Wenn der Sprachlehrer zur Spitzhacke greift

in Kurzprosa

Kurzprosa | Javier Marias: Keine Liebe mehr

»Je älter ich werde, desto weniger Gewissheiten habe ich«, erklärte der spanische Schriftsteller Javier Marías kürzlich in einem Interview. Vor ziemlich genau zwanzig Jahren war er nach Erscheinen der Übersetzung seines Romans ›Mein Herz so weiß‹ von Marcel Reich-Ranicki im »Literarischen Quartett« des ZDF für den deutschen Sprachraum entdeckt worden. Von PETER MOHR

Javier Marias - Keine Liebe mehrÜber sechs Millionen Exemplare seiner in 34 Sprachen übersetzten Romane, Erzählungen und Essays sind weltweit über die Ladentische gegangen. Dabei ist Javier Marías, der am 20. September seinen 65. Geburtstag gefeiert hat, alles andere als ein leicht konsumierbarer Mainstreamautor. Seine oftmals verschachtelten und mit Querverweisen auf die Weltliteratur gespickten Romane werden in Spanien dem Pensamiento literario (dt. literarisches Nachdenken) zugerechnet – eine Art philosophisches Erzählen.

Nun liegt erstmals eine repräsenta­tive Auswahl von 30 Erzählungen aus fast 50 Jahren in einem großen Sammel­band vor. Die früheste Er­zählung („Le­ben und Tod des Mar­celino Iturriaga“) stammt aus dem Jahr 1968 und ist (trotz der Jugend des Autors) sehr an­spruchsvoll konzipiert. Der Protagonist Marceli­no Iturriaga berichtet darin bei­nahe emotionslos über seinen eige­nen Tod und sein wenig aufregen­des, nur 35 Jahre währendes Le­ben. Liebe, Lei­denschaft, Enttäu­schungen, Verrat und Tod (oft auch gewaltsam) sind die fundamenta­len Bausteine in den vorliegenden Texten.

Iturriaga‹) stammt aus dem Jahr 1968 und ist (trotz der Jugend des Autors) sehr anspruchsvoll konzipiert. Der Protagonist Marcelino Iturriaga berichtet darin beinahe emotionslos über seinen eigenen Tod und sein wenig aufregendes, nur 35 Jahre währendes Leben. Liebe, Leidenschaft, Enttäuschungen, Verrat und Tod (oft auch gewaltsam) sind die fundamentalen Bausteine in den vorliegenden Texten.

Das Fantastische, das Surreale und die künstlerischen Grenzüberschreitungen pflegt Marías in seinen Geschichten. Banale Alltagsbegebenheiten werden mit fantastischen Einschüben vermischt. Da schimmert bisweilen ein wenig Edgar Allan Poe durch die Zeilen. Gleich drei schaurige Gespenstergeschichten enthält der Band, so auch die Titel-Erzählung ›Keine Liebe mehr‹, in der eine junge Frau als Vorleserin auftritt. Beim Vorlesen begegnet ihr plötzlich ein Gespenst in Gestalt eines Bauernjungen: »Der junge Mann hob sogleich den Zeigefinger an die Lippen und gab ihr durch beschwichtigende Handbewegungen zu verstehen, sie solle fortfahren und seine Anwesenheit nicht verraten.«

Nicht weniger schaurig geht es in einigen Erzählungen zu, in denen Marías mit Anleihen aus der Welt des Krimis spielt. Oft schickt er seine Figuren auf bizarre Weise ins Jenseits – so in ›Lanzenblut‹, einem der umfangreichsten Texte des Bandes. Gleich zu Beginn treffen wir auf zwei Leichen, die auf bestialische Weise von Lanzen durchbohrt wurden. Javier Marías‘ Fantasie kennt keine Grenzen. Der Autor begibt sich auch in seelische Untiefen seiner Figuren. Daraus entstehen Situationen, die gleichermaßen skurril wie beklemmend wirken – etwa als Elvis Presleys Spanischlehrer in Notwehr zu einer Spitzhacke greift oder ein psychopathischer Mann permanent seine junge und höchst attraktive Frau filmt, weil er partout ihren letzten Lebenstag dokumentieren will.

»In einem meiner Romane habe ich geschrieben: Es kommt der Moment, in dem es schwierig ist, das, was man gelesen hat, zu trennen von dem, was man erlebt hat. Beides sind Erfahrungen«, so Marías‘ künstlerisches Credo.

Und die Leser sind nun um die wichtige Erfahrung reicher, dass der bedeutende, oftmals sehr ausschweifende und langatmige Romancier Javier Marías auch die temporeichere literarische Kurzstrecke meisterlich beherrscht und weiß, was es heißt, spannend zu erzählen.

| PETER MOHR

Titelangaben
Javier Marías: Keine Liebe mehr
Aus dem Spanischen von Susanne Lange, Elke Wehr und Renata Zuniga
Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2016
509 Seiten. 25 Euro
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