Nicht nur bunte Tupfen

in Kinderbuch

Kinderbuch | Lizzy Hollatko: Der Sommer der kleinen Manto

Ein Kindersommer voller Erlebnisse, bunt wie die Tupfen auf einem Sommerkleid. Aber natürlich ist das nicht alles, denn die Geschichte stammt von Lizzy Hollatko. Sie hat einen scharfen Blick für die Bruchstellen im vermeintlich glatten Alltagsleben. Von MAGALI HEISSLER

der sommer der kleinen mantoDas Sommerkleid, das Tante Loukia aus Athen mitbringt, wird der Anlass für das, was Manto, die neunjährige Heldin der Geschichte, ihr Spiel nennt. Die Regeln sind einfach. Es muss etwas gemacht werden, an das noch niemand vorher gedacht hat und das bis zum Sonnenuntergang. Selbstverständlich wird Manto dabei das wunderbare Kleid mit den bunten Tupfen tragen.
Mantos Spielfeld ist eine kleine griechische Insel zur Sommerzeit. Der Hafen, der Strand, die Berge rings um ihr Dorf, Häuser und Innenhöfe, Dorfstraße und Wege über Land – alles steht der Kleinen zur freien Verfügung. Jede kennt jeden und jeder wiederum die andere, von der Großmutter über den Cafébesitzer bis hinauf zu den Mönchen im Kloster und hinunter zu den Fischern im Hafen. Selbst Hühner und Esel gehören zur Gemeinschaft.

Ganz klar hat Manto eine beste Freundin, Eleni. Sie ist beim Spiel dabei. Das Sommerspiel ist aber nur vermeintlich unbeschwert. Mantos Leben verändert sich nämlich einschneidend. Und obwohl das zuerst nur eine Ahnung ist, wird es im Laufe der Wochen zur Gewissheit.

Aus kleinen Dingen werden große

Hollatko lässt die Geschichte mit einem Abschied beginnen. In schlichten Sätzen, die dem Horizont einer Neunjährigen so gut angepasst sind, dass das Mädchen weder albern noch altklug klingt, nehmen die Leserinnen an Mantos Leben teil. Die Dialoge sind bemerkenswert ausgefeilt, verblüffend, entwaffnend. Alle auftretenden Figuren sind allein durch ihre Namen, den Grad der Beziehung zu Manto, ihre Worte und ihr Tun beschrieben. Mit Äußerlichkeiten verschwendet Hollatko keine Zeit. Selbst dem kleinsten abenteuerlustigen Hühnchen haucht die Autorin Leben ein. Die ganze Insel wird lebendig im Lauf der Seiten, mit ihrer Sommerhitze, dem Motorengeknatter, der Nässe des Putzwassers auf den Böden, dem Geruch nach wildem Oregano in der Nase und dem Süße reifer Wassermelonen auf der Zunge.

Für Mantos Spiele lässt sie sich wahrhaftig Neues einfallen. Überraschend setzt es ein und endet ebenso. Zugleich unerwartet sind die Reaktionen der Menschen, deren Umgang ist offen, freundlich, was sie sagen einsichtig bis hin zur Weisheit. Dabei ist alles aus dem Alltag geboren, wie etwa Großvaters Überzeugung, dass aus kleinen Dingen große werden. Die ganze Atmosphäre vermittelt Stabilität, Schutz, Vertrauen.
Dahinter steckt jedoch ein Familienproblem, ein Konflikt zwischen Mantos Eltern. Gesprochen wird nicht darüber, zumindest nicht mit Manto. Sie weiß trotzdem, was vorgeht.

Mysterium Kindheit

Diese Sommergeschichte birgt eine Unschuld, die alles andere ist als Naivität, Bedürfnislosigkeit oder gar Kritiklosigkeit. Die Einfachheit lässt vielmehr etwas aufleben, das nicht zu Unrecht in Richtung Rumpelkammer der Literatur geschoben wurde: Kindheit als Mysterium. Zu leicht gerät der Text in die Kitschecke, verkommt zu billigen Sentimentalitäten oder wird übelkeitserregend heroisiert. Der Realismus hat einen energischen Schlusspunkt unter solchen Unsinn gesetzt.
Und doch …

Mantos Blick auf die Welt ist der Blick der Unschuld. Sie schenkt Glück auf eine unerwartete Weise, die ein magisches Element enthält. Dieses Glück wirkt nicht auf die jeweiligen Empfängerinnen und Empfänger, sondern auf alle, die selbst in geringster Weise noch beteiligt sind. Manto tut seltsame Dinge, hat ausgefallene Ideen. Sie interpretiert die Welt auf eine Weise, die zwischen Reinheit und Weisheit changiert, ohne auch nur einmal den Boden der Realität zu verlassen. Je realistischer sie agiert, desto magischer wird es, denn mit ihrem Spiel tut Manto nichts weniger, als sich an ihre Insel zu binden bzw. ihre Bindung an ihre eigentliche Heimat zu entdecken. Das gibt ihr Kraft. Etwas, das Manto braucht, denn tief innen ist sie ein trauriges Kind. Sie möchte nicht, dass die Eltern streiten, sie möchte nicht, dass jemand stirbt, sie möchte nicht fort von der Insel. Zugleich weiß sie, dass sie all das nicht verhindern kann.

Ihre Bedürfnislosigkeit – ein Thema, das im Buch einigen Raum einnimmt – gibt ihr die Möglichkeit, mehr zu erwerben als Vorübergehendes. Hollatko erzählt von dem, was bleibt, wenn man aufgibt, weggibt, verliert oder fortgeht. Manto versteht das am Ende, auch wenn sie es nicht in die Worte Erwachsener fassen kann. Was sie sagt und wie sie es sagt, ist Wahrheit: schlicht und so wuchtig, als hätte man eine dicke Abhandlung gelesen und nicht eine kleine wunderbar sacht melancholische Geschichte eines verzauberten Sommers.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Lizzy Hollatko: Der Sommer der kleinen Manto
Wien: Verlag Jungbrunnen 2017
88 Seiten. 12,95 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren

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