Die elektronische Stadt

in Platte

Musik | ›ELECTRI_CITY D-Dorf‹ – Der Auftakt: ›Autobahn‹ von Kraftwerk…

Wir waren verdammt nah bei Michael Rother angelangt. Wir hätten bloß eine Rothercassette in den Autocassettenrekorder stecken müssen. Nehmen wir ›Flammende Herzen‹. Einfach fahren! Das Gefühl, unterwegs zu sein, genügte. Von TINA KAROLINA STAUNER

eletri_city-elektronische-musik-aus-duesseldorfHeute passen wir auf, dass alles nicht so einfach ist: Wir haben ganz bestimmte Dinge vor, tun ganz bestimmte Dinge, suchen ganz bestimmte Dinge, finden ganz bestimmte Dinge.

Deshalb sind wir dann noch vor den 70-ern abgezweigt und auch aus dem Jahr 2000 herausgekommen. Doch zu nah an den 70-ern. Aber für uns gäbe es natürlich selbst hier einen Ausweg: Roedelius, Cluster, Brian Eno… Und auch die CD ›Projektor‹ von Sensorama führt weiter: beginnt mit ›digital rheinfahrt‹ und wir geraten durch einen Text von Robert Forster sogar in ›it’s the thing‹…

Elektronische Musik, Weltmetropolo des Modernismus und Dorf

Es existieren wie als Flashback die ›ELECTRI_CITY‹-Sampler – Elektronische Musik aus Düsseldorf‹: Ein Spaziergang durch Altbekanntes für Leute, die damals dabei waren, als es auch das legendäre Kling-Klang-Studio gab. Oder Neuland, wenn man die Musiker und Bands dieser Szene noch nicht kennt.

60-er,70-er, 80-er Jahre in D-dorf

»Ende der 60-er Jahre war die Altstadt in Düsseldorf etwas ganz Besonderes, ein bisschen wie Saint Germain, Paris: Studentisch, bohemisch, künstlerisch. Es ging um Modernismus, Jazz und Literatur. Es war das Übergangsstadium von Existenzialismus und Beatnikeinflüssen zu Pop und früher Psychedelik…«, erzählte Bernd Cailloux. In den 70-er und 80-er Jahren formierte sich die Elektronik-Szene und aus ihr entstanden Industrial, Synthipop, EDM, Techno, House, Ambient, Jungle, Dubstep etc.

Von den elextronic Classics des ›ELECTRI_CITY‹-Sampler feature ich:
Brian Eno / Harmonia – Lüneburg Heath / Wolfgang Flur – I Was A Robot / Rheingold – Dreiklangsdimensionen / Wolfgang Riechmann – Wunderbar / Die Krupps – Zwei Herzen, ein Rhythmus / Der Plan – Gummitwist / Michael Rother – Karussell

1974 hatte alles mit ›Autobahn‹ von Kraftwerk begonnen. Weiter geht es demnächst mit einer Werkschau Deutsch Amerikanische Freundschaft: DAF, also Robert Görl und Gabi Delgado mit Produzenten Giorgio Moroder und Denis Naidanow, die die DAF-Box rausbringen mit 4 Releases der Jahre 1980 bis 1982 plus Remixes.

 

›ELECTRI_CITY‹ und Musikszene parallel zur Kunstszene

Elektronische Musik entwickelte sich neben der Kunstszene: Pop Art, Op-Art, Concept Art, Performence Art, Aktion, Agitation, Agit-Pop, Décollage, Happening, Anti-Art, Fluxus war angesagt. Und es gab eine namhafte Künstlerschaft. Roedelius sagte: »In Düsseldorf gab es die vielen Bierquellen der Altstadt. die Designerszene, eine Szene um die Kraftwerker und Neu! und wie sie davor alle hießen. Aber wir hatten gar nicht so viel mit denen zu tun, wir lebten und handelten ja aus einem ganz anderen Kontext heraus: Unser Bezug war Beuys.«

Mehr über Roedelius‘ Musikprojekte lesen Sie hier.

Synthetische Klangerzeugungsmöglichkeiten verschafften sich in den 80-er Jahren verstärkt Raum. Zunehmend wurde nicht akustisch, sondern synthetisch produziert. Elektronische Tanzmusik setze sich durch – mit Tanzstilen wie Synthpop, Euro Disco, House, Techno. Auch Musique concrète, Computermusic, Tape Music gehören zur elektronischen Musik. Und Krautrock, Fusion, New Age, Electro, Tribal. Es lassen sich noch über 20 weitere differenzierende Begriffe hinzufügen. Eigentlich jedes Genre lässt sich elektronifizieren. In genanntem Elektronik-Kontext sind die unverkennbaren Düsseldorfer Bands der 70er und 80er-Jahre etwas Spezielles und Besonderes.

Die ›ELECTRI_CITY‹-Sampler wurden auf Herbert Grönemeyers Label Grönland veröffentlicht (2014/2016). Das Buch ›ELECTRI_CITY‹ – Elektronische Musik aus Düsseldorf von Rüdiger Esch gibt es bei Suhrkamp (2014).

| TINA KAROLINA STAUNER

Titelangaben
ELECTRI_CITY Sampler (2014/2016)
(Grönland)

ELECTRI_CITY
Elektronische Musik aus Düsseldorf. Mit einem Vorwort von Wolfgang Flür
Suhrkamp 2014
459 Seiten, 14,99
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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