Ein Kimono ist auch bloß ein Dirndl

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Kulturbuch | Matthias Politycki: Schrecklich schön und weit und wild

Verreisen ist zu einem Volkssport geworden. Sobald man aus der Haustür tritt, sieht man Menschen, die zumindest einen Rollkoffer hinter sich herziehen. Auch Matthias Politycki ist viel herumgekommen und fand es ›Schrecklich schön und weit und wild‹. Seine Kulturgeschichte des modernen Reisens beschäftigt sich mit der Frage: Was treibt uns eigentlich in die Ferne? INGEBORG JAISER folgt ihm gemütlich vom heimischen Sofa aus.

Schrecklich schön und weit und wild Im Jahre 2006 ist ein europäischer Reisender mit zwei Freunden im kubanischen Oriente unterwegs und macht sich dabei Notizen. In den Bergen der Sierra Maestra wird die kleine Gruppe von einem Polizisten in Zivil verfolgt, schließlich aufgegriffen und verhört. Später kommt noch der Polizeichef dazu. Tags darauf erfolgt ein hochnotpeinliches Kreuzverhör der Geheimpolizei. Was man dem Reisenden vorwarf? Keinen Gesetzesübertritt, keine unerlaubten Fotoaufnahmen – nein, er war verdächtig geworden, weil er sich als Schriftsteller laufend Notizen gemacht hatte.

Hinaus in die Ferne

Der auffällig gewordene Ausländer heißt Matthias Politycki und schildert diese Anekdote – als eine von Dutzenden – in seinem neuesten Buch Schrecklich schön und weit und wild.Weshalb reisen wir eigentlich? Was treibt uns hinaus in die Welt? Was zieht uns zu anderen Kulturen? Welche Erfahrungen machen wir dabei, welche Fehler und Fertigkeiten, Einsichten und Eingeständnisse resultieren daraus? Hier erforscht Politycki sein ureigenstes Thema. Seit 40 Jahren ist der schreibende Reisende unterwegs; 97 Länder hat er bereits besucht. Er schrieb auf Einladung der Hapag-Lloydals Writer-in-Nonresidence auf einem Kreuzfahrtschiff (In 180 Tagen um die Welt, 2008) und lebte ein ganzes Jahr lang auf Kuba. Dort verarbeitete er seine Eindrücke zu einem Roman (Herr der Hörner, 2005).

Was wir dabei denken

Trotzdem sieht er sich nicht als »Länder-Abhaker« oder Rekordjäger. Seine Phänomenologie des Reisens zeigt sich erstaunlich aufgeschlossen und tolerant gegenüber jeglichen Beweggründen, unterwegs zu sein. Sei es als Backpacker, Pauschaltourist oder berufsmäßiger Globetrotter. Zum eigenen – niemals abschätzig wertenden, aber oftmals ironischen Standpunkt – gesellen sich die Aussagen durch Reisegefährten oder Freunde namens Konsul Walder, Dschisaiki oder Dr. Black. Möglicherweise sind es allesamt Fantasiegestalten? Egal, mit diesem geschickten Kunstgriff werden wir mit der gesamten, subjektiven Bandbreite aller möglichen Einstellungen konfrontiert, mögen sie auf den ersten Blick noch so skurril oder abwegig erscheinen.

Abschied vom Reisen

›Schrecklich schön und weit und wild‹ widmet sich als moderne Kulturgeschichte des Reisens allen erdenklichen Aspekten des Themas: Fortbewegungsmittel und Routenplanung, Reisegepäck und Weggefährten, Sprachbarrieren und Souvenirs, Unterkünfte und Überraschungen kulinarischer Natur. Politycki demontiert die Mär vom leichten Gepäck. Er lobt Landkartenlust und Stadtplanstudium, sinniert über philosophische Erkenntnisse und »das kleine Zen« des Reisens. Auch räsoniert er über Authentizität als Kitsch (»Der Kimono ist auch bloß ein Dirndl«) und die Illusion von der Erleuchtung in der Ferne (»Ein anderer werden«). Das alles präsentiert er mit leicht abgeklärter Distanz und amüsantem Charme, nicht ohne die Zeichen der Zeit glasklar zu erkennen und benennen.

Nicht umsonst stellt Politycki seinem umfangreichen Buch das Kapitel »Mein Abschied vom Reisen« voran. Während früher Unterwegssein noch als Synonym für Freiheit schlechthin gelten konnte, musste man spätestens im Sommer 2015 angesichts der Flüchtlingsströme seine Meinung gehörig revidieren. »Was ließ uns beharrlich neue Reisen planen«, fragt sich der Autor, »auf dass jedes Lebensjahr Sinn und Form bekam, und ließ uns vielleicht jetzt erst los, da die Faszination des Reisens durch die Schrecken und Fährnisse eines ganz anderen Reisens so überdeutlich in Frage gestellt wurde?«

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Matthias Politycki: Schrecklich schön und weit und wild
Warum wir reisen und was wir dabei denken
Hamburg: Hoffmann und Campe 2017
347 Seiten. 22,00 Euro
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