich zur Wehr setzt, sicher, es geht ihm um Leben und Tod, und er ist ein Koloss, ein mächtiges Tier, ein Schlag seiner Fluke kann eine Schaluppe zerschmettern. Das hatte der Erste der ›Essex‹ erst wenige Stunden zuvor erlebt, als sie auf den Ruf des Ausgucks hin die Schaluppen zu Wasser gelassen hatten, in der angegebenen Richtung gerudert waren und warteten, dass die Tiere auftauchten.

Als sich nicht weit von des Ersten Boot ein Pottwal zeigte, ruderten sie mit voller Kraft auf ihn zu und der Erste warf die Harpune. Der Erste warf sie, der Obermaat anstelle des Harpuniers Lawrence, merkt euch das, ich komme darauf zurück. Im panischen Schrecken, so schildert es der Erste selbst, habe der Pottwal das Boot mit einem gewaltigen Hieb der Fluke leckgeschlagen. Er habe daraufhin sofort die Harpunenleine gekappt, das Leck mit drei Jacken verstopft, so gut es möglich war, während ein Mann Wasser schöpfte und die übrigen das Boot eilig zurück zur ›Essex‹ pullten.

Auf der ›Essex‹ machte sich Owen Chase sogleich daran, das Leck der Schaluppe auszubessern. Er hätte auch das an einem Gestell über dem Achterdeck festgelaschte Ersatzboot klarmachen können, merkt euch das gut, doch er glaubte damit zu viel Zeit zu verlieren und nagelte eilig das Stück Leinwand provisorisch rings um das Leck fest.

Thomas Nickerson, einer der Grünlinge, der das Ruder übernommen hatte, entdeckte rund einhundert Meter an Backbord voraus einen ungewöhnlich großen Pottwal, mit Abstand den größten, den sie bislang gesehen hatten, knapp dreißig Meter lang. Er flüchtete nun nicht etwa, sondern hielt seinen Kopf dem Schiff zugewandt und lag ruhig im Wasser, so aufmerksam, als ob er beobachten wolle. Seid euch sicher, sagte Sut, dass der Pottwal wahrnahm, was um ihn herum geschah.

Er blies zwei-, dreimal und tauchte ab. Gleich darauf erschien er abermals, war nur noch eine Schiffslänge entfernt und hielt mit etwa drei Knoten Geschwindigkeit auf die ›Essex‹ zu. Das war zwar höchst ungewöhnlich, doch jagte es niemandem Furcht ein, ein Wal tauchte auch schon einmal unter einem Schiff durch, das kam vor, und Owen Chase hielt ihn für keine Gefährdung.

Wann hätte man davon gehört, dass ein Pottwal sich aus eigener Initiative gegen den Menschen gewandt, ihn attackiert hätte. Nein, der Pottwal sei ein friedfertiges Wesen, sagte Sut, er schwimme tausende Meilen kreuz und quer durch die Ozeane, die Walkühe lebten in familienähnlichen Verbänden, die wir Schulen nennen.

Ältere Bullen streifen zumeist einsam durch die Meere. Jeden anderen Bullen, der ihnen zu nahe kommt, greifen sie erbarmungslos an, die Kämpfe sind grausam, sie beißen einander große Stücke Fleisch und Fett aus dem Leib und suchen den schmalen Kiefer des Gegners zu brechen, mit einer Gewalt, dass das Meer aufschäumt, es ist ein Kampf auf Leben und Tod.

Doch wir haben wenig verlässliche Nachricht; gelegentlich, heißt es, suchen die Bullen doch wieder die Schulen auf, vielleicht dass sie sich paaren, der Mensch weiß Bruchstücke über das Leben, sagte Sut, er bildet sich ein paar Formeln, nennt das verwegen Wissenschaft und glaubt die Abläufe verstanden zu haben.

 

fünf

Was denn nun wurde?, fragte Crockeye.

Owen Chase befahl spontan, das Ruder hart backbord zu legen, für alle Fälle, um dem Wal auszuweichen. Doch er hatte die Anweisung kaum ausgesprochen, da stieß der Pottwal mit voller Wucht seinen Schädel gegen die ›Essex‹, vorn unmittelbar bei den Ketten des Wasserstags, und versetzte ihr einen so ungeheuren Schlag, dass fast alle Männer kopfüber zu Boden stürzten.

Die ›Essex‹ kam ruckartig zum Stehen und zitterte einige Sekunden lang wie ein Blatt im Wind. Die Männer rangen um Fassung, während der Pottwal unter dem Schiff hindurchschwamm und, als wäre er betäubt, eine Minute lang neben der ›Essex‹ hoch aufragend im Wasser lag. Instinktiv habe Chase zur Lanze gegriffen, er hätte den Pottwal mit einem gezielten Wurf töten können.

Doch dann war dieser unvermittelt leewärts davon. Ihr kennt die Geschichte längst, sagte Sut, ich werde euch den Schluss ersparen.

Wir kennen sie nicht!, riefen die einen. So lassen wir das nicht durch!, riefen andere: Wir hören sie von dir, Sut!

Er griff ein zweitesmal an, nicht wahr?, fragte Bildoon.

Ihr wisst es, sagte Sut.

Das war eine Frage!, protestierte Bildoon, und Harmat fügte hinzu: Wir warten auf deine Antwort, Sut!

Ob Sut sich einfach nur zierte, weil er eitel war? Er wollte gebauchpinselt sein? Man weiß es nicht. Die wohlwollende Reaktion seines Publikums schmeichelte ihm, und es gelang ihm mit Mühe, das Lächeln unter seinem Bart zu verbergen.

Die ›Essex‹ war leckgeschlagen, sagte Sut, die meisten wussten noch gar nicht, was geschehen war, als Chase schon befahl, die Pumpen in Gang zu setzen. Doch sie waren keine Minute in Betrieb, da wurde unverkennbar, dass der Bug der ›Essex‹ sich nach und nach ins Meer senkte.

Das war eine nie gekannte Situation, und eben rief Chase, dass man den beiden Schaluppen, die noch auf dem Meer unterwegs waren – davon eine mit George Pollard Jr., dem Kapitän –, ein Signal geben müsse, da lag derselbe Pottwal doch wieder im Blickfeld, fünfhundert Meter entfernt, und tobte in den Wogen, als wäre er komplett von Sinnen. Gischt hüllte ihn ein, er stampfte auf den Wellen und wirkte wie von Krämpfen geschüttelt. Chase will beobachtet haben, dass er, von Zorn und blinder Wut getrieben, die Kiefer aufeinanderschlug.

Was für ein Schauspiel!, rief Sut und schien alles selbst vor Augen zu haben. Einzigartig! Wann hätte man davon vernommen! Kein Wunder, dass nachwachsende Generationen, kaum dass Fotografie und Film erfunden waren, dieses Geschehen verfilmten, der Mensch zeigt sich stets von farbigen Bildern beeindruckt.

Chase übertreibt, sagte Mahorner, und Pirelli stimmte ihm zu, dass Chase von abenteuerlichen Details erzähle. Die Kiefer aufeinanderschlagen!

Nun war es an Sut, dass er lachte. Küstensegler!, tadelte er. In den Lagunen der Baja California geht ihr gemächlich eurem Walfang nach und denkt kaum daran, wie lebensgefährlich die Jagd auf hoher See ist.

Hört! Hört!, klang es spöttisch aus dem Publikum: Hört Sut!

Schon gut! Sut nahm sich zurück, er hatte sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Auch ihr setzt euer Leben aufs Spiel!

So ist es recht, sagte Thimbleman und zwinkerte Harmat zu.

Und es blieb ja nicht dabei, sagte Sut. Das Schiff sackte Zentimeter um Zentimeter ins Wasser ab und musste verlorengegeben werden. Owen Chase war erschüttert.

Er sei wieder da, habe nun entsetzt ein Matrose gerufen, der an einer Luke stand, und schwimme direkt auf die ›Essex‹ zu.

Noch dreihundert Meter war der Pottwal vom Bug entfernt und näherte sich mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit, Gischt sprühte in alle Richtungen, das heftige Schlagen mit der Fluke hinterließ eine breite Spur weißen Schaums. Sein mächtiger Kopf ragte unheilverkündend aus dem Wasser, bis er heran war und der ›Essex‹ einen zweiten heftigen Schlag versetzte, direkt unterhalb des Kranbalkens, wodurch der Bug nun vollständig eingedrückt war.

Die Mannschaft war fassungslos, keine zehn Minuten hatte alles gedauert, schnell wie der Blitz war eine geordnete Welt dahingerafft, von hundert auf null in einem Wimpernschlag.

 

sechs

Sut ist fein heraus, nicht wahr? Susanne wirft einen Blick auf ihr zartes Teeservice, sie hat sich Ingwertee nachgeschenkt und hält die Tasse an dem mit einem zierlichen Blättchen geschmückten Henkel. Der Drache wirkte so verletzlich. Wovon sich Drachen ernähren? Von edlen Jungfrauen? Sie musste lächeln.

Sut könnte sich vor Nachfragen für Lesungen nicht retten, sagt Tim, und würde seinen Lebensunterhalt locker mit CD-Einlesungen für Hörbücher bestreiten. Er wäre ein gefragter Mann. Allein diese Stimme und wie er sie drehte, umschlug, wechselte. Nein, heutzutage müsste er nicht auf strapaziösen Walfang ausfahren, er könnte Urlaub machen. Wale beobachten.

Die Welt hat sich verändert.

Nicht so sehr, Susanne.

Doch weshalb war der Pottwal so ungewöhnlich aggressiv? Sut weiß Bescheid, oder?

Er wies ja ausdrücklich darauf hin, dass die Geräusche des Wals leicht mit dem Hämmern verwechselbar sind.

Der Obermaat benutzte den Hammer, um das Fangboot zu reparieren.

So löst sich ein Skandal in Wohlgefallen auf, sagt Tim. Ein Missverständnis, und all das schmückende dramatische Beiwerk null und nichtig, der Teufelsfisch ein Hirngespinst, so schnitzt sich der Mensch seine Welt.

Und als die ›Essex‹ verloren war?

Sie hätten Hawaii anlaufen können, die Windverhältnisse wären deutlich günstiger gewesen, das war ihnen bekannt, und auch die Schauergeschichten über meuchelnde Eingeborene und Kannibalen waren haltlos. Wenige Woche zuvor hatten die Nantucketer Walfänger ›Equator‹ und ›Baleana‹ als erste Nantucketer Schiffe vor der Hawaii-Insel Oahu Anker geworfen.

Davon wussten sie nicht, Tim.

Nein, wussten sie nicht. Sie waren miserabel informiert. Sie hätten aber ebensogut Tahiti in den Gesellschaftsinseln ansteuern können. Auf Tahiti arbeitete seit Beginn des Jahrhunderts eine englische Missionsstation. Auch das wussten sie nicht.

Die Schiffbrüchigen nahmen Kurs zurück an die südamerikanische Küste, ein absurdes Vorhaben. Es wurde eine qualvolle Rückkehr, sie ernährten sich vom Fleisch der verstorbenen Kameraden.

Man möchte die Details gar nicht kennen.

Sut wird wissen, weshalb er über die völlige Unbedarftheit der Offiziere Schweigen bewahrt, nicht wahr, so sind unsere Führungskräfte.

 

sieben

Der Pottwal drehte leewärts ab und war auf und davon, sagte Sut, den Rest des Geschehens kenne jeder, eine heldenhafte Mär von widrigen Umständen, von Geschick und von Missgeschick, ja, ja, von ungebrochenem Lebenswillen des Menschen, ja, auch, ja, vom Überleben, ja gewiss. Und sonst?

Der Pottwal? In dem erwähnten Roman, der späten Ruhm erntete, war er dämonisiert, der weiße Wal, sein Vorbild Mocha Dick, ich sagte es, mit einer weißen Narbe quer über dem Schädel, all das wurde dem Pottwal keineswegs gerecht, keineswegs, glaubt mir. Im Gegenteil, sagte Sut, der Mensch liebt es, jene Dinge und Personen, die ihm missfallen, zu verunglimpfen, so auch den Pottwal. Der Mensch lege sich die Welt nach eigenem Dafürhalten zurecht.

Dabei hatte sich das furchtbare Desaster angedeutet. Doch wer gibt acht auf die Vorzeichen des Unheils. Sut zuckte mit den Schultern. Da mag sich eine unbeschreibliche Katastrophe ankündigen, der Mensch ist blind, er rennt sehenden Auges in sein Verderben, ist es nicht so?

Die Zuhörer nickten.

Owen Chase erwähnt in seinen Erinnerungen nicht, dass die ›Essex‹ auf Hood, der östlichen Insel des Glapagos-Archipels kielgeholt werden musste, um ein Leck zu reparieren; die Stabilität des gesamten Schiffsrumpfs kontrollierten sie nicht, mehr noch, die Grausamkeit, mit der die Schildkröten eingefangen und an Bord gelagert wurden, ich will sie euch nicht schildern, doch sie schrie nach Rache, die Männer waren ein fühlloses Pack.

 

Whaling - Dangers of the whale fishery

acht

Auch auf der Galapagos-Insel Charles hatten sie sich mit Schildkröten versorgt, und einer der Männer verfiel auf die ausgefallene Idee, am letzten Tag ein Pulverfässchen zu zünden. Was geht in manchen Köpfen vor! Ein Pulverfässchen! Sut lachte lauthals. Der Mensch ist unberechenbar, meint ihr nicht?

Von den Zuhörern kam diesmal keine Antwort.

Was meint ihr?, fragte Sut noch einmal. Auf der Insel war es seit Monaten knochentrocken, und augenblicklich loderten nun die Flammen hoch, das Feuer griff rasend um sich, schnitt ihnen sogar den Rückweg ab, und viele erreichten die ›Essex‹ mit Blessuren, mit versengten Kleidern und Haaren. Sut lachte höhnisch auf. Da seht ihr, welch vielfältigem Risiko der Seemann auf großer Fahrt ausgesetzt ist!

Den Zuhörern verging an dieser Stelle das Lachen.

George Pollard jr., Kapitän der ›Essex‹, war außer sich, einen nach dem anderen verhörte er seine Leute und versprach dem Brandstifter härteste Strafe. Doch die Mannschaft hielt zusammen, und Pollard konnte nicht ausschließen, dass das Pulver in aller Heimlichkeit angezündet worden war und niemand hatte es bemerkt. Das waren keine ermutigenden Umstände, sagte Sut.

Als sie am nächsten Morgen den Anker gelichtet hatten, stand die Insel in Flammen, und noch am Abend sahen sie den Feuerschein am Horizont. Nein, besonders mitreißend war die Atmosphäre auf der ›Essex‹ nicht, und hinzu kommt, dass einer der schwarzen Matrosen, Steuermann auf einer Schaluppe, sich auf Hood, wo das Leck der ›Essex‹ repariert worden war, von der Mannschaft abgesetzt hatte. So etwas geschah gelegentlich, man konnte es ignorieren, doch letztlich war es eine Schwächung; wer dem Pottwal nachjagt, kann keinen Mann entbehren. Sie hatten ja schon in Nantucket Mühe gehabt, die Mannschaft vollzählig zu besetzen.

 

neun

Nach einigen Jahren schrumpfender Erträge ihrer Walfänger waren die Schiffseigner in Nantucket wieder optimistisch geworden, denn Commandeur George W. Gardner war mit der ›Globe‹ und reicher Ausbeute erst im Mai zurückgekehrt, also wenige Monate, bevor die ›Essex‹ in See stach; Gardner hatte auf hoher See, mehr als tausend Meilen vor der peruanischen Küste, ergiebige Fanggründe entdeckt.

Suts Publikum schwieg, die Männer waren neugierig geworden.

Deshalb segelte die ›Essex‹ so weit hinaus auf den Pazifik. Sie hatten zwar bereits über fünfhundert gut gefüllte Fässer, aber die Commandeure waren auf hohen Ertrag aus, Walöl würde in Nantucket hervorragende Preise erzielen. Schminkt euch die Walfängerromantik ab, liebe Leute, rief Sut, es geht um Rendite für die Schiffseigner, nichts sonst zählt!

Eldin blickte misstrauisch auf.

Einige Männer schüttelten den Kopf, ihre Augen blickten verständnislos, doch Sut schien eine empfindliche Stelle getroffen zu haben. Dass der Schwarze vom Schiff geflohen war, sagte er, hatte handfeste Gründe, und er war nicht der erste, der sein Heil in der Flucht gesucht hätte. Der einfache Matrose wurde finanziell ebenso wie die Neulinge knappgehalten, das Dasein auf einem Walfänger war hart, um die Reputation der Walfänger war es nicht gut bestellt.

Du sagst es, Sut!, rief Crockeye: Nicht auf jedem Walfänger ist es auszuhalten.

Die Männer applaudierten, obwohl sie an den Zuständen unter Scammon wenig auszusetzen hatten, er war ein gewissenhafter Kapitän. Doch wenn sie ehrlich waren – dass eine komplette Schiffsmannschaft in der Stadt zu den Claims abwanderte, war kein Einzelfall, und das widerfuhr nicht nur den Walfängern. Zahllose Segler lagen abgetakelt im Hafen und verrotteten, der Goldrausch hatte seine Schattenseite.

Das kommt vor, sagte Sut, dass unsere Träume enttäuscht werden, bitter enttäuscht.

 

zehn

Nicht nur der Obermaat Owen Chase fertigte nach seiner Rettung Aufzeichnungen an, müsst ihr wissen, sagte Sut, sondern auch der Grünling Thomas Nickerson, vierzehnjährig und als geborener Nantucketer seit vielen Jahren mit dem Walfang vertraut. Seine Geschichte setzt einen anderen Schwerpunkt.

Gewiss, ich wies darauf hin, jeder hat großartige Träume, auch Nickerson hatte großartige Träume, hatte Rosinen im Kopf wie jedes Kind und war stolz auf das schwimmende Heim namens ›Essex‹, noch als er nach den strapaziösen Vorbereitungen seinen Platz einnahm.

Nach kürzester Frist war ihm aber klar, dass ihm keine vergnügliche Reise bevorstand, Owen Chase hatte sich aus einem scheinbar vernünftigen jungen Mann nun, an Deck, in einen brutalen Leuteschinder verwandelt. Allein dessen grobes, lautstarkes Fluchen ließ dem wohlerzogenen Jungen das Blut in den Adern gefrieren.

Die Männer lachten.

Ich sehe, ihr versteht, was ich meine, sagte Sut. Thomas Nickerson fühlte sich mutterseelenallein auf einer großen, erbarmungslosen Welt. Das sind seine eigenen Worte, ich habe sie mir gut eingeprägt, damit ich sie euch hier glaubhaft wiedergeben kann.

Er war für das Zwischendeck eingeteilt, wo die Bootssteuerer und die jungen Nantucketer wohnten, nicht zu den engen und düsteren Mannschaftsquartieren in der Back, dem vordersten Teil des Schiffes, dem Platz für die Schwarzen und die von auswärts nach Nantucket Zugereisten.

Thomas Nickerson wurde dem Walfangboot von Owen Chase zugeteilt, dessen Bootssteuerer war Benjamin Lawrence, den ich namentlich erwähne, weil ein Vorfall wenige Tage vor dem Schiffbruch den Obermaat Chase in ein anderes Licht stellt, Nickerson erwähnt es, und ich will es erzählen.

Der Bootssteuerer ist derjenige, der die Harpune wirft, und niemand macht ihm das streitig. Es kommt vor, aber selten. Das ist bei allen Walfängern so. Ihr wisst das.

Die Männer nickten.

Nur wenn der Obermaat jegliches Vertrauen in den Wurf seines Bootssteuerers verloren hat, übernimmt er die Harpune. Und von Obermaat Chase war zu erwarten, dass er daran einen großen Auftritt knüpfen würde. Wozu bist du eigentlich hier, brüllte er ihn an, elender Scheißkerl, Abschaum von Nantucket, winselndes Schoßhündchen von der Bank am warmen Ofen – das war das widerwärtige Niveau seiner Flüche, und, versteht ihr, für Lawrence waren sie eine entsetzliche Demütigung.

Nun, der Obermaat saß auf hohem Ross, er war berüchtigt für seine draufgängerische, cholerische Natur. Schlappschwänze hätten auf einem Walfänger nichts zu suchen, schreibt er in seinen Erinnerungen, man muss sie aufmerksam lesen.

Wisst ihr, erklärte Sut, wenn ein Mann, der in die Jahre kommt, aufbrausend ist, wutentbrannt bei dem geringsten Anlass – wer würde sich aufregen! Doch der Obermaat war jung, er hatte fünfundzwanzig Lenze auf dem Buckel. Was sollte einst aus ihm werden!

Ein verbitterter Greis, der die Welt nicht versteht!, höhnte Pirelli.

Wer hoch klettert, wird tief stürzen, sagte der Ausguck.

Die Zuhörer johlten, Sut brach seine Rede ab.

Eldin stützte sich auf einen Ellenbogen und beobachtete die Männer. War es empfehlenswert, den Erzähler reden zu lassen, wie ihm der Schnabel gewachsen war? Wiegelte er die Männer auf? Ach, es ging ihnen zu gut während dieser Tagen unter einer wärmenden Sonne, man muss die Männer kurzhalten, man muss ihnen zu arbeiten geben, dass ihre Köpfe beschäftigt sind und ihre Gedanken nicht zum Fliegen anheben.

Suts Erzählungen blieben so unvollständig, sorgte sich Pirelli.

| WOLF SENFF

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