Gefangene des geschriebenen Worts

in Jugendbuch

Jugendbuch | Kathrin Lange: Die Fabelmacht-Chroniken

Geschichten schreiben – eine wunderbare Beschäftigung. Was aber, wenn die Geschichten wahr werden? Was, wenn die Figuren plötzlich lebendig sind und durchleben, was man geschrieben hat? Was, vor allem, wenn andere über eine selbst schreiben? Von MAGALI HEIẞLER

K Lange - Fabelmacht Chroniken - 978-3-401-60339-1Mila ist abgehauen, nach Paris. Der erneute Zoff mit ihrer Mutter war einfach zuviel. Freundin Isabelle wird sie schon trösten. Was Mila nicht brauchen kann, sind ein geschwätziger alter Mann, eine unheimliche Obdachlose, einen hübschen Jungen, der sich als Taschendieb entpuppt, und Nicholas. Vor allem Nicholas nicht. Diesen jungen Mann gibt es nämlich gar nicht, er ist nur eine Figur in Geschichten, die Mila schreibt, seit sie schreiben kann. Trotzdem steht er da, als sie in Paris ankommt.

Nicholas ist gleichermaßen entsetzt wie verängstigt. Er hat so gehofft, dass nie geschehen würde, was er geschrieben hat. Dass Mila nicht in Paris auftaucht. Er hätte es besser wissen müssen, schließlich kennt er die Fähigkeit, die er geerbt hat und die ihn zum Schreiben zwingt.

Was aufgeschrieben wurde, geschieht unausweichlich. Jedenfalls war das bislang so. Seit Mila in Paris ist, scheint sich jedoch etwas geändert zu haben. Kann die schreckliche Geschichte, die auf sie beide wartet, etwa umgeschrieben werden?

Spannende Fragen, platte Antwort

Die Vorstellung einer magischen Kraft, deren Kern das Geschichtenerzählen ist, ist unwiderstehlich und immer wieder faszinierend. Schließlich geht es um nichts weniger, als die Frage, ob es eine schicksalhafte Vorbestimmung des Lebens eines Menschen gibt und ob man sie beeinflussen kann. Dazu kommt die wichtige Frage nach der Verantwortung derer, die beeinflussen. Diesen Kernfragen, das muss man gleich sagen, weicht Lange aus.
Stattdessen setzt sie auf verwaschen Magisches, Liebesleid-Kitsch und »Paris«, das so lebensecht ist wie die Palmen und Kamele auf den bunten Drucken, die einst biedermeierliche Wohnstuben schmückten. Zum Aufhübschen vergreift sich die Autorin dann noch an Charles Baudelaire.

Die Farben sind grell und unecht, auch die erzählerische Verwirrung ist bald groß. Rätsel wird auf Rätsel gehäuft, Andeutung folgt Andeutung. Wenn gar nichts mehr geht, gibt es eine Szene wildester Action. Das ist nichts Neues auf dem weiten Felde des mittelmäßigen Lesefutters.

Bei diesem Roman liegt es möglicherweise weniger daran, dass er unter Zeitdruck entstand oder lieblos zusammengeschludert wurde. Im Gegenteil spürt man, dass und wie sehr die Autorin an ihrem Einfall samt den Figuren hängt. Sie hat aber eben nicht genügend darüber nachgedacht, was vorliegt, ist einfach noch nicht reif.

Daher gibt es nur platte Antworten auf die sich bald nur wiederholende Frage »warum passiert, was passiert?« Es gibt Wesen-Menschen? – die Geschichten schreiben – müssen? Und was sie aufschreiben, wird Wirklichkeit. Oder ist schon geschehen? Oder wird irgendwann geschehen? Die Leserin bleibt ahnungslos. Die Wirkungsweise der Erzähl-Magie ist nicht durchdacht. Zum einen ist ihre Fähigkeit auf Paris begrenzt. Auf welchen Teil welchen ‚Paris‘? Dieses Disneylands, das die Autorin vorführt, das nur aus einer Handvoll von Versatzstücken aus Werbebroschüren der Tourismusindustrie besteht? Zum anderen muss Lange zu dem Trick greifen, einflussreichere und weniger einflussreiche Erzählende herbeizufabulieren. Eine neue Generation, man wagt kaum es wiederzugeben, so abgedroschen ist das.

Keine Fantasy

Die magische Geschichte leidet nicht allein unter mangelndem Nachdenken und daran, dass hier die echte Herausforderung nicht angenommen wurde, sondern auch an der sprachlichen Umsetzung. Oberflächlichkeit regiert und Schlamperei. Vieles ist nicht einmal reif für einfache Schulaufsätze. Auf einer Ablage stehen »unleserliche Schachteln«, Blätter »rotteten vor sich hin«, das Herz »vergisst zu schlagen«. Bei Prügeleien werden Gegner »mit einem Tritt ins Land der Träume geschickt« oder »an der Wand festgenagelt«. In einem wahrhaft erhebenden Moment über den Dächern von Paris sagt die Heldin nur ein Wort. »Wow«.
Es ist einfach nur ulkig. Und zugleich schändlich, wenn man die Absicht anerkennt, nämlich dass hier Fantasy erzählt werden soll.

Ganz klar ist der Grund für die umfassende Schludrigkeit darin zu suchen, dass offenbar die Vorstellung davon, was das Phantastische ist, was es ausmacht, weitgehend verloren gegangen ist. Dass es um etwas geht, das Menschen im Innersten berührt, ihr Staunen, das Ergriffensein, ihren Sinn für das Wunderbare – und zwar zu dem einzigen Zweck, ihnen die reale Welt begreiflich zu machen, wird übergangen. Denn das wäre wirklich schwer zu denken, zu formulieren, zu präsentieren. Das ist die Herausforderung. Wer sie nicht annimmt, schreibt keine Fantasy, kreiert nichts Phantastisches.

Typischerweise wird auch Nicholas, dem leidenden Helden, angedichtet, dass es ihm immer leicht fiel, sich Menschen und Situationen auszudenken. Deswegen haut er auch aufs Papier, was ihm auf die Schnelle einfällt. Kein Wunder, dass es so oft schiefgeht mit der Fabelmacht. Erzählen ist nicht leicht, nie und Phantastisches erzählen gehört zum Schwierigsten.

Hier kommt am Ende eine künstlich verwickelte Geschichte heraus, die nichts Neues enthält, kaum durchdacht und erschreckend schlampig formuliert. Ein Stück Unterhaltung, wie es tausendfach schon vorhanden ist und das bis jetzt schon niemand brauchte. Da es keine Magie gibt, um uns von dem Elend zu erlösen, müssen wir das schon selber tun. Stellt Ansprüche! Lasst euch nicht abspeisen. Fantasy, Märchen, Phantastisches, Menschen brauchen es. Es ist schön. Her damit. Aber bitte nur noch echte Ware.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Kathrin Lange: Die Fabelmacht-Chroniken
409 S. 18,00 Euro
2017: Arena Würzburg
Jugendbuch ab 15 Jahren
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