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Kinderbuch | Nikola Huppertz: Als wir einmal Waisenkinder waren

Pippi Langstrumpf, Oliver Twist, Harry Potter, Momo oder Heidi haben eines gemeinsam: Sie sind ohne Eltern auf sich alleine gestellt. Ein Leben ohne elterlichen Schutz kann in Büchern ein großes Abenteuer sein, aber wenn man eigentlich mit seinen Eltern ganz gut klarkommt, will man ungern auf sie verzichten. Von ANDREA WANNER

Huppertz - WaisenkinderLiv, die jüngste von drei Schwestern, erzählt vom letzten Sommer, eine Geschichte zwischen Abenteuer und Alptraum: der Tag, an dem die drei Mädchen Waisen waren.

Waise ist man nun mal nicht für einen Tag und so nimmt der erste Satz dem Rückblick etwas von seiner – für ganz junge Leserinnen und Leser unerträglichen – Spannung und macht neugierig. Was ist passiert?

Interessenkonflikte

Die Familie verbringt wie jedes Jahr die Ferien in Minte, einem ländlichen Idyll, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Astrid Lindgrens Schilderungen von Ferienglück in und mit der Natur lassen grüßen und so locken auch in Minte die dunklen, süßen Kirschen auf dem Baum, das Cornetto aus der Eistruhe zum Nachtisch in der Gastwirtschaft nebenan, wo es das Mittagessen gibt, Gartenschlauchwasserschlachten, eine Laube mit einem Kicker drin.

Das Ankommen in der Gästewohnung ist Jahr für Jahr der Anfang einer herrlichen Zeit, auf die sich alle freuen. Oder freuten. Denn Stine, die Älteste, ist jetzt in einem Altern, in dem WLAN (das es nicht gibt), Nagellack und Zeitschriften wichtig werden und das, was die Kindertage glücklich machte, nicht mehr richtig zieht. Eine gewisse Lustlosigkeit prägt Stines Haltung, die sie auch zum Ausdruck bringt, als die Eltern mit allen eine Wanderung durch das Teufelsmoor machen wollen.

Carlotta, die Mittlere, dagegen hat Angst. »Teufelsmoor« klingt gruselig und gefährlich, ein falscher Schritt kann den sicheren Tod bedeuten. Die Angst, die sie selber hat, unterstellt sie aber Liv, der Kleinen. Klar, die Jüngste traut sich nicht.

Die Eltern machen das einzig Richtige: Sie ziehen alleine los. Der nervige Streit, wer warum nicht mitwill, soll keinem den Urlaub verderben. Die Rucksäcke sind gepackt, die Mädchen dürfen alleine im Gasthaus essen und Stine soll dafür sorgen, dass keinen Quatsch macht. Kein Problem. Zumindest zunächst nicht.

 

Freiheit

Alles ist zunächst wunderbar. Die drei Mädchen genießen ihre Freiheit ohne Eltern. Bis Carlotta anfängt, sich die Gefahren im Teufelsmoor in allen Farben auszumalen. Sie hat es geschafft, sich nicht auf den riskanten Weg zu machen, aber was ist mit den Eltern? Ihre lebhafte Fantasie entwirft Schreckensszenarien und Liv lässt sich anstecken. Sie hätten die Eltern nie losziehen lassen dürfen. Jetzt ist es zu spät. Als Waisenkinder wird sich ihr Leben von Grund auf verändern. Nichts wird mehr so sein, wie es war. Am besten, sie gewöhnen sich alle drei schon mal an ihre neue Rolle. Und dazu gehört, wenn sie nicht ins Waisenhaus sollen (und dass das ganz schrecklich ist, wissen sie), dass sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Also suchen und finden sie Arbeit.

Nikola Huppertz spielt in ihrer Geschichte virtuos mit Realität und Fantasie und lässt ihre jungen Leserinnen die aufkommenden Ängste und die daraus resultierende Verzweiflung nachempfinden – und schiebt immer wieder kleine Momente der Heiterkeit ein. Dabei ist der Blick von Liv ebenso altersgemäß naiv wie genau; beobachtend schildert den unterschiedlichen Umgang mit der Krise. Rettungsversuche gehen gründlich schief, die Lage scheint immer verzweifelter – und die drei Mädchen rücken enger zusammen. Aus der ausgedachten Katastrophe scheint Realität geworden zu sein – und dann sind die Eltern plötzlich wieder da. Und obwohl das ja von Anfang an angekündigt war, ist es eine wundervoll erleichternde Situation, die als herzergreifendes Wiedersehen geschildert wird, atemlos und überwältigt von Liv erzählt.

Und als ob das noch nicht ausreichen würde für ein ganz besonderes Kinderbuch, hat Maja Bohn in ihren Illustrationen von den nervigen Mücken über Marlies und Henner, die beiden Wirtsleute, bis zu den drei Mädels und ihren Eltern alle Figuren zum Leben erweckt. Hinreißende Zeichnungen, in denen das leuchtende Rot des Vorsatzpapiers besondere Akzente setzt. Einfach wunderschön und genau so, wie man sich gute Kinderliteratur wünscht.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Nikola Huppertz: Als wir einmal Waisenkinder waren
Mit Illustrationen von Maja Bohn
München: Tulipan Verlag 2018
60 Seiten. 10 Euro
Kinderbuch ab 7 Jahren
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