Auf der Suche

Jugendbuch | Kristina Pfister; Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

Abgeschlossenes Studium der Kulturwissenschaft. Und dann? Annika gehört zur Generation Praktikum und wir begegnen ihr als ihr negatives Lebensgefühl einem neuen Hoch – oder besser gesagt Tiefpunkt erreicht hat. Von ANDREA WANNER

Pfister - Die Kunst einen Dinosaurier zu faltenDer Blick aus ihrem Apartment ist etwas, das zu den Highlights in Annikas tristem Leben gehört. Von dort sieht sie in das Zimmer einer etwa gleichaltrigen jungen Frau, die all das zu haben scheint, was ihr fehlt. Dort drüben findet das Leben statt, gehen Freunde ein und aus, tauchen echte Liebhaber auf – anders als in den Sexvideos auf ihrem Laptop.

Und dann steht Marie-Louise von gegenüber plötzlich leibhaftig vor Annikas Tür und drückt ihr einen Karton voller Geschirr in die Hand. Marie-Louise ist dabei auszuziehen und ihr Blick durchs Fenster in das Leben von Annika hat ihr verraten, dass diese nur eine einzige Tasse besitzt. Kurz darauf steht sie wieder da und fordert ihre Tassen zurück. Zwei Begegnungen, denen weitere folgen werden.

Was sich da entwickelt, ist nur schwer mit dem Wort Freundschaft zu beschreiben. Annika, die Ich-Erzählerin ist fasziniert von der Unbeschwertheit und Tatkraft, die von Marie-Louise ausgeht. Nichts davon besitzt sie selbst. Der Übergang ins »richtige« Leben will ihr nicht gelingen. Passivität, Rückzug, ein sinnloses Totschlagen von Zeit, fehlende Pläne und Motivation kennzeichnen ihr Leben. Als Marie-Louise weg ist – sie will sich in London einen Job suchen – zieht Annika zurück zu ihrer Mutter, igelt sich in ihrem ehemaligen Kinderzimmer ein.

Kristina Pfister findet exakt den richtigen Ton für die Situation der jungen Frau. Eine bleierne Müdigkeit, fehlender Sinn, mangelnde Perspektiven: Woher soll die Energie kommen? Annika erzählt und man möchte sie lesend schütteln, sie zwingen, endlich etwas zu tun, ihr Leben in die Hand zu nehmen, Initiative zu zeigen. Plötzlich taucht Marie-Louise wieder auf, London hat nur zwei Wochen gedauert und ihre Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Das Wiedersehen findet ausgerechnet in einem Krankenhaus statt: Annika lässt sich dort ihr Knie behandeln. Auch das hat mit Marie-Louise zu tun, denn die Verletzung hat sie sich bei einem spontanen Sprung vom Dach bei ihrem letzten Treffen zugezogen. Ein Akt des Leichtsinns und der Verwegenheit, an dem der Alkohol nicht unschuldig war, die Anwesenheit der anderen, die sich so bereitwillig in Abenteuer stürzt aber noch weniger. Dort liegt auch Marie-Louises Uroma, die nur noch schläft, und kurz vor dem Sterben ist. Angesichts dieser Endlichkeit des Lebens entsteht die Idee einer Liste, mit all den Dingen, die die beiden jungen Frauen schon immer tun wollten. Oder einmal wieder tun wollen. Wie tanzen. Oder mit geschlossenen Augen küssen. Die Liste soll in den folgenden Tagen abgearbeitet werden.

Schafft es eine Liste, dass man die wichtigen Dinge im Leben verfolgt? Wer fürchtet, dass Pfisters Geschichte mit diesem kleinen Kunstgriff, der relativ abgedroschen und banal wirkt, ins Kitschige abdriftet, täuscht sich. Wir sind knapp in der Mitte der Geschichte angekommen und Marie-Louise faltet aus einem Totenbild, das in einem Gesangbuch steckt, einen ersten Origami-Dinosaurier. Und gleich einen zweiten. Einen weiteren wird Annika am Ende der Geschichte finden. Am Ende einer Geschichte, in der so viel oder wenig passiert, wie im wahren Leben auch. Die mit kleinen Versatzstücken spielt, sie aneinanderreiht, wieder auseinandernimmt. Die Zeit vergeht und scheint gleichzeitig stillzustehen. Die Liste bringt zwar Bewegung in das Leben der beiden Mitzwanzigerinnen – sie fahren mit dem Auto, dem Zug, sind zu Fuß unterwegs – aber der Eindruck der Sinnlosigkeit und Banalität der Dinge bleibt. Was sich verändert sind winzige Dinge, von denen wir nicht wissen, ob sie zu anderen, größeren Veränderungen führen können oder werden. Es wäre ein Leichtes gewesen, mehr Action in die Geschichte zu bringen, eine Entwicklung der beiden Figuren zu behaupten, die die Erwartungen der Leserinnen erfüllt hätte. Kristina Pfister, Jahrgang 1987, ist in keine der Fallen getappt, biedert sich nicht an, behält den leisen Ton bei.

Wer bin ich und wer möchte ich sein? Wie soll mein weiterer Weg aussehen? Wie schwer die Antworten auf diese Fragen zu finden sind, beschreibt Pfister subtil – und ohne sie zu beantworten. Und eine Anleitung wie zum Falten eines Dinosauriers gibt es für das Leben leider nicht.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten
Stuttgart: Tropen 2017
253 Seiten. 20 Euro
Jugendbuch ab 16 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Who you’re gonna be, Archie?

Nächster Artikel

Warum nicht mal Wunder

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Film statt Leben

Jugendbuch | Jenn Bennett: Annähernd Alex »Wenn das passiert, von dem ich glaube, dass es passiert, hoffe ich, dass es nicht passiert!« (Meryl Streep: Der fantastische Mr Fox (2009)). Das Treffen in Online-Foren ist eine Sache, das wahre Leben eine ganz andere. Wenn man beginnt, das eine mit dem anderen zu vergleichen, wird es kompliziert. Von ANDREA WANNER

Das Ende der Gehorsamkeit

Jugendbuch | Stefanie Höfler: Bis der Regen Feuer fängt

Kann man in einem totalitären Staat glücklich sein, solange es einem an nichts fehlt? Für Tonia lautet die Antwort lange Zeit: Ja! Sie ist eine, die sich an die Regeln hält und das grelle Licht der totalen Überwachung nicht scheut. In Höflers Welt trägt jede und jeder einen Sensor am Arm; jeder Herzschlag wird registriert, jede Bewegung ist gläsern. Es herrscht totale Kontrolle über Menschen, die gelernt haben, diese Unfreiheit als Normalität zu begreifen. Doch was passiert, wenn die Ordnung Risse bekommt? Von ANDREA WANNER

Freundschaft, Freundschaft, über alles?

Jugendbuch | Martin Gülich: Ich bin hier nur der Kumpel Befreundet sein ist schön. Allerdings sollte Freundschaft ehrlich sein. Hintergedanken sollte es nicht geben, jedoch gewisse Grenzen dafür, wie weit man im Namen der Freundschaft geht. Wenn es Hintergedanken gibt und Grenzen fehlen, kann das Ganze für Publikum bedenklich werden. Wie Martin Gülichs neuer Jugendroman über Finn und die geheimnisvolle Carla. Von MAGALI HEISSLER

Fragen und Orientierung

Jugendbuch | Lina Mallon: 30 Women

Lina Mallon, erfolgreiche Bloggerin, Autorin, Kolumnistin und Fotografin, die aus Hamburg stammt und zwischenzeitlich vor allem in Kapstadt lebt, hat Tipps für junge Mädchen, wie sie zu sich selbst finden können. ANDREA WANNER war neugierig.

Zuviel Familie

Jugendbuch | Michaela Beck: Ich, meine fürchterlich nette Familie und andere Katastrophen

Angesichts der ausufernden Verwandtschaft droht die 14jährige Martha en Überblick zu verlieren: drei Stiefväter, zwei Halbbrüder, jede Menge Großeltern und sonstige wohlmeinende Angehörige dominieren das Leben des Teenagers in Berlin. Schlimmer geht es nicht mehr. Oder doch? ANDREA WANNER staunt über die Patchworkfamilie.