An die Wand gefahren

in Jugendbuch

Jugendbuch | Kerstin Lücker/Ute Daenschel: Weltgeschichte für junge Leserinnen

Wer im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine Weltgeschichte verfasst, noch dazu in einem einzigen Band, ist entweder ein Genie, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Oder in eben dem Maß ahnungslos. Bei dem vorliegenden Buch war kein Genie am Werk. Von MAGALI HEISSLER

Weltgeschichte für junge LeserinnenDie Autorinnen verfehlen gleich das erste Ziel, nämlich ihr Arbeitsgebiet abzugrenzen. Sie verwechseln schon im ersten Satz Weltgeschichte mit der Frage nach der Entstehung der Erde und des Menschen. Dem Anspruch, Frauen der geschichtlichen Überlieferung hinzuzufügen, dient das Herumeiern über Urknall und Wahrscheinlichkeiten nicht. Der Unsinn gipfelt in der katastrophalen Behauptung, dass Historiker – für einmal darf man dankbar sein, dass die weibliche Form fehlt – damit beschäftigt seien, »die Wahrheit« herauszufinden. Nein. Wahrheit ist keine wissenschaftliche Kategorie.

Daraufhin liest man, dass die Männer über die Jahrhunderte damit beschäftigt waren, Frauen aus der Geschichtsschreibung zu tilgen. Das erste Beispiel für dieses böse Tun ist falsch, das zweite nicht überzeugend. Hatschepsuts Name wurde nicht gelöscht, weil sie weiblich war, die Tilgung von Herrschernamen traf auch Männer und nicht nur im alten Ägypten. Der ungenannte Historiker, der, so die Autorinnen, »Pergamente« fand, aus denen die Geschichte von Frauen herausgeschnitten wurde, muss sich die Frage gefallen lassen, woher er wusste, dass es genau ab hier um Frauen ging? Belege für den kuriosen Vorgang fehlen, wie im Übrigen für alles, was in diesem Buch behauptet wird.

Fehler

Das Buch enthält zahlreiche Sachfehler. Gleich, in welche Epoche man hineinblättert, gleich ob Kultur-, Literatur- oder Politikgeschichte, sie erscheinen mit der Geschwindigkeit, Aufdringlichkeit und Regelmäßigkeit von Pop-ups.
Einige wenige willkürlich herausgegriffene Beispiele: Penelope saß nicht am Spinnrad, sondern am Webrahmen, ein wesentlicher Unterschied nicht nur handwerklich, sondern für den Handlungsverlauf. Ein Lehen konnte nicht vererbt werden, Luthers Ideen wurden nicht durch Bücher verbreitet, (Flugschriften!). Darwin sagte nicht, dass der Mensch vom Affen abstamme, Marx nicht, dass die Sprache das Bewusstsein präge und er schrieb auch ›Das Kapital‹ nicht vor dem Manifest.

Dschamal al-Afghani benutzte nicht als Erster den Begriff »dschihad« – wie kommt man denn auf so etwas? – und er ist auch nicht der Vorläufer des ›IS‹. Die englische Revolution unter Cromwell ist nicht gleichzusetzen mit der »Glorious Revolution«, ein Patzer gewaltiger Größenordnung. Amaranthes‘ Frauenzimmerlexikon ist keine Rezept– und Strickmustersammlung, sondern eine anspruchsvolle Mischung aus hauswirtschaftlichem Fachlexikon und Konversationslexikon mit vielen Hundert biographischen Artikeln über Frauen.

Nichtwissen

Die Beschreibungen komplexerer Phänomene sind nur weitere Belege für mangelndes Wissen, vor allem aber die Kritiklosigkeit und Bequemlichkeit der Autorinnen. Die Kurzbeschreibung etwa des Absolutismus unter Ludwig XIV. ist ebenso kindlich wie grundfalsch; etwas, was wohl das ottonische Reichskirchensystem sein soll, derart kraus, dass es schon wieder allerliebst ist. Es wird allerdings übertroffen von der faszinierenden Behauptung, dass der französische Adel im Hundertjährigen Krieg nicht verstand, warum die Engländer vertrieben werden sollten, weil er »nicht wusste, was eine Nation ist«. Die sog. »Boston Tea Party« fand nicht statt, um die Engländer in ihrer Vorliebe für Tee zu treffen und nicht einmal Stalin hat je behauptet, dass mit der Oktoberrevolution ein »real existierender Sozialismus« geschaffen sei.

Offenbar wurde nicht ein einziger der geschilderten Vorgänge auch nur nachgelesen, geschweige denn, etwas überprüft. An ein historisches Fachlektorat hat auch keine gedacht. Die Formulierungen sind dementsprechend, nicht selten klingen sie wie Kathederblüten vergangener Zeiten. Die Lektüre ist haarsträubend.

Unverständnis

Von dem, was die Beschäftigung mit Geschichte ausmacht, neben umfangreichem Sachwissen die Fähigkeit zu kritischer Betrachtung des Gegebenen und dem Entwickeln von Fragen, fehlt jede Spur. Die Leerstellen werden gefüllt mit dem, was die schlechteste Version von »Weltgeschichte« war und ist: Eine Aufzählung dessen, was der Selbstvergewisserung der eigenen Lebensbedingungen dient bis hin zu metaphysischen Ergüssen.

Die Verfasserinnen folgen naiv den Ereignissen einiger sattsam bekannter Großreiche, entdecken entzückt Demokratie, Nationalismus und alle Anzeichen sog. moderner Zivilisation. Sie nehmen wahr, was sie kennen, und das ist auch nicht eben viel. Allem, was nicht ins Weltbild passt, wird mindestens mit Befremden, eher aber mit Ablehnung begegnet. Positiv und negativ sind klar verteilt, was nicht westlich geprägtes Europa ist, ist ab dem 19. Jahrhundert rückständig.

Dass unsere Entwicklung ihre Tücken hat, wissen sie, einordnen können sie die Tücken aber nicht, weswegen in plattem Moralisieren geschwelgt wird. Das Christentum wird klar favorisiert, die Beschreibung der sog. Christenverfolgung unter Nero stammt stracks aus der christlichen Tendenzliteratur wie auch die Vita des dazugehörigen Religionsstifters. Bei der Ehrenrettung Papst Alexanders VI. führt diese Blindheit zum Lobpreis seiner Förderung der Mission in Übersee, deren Auswirkungen auf die Betroffenen die Autorinnen ein paar Seiten zuvor beweinen. Das ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass hier die rechte Hand nicht weiß, was die linke schreibt.

Das Ende der Darstellung schließlich versinkt in einem politisch korrekt gefärbten Klagelied über Umweltsünden, einem schwachen Versuch, den Begriff Gender zu erklären, vor allem aber dem Lobgesang auf viele, viele Frauen, die gezeigt haben, dass sie können, was Männer auch können. Am Ende finden wir uns über den Wolken im Jenseits wieder, kein Witz.

Nützt das Frauen?

Ärgerlich ist die vorgeführte Vorstellung von »Emanzipation«. Ausschlaggebend sind allein die Normen, die eine patriarchalisch geprägte Weltvorstellung setzt. Beispiele gelungener Emanzipation sind daher Kriegsherrinnen, Herrscherinnen und Gelehrte. Mit der Obsession, die kleinbürgerliche Mitteleuropäerinnen reflexartig an den Tag legen, wenn es um »Bildung« geht, wird die ›Querelle des femmes‹ zum epochalen Diskurs über die Bedeutung von Frauen hochstilisiert, obwohl die Diskussion über die Jahrhunderte einer kleinen Gruppe von Intellektuellen vorbehalten war und ihre Wirkung auf die Stellung von Frauen insgesamt eher gering einzuschätzen ist. Die übliche Mittelschichtsblindheit verhinderte zudem den Blick auf alle, die nicht den höheren Ständen angehörten. Dass Emanzipation eine Frage der rechtlichen Stellung der Frau in einer Gesellschaft ist und nur das, geht unter.

Weiters sind die Frauen, die das Unglück haben, in dieser Weltgeschichte genannt zu werden, hochgeborene Mörderinnen mit Gift und Dolch oder Verführerin. Kleopatra wird dergestalt gleich in zwei Kapitelüberschriften charakterisiert. Kaiserin Theodoras bunter Lebenslauf darf auch nicht fehlen, wobei den Autorinnen entgangen ist, dass dieser von einem Mann geschrieben wurde, noch dazu einem, der Theodora nicht geneigt war. Marie Antoinette wird wieder einmal als Dummchen vorgeführt – das sie nicht war – und ihr der »Brot-versus-Kuchen-Satz« in den Mund gelegt, den sie nie gesagt hat. Die Versenkung der Lusitania 1915 herauszuheben, weil eine zeitgenössische Modedesignerin nicht an Bord war, ist schließlich eine Überhöhung der Bedeutung von Frauen, die man nur bizarr nennen kann.

Von den Titeln, die wie Fallobst für ein kleines Literaturverzeichnis zusammengeklaubt wurden, wurde anscheinend nicht einer gelesen. Dieses Buch zumindest, das ist wenigstens klar, ist kein Beitrag zu einer Weltgeschichte mit Frauen und ganz bestimmt keiner zur Frauengeschichte.

Nun ist unter all den Musen Clio sicher die am meisten vergewaltigte und geschundene. Sich darüber zu erregen, was in ihrem Namen über die Jahrhunderte weltweit zusammengefaselt wurde und noch wird, ist müßig. Daher könnte man dieses Buch stillschweigend vergessen. Wenn nicht …
Wenn es nicht für Jugendliche konzipiert wäre, noch dazu für Mädchen. Ausgerechnet Mädchen wird eine Darstellung von Geschichte in die Hand gegeben, die gröbst fehlerhaft, tendenziös, unkritisch, undifferenziert, schlampig formuliert und oberflächlich ist bis zur Absurdität. Von Frauen.
Was für eine Leistung.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Kerstin Lücker, Ute Daenschel: Weltgeschichte für junge Leserinnen
517 S. 25,00 Euro
Zürich: Kein&Aber 2017
Jugendbuch ab 12 Jahren
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