Der Monat in Spielkritik: September 2011

Digitales | Digitaler Rückblick: Der Zustand der Game-Kritik

Jeden ersten Dienstag im Monat blickt das Ressort Digitale Spiele zurück auf lesenswerte und wichtige Texte zum Thema Spielekultur. Wir versuchen, einen Überblick zu schaffen und Aufmerksamkeit auf deutsche Texte zu lenken, wollen aber auch den englischsprachigen Raum, der zurzeit synonym mit informierter Spielekritik ist, nicht aus den Augen lassen. Von DENNIS KOGEL und CHRISTOF ZURSCHMITTEN.

99Leben: Voller Moral, ohne zu Moralisieren
Bei ›99Leben‹ geht es diesmal um moralische Entscheidungen in Spielen: »Will man in Spielen von moralischen Entscheidungen sprechen, muss man eigentlich noch einen Schritt weitergehen. Man muss Fragen aufwerfen, auf die es keine normativ richtige Antwort gibt.« Passend dazu auch: Dennis Kogel über schwierige Entscheidungen in Spielen.

heise.de: Geschichte(n) und Debatte(n) von Medium und Zensur, Teil 1
Stefan Höltgen beginnt eine ausführliche, fundierte Artikelreihe über Zensur und Videospiele: »Im historischen Vergleich drückt sich aber auch aus, dass auch der Zeitgeist nicht stehen geblieben ist und damit die Kriterien, was als »schwer jugendgefährdend« gilt, heute andere sind als damals. Diese Verschiebung ist neben dem technischen Fortschritt zu einem wesentlichen Teil der Gewöhnung an das Medium Computerspiel geschuldet, das inzwischen ebenfalls 20 Jahre Zeit hatte, in die Gesellschaft hineinzuwachsen.«

Krawall: Ist Sex nur eine Belohnung?
In einem ›Mass Effect‹ Special spricht Andre Peschke mit Biowares Michael Gamble über Sex im digitalen Spiel.

NewGamePlus: Von Schwangeren und Schweinen
Skurril: die Geschichte und Etymologie des Konsolen-Fanboytums in Japan: »Nicht nur, dass sich die Xbox360 einfach nicht über die Verkaufszahlen der PS2 hinwegsetzen kann. Ihren Nutzern unterstellt man zudem noch merkwürdige sexuelle Vorlieben: »Chikan«, also »Triebtäter«, werden diese liebevoll im Fachjargon bezeichnet.«

Zeit: Games, die ein Leben veränderten
Patrick Beuth schreibt über Morgan McCormick, eine Frau, denen Spiele geholfen haben, über ihre Gender-Identität zu verstehen: »Games waren der einzige Weg für mich, eine Frau zu sein, jedenfalls außerhalb meiner Fantasie«, sagt die heute 24-Jährige«

FM4: Zur Lage der Spiele
Robert Glashüttner ist es leid die ewig gleiche Diskussion über den Wert von Digitalen Spielen zu führen, interessantere Debatten müssen her: »Es ist nur noch langweilig und uninteressant, ein ganzes Medium und eine ausgereifte Kulturtechnik als Gesamtpaket verteidigen zu müssen.«

 Und auf Englisch?

Rockpapershotgun: Fantasy And Reality: Can Gamers Tell?
Eine Studie der Nottingham Trent University, die wie geschaffen scheint für populistischen Missbrauch, behauptet irgendwie, irgendwo, dass Gamer Realität und Virtualität nicht unterscheiden können. (Auch hierzulande wurden die entsprechenden aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeilen schon produziert.) John Walker macht sich allerdings die Mühe, die Studie auch zu lesen, und stellt fest, dass die Ergebnisse alles andere als repräsentativ oder eindeutig sind. (Interessant übrigens: In einem epischen Schnitzer scheinen eher Nicht-Gamer diese Differenz nicht immer machen zu können.)

Eurogamer: The Bug and The Windscreen
Was für Hunter S. Thompson das ›Mint 400‹, war für Simon Parkin das ›Call of Duty XP‹ Event. Ein bizarres Aufeinandertreffen von Militär-Machismo, Starkult, Kanye West, Gaming und einem gesichtslosen Konzern, der versucht Persönlichkeit zu zeigen.

Grantland: Tom Bissell: The Art and Design of Gears of War [excerpt]
Ebenfalls fortgesetzt wurde diesen Monat mit ›Gears of War 3‹ eine der wichtigsten Konsolen-Shooter-Serien dieser Generation. Nur für Besitzer der »Epic Edition« des Spiels gibt es ein Buch Tom Bissells, dass der Ästhetik und dem Design des Spiels auf gewohnt unterhaltsame und erhellende Weise nachgeht. Hier gibt es immerhin einen Auszug daraus.

Rockpapershotgun: PC Gamers Save The World, A Bit
Als Jane McGonnical vermutete, http://realityisbroken.org/ dass die Energie, die in Computerspiele fließt, positiv genutzt werden könnte, hatte sie wohl etwas wie dies im Sinn: Gamer haben geholfen, die molekulare Struktur eines Protein spaltenden Enzyms eines AIDS-ähnlichen Virus aufzuschlüsseln.

Guardian: Art and Games
Der Guardian befasst sich auf produktive Weise mit den in Hassliebe verbundenen Paar Computerspiele und Kunst: Keith Stuart interviewt den Maler John Clarck, der den Weg in die Spieleentwicklung gefunden hat, und befragt ihn unter anderem zu den Gemeinsamkeiten von ›Killzone‹ und ›Vermeer‹. In einem zweiten Gespräch sinniert der digitale Poet und Künstler Jason Nelson über sein eigenes Werk und das Konzept »art game«.

Rockpapershotgun: Deus Ex: Human Revolution Is About DRM
Kieron Gillen tritt aus den Schatten, um eine eigenwillige Interpretation des Cyberpunk-Spionage-Thrillers ›Deux Ex: Human Revolution‹ zu geben, der erfolgreich die schwierige Nachfolge eines der wichtigsten PC-Spiele überhaupt antritt: Laut Gillen geht es im Spiel letztlich um – Kopierschutz.

Wired: The Quest for the Golden Nintendo Game
Chris Kohler verschafft uns einen Einblick in die seltsame Welt der Computerspiel-Sammler – und ihren Heiligen Gral: ein NES-Spiel, das so selten ist, dass es mindestens 5000 Dollar wert ist.
Mit exzellentem Timing hat sich James Rolfe, alias der Angry Videogame Nerd, ebenfalls auf die Suche nach dem güldenen Spiel gemacht.

Kill Screen: Behind These Walls
Michelle Yeoung gibt einen Überblick über die Geschichte einer der berühmtesten und merkwürdigsten Abnormitäten der urbanen Entwicklung im 20. Jahrhundert – Honkongs Kowloon Walled City – und sinniert darüber, wie Videospiel-Entwickler sich die architektonischen Eigenheiten dieses »vertikalen Slums« zu eigen gemacht haben.

Gamers With Jobs: Poké-Drag, Part I
Denis Farr wendet sich zum ersten Mal in seinem Leben einem Pokémon-Spiel zu – und rollenspielt als zusätzliche Herausforderung ›Pokémon: Fire Red‹ als Drag Queen.

powered by hate: Warhammer 40.000: Space Marine: Most Surprisingly Feminist Game of the Year Contender
Powered By Hate findet ausgerechnet hyper-martialischen und machistischen Warhammer-Universum eine der überzeugendsten Frauenfiguren der jüngeren Videospielgeschichte.

Tim Rogers: Jede Menge Zeugs
Die Tausende von letzten Worten seien dem enfant terrible des Game-Journalismus, Tim Rogers, überlassen. Er hat diesen Monat seinem wild mäandernden, Fakt, Fiktion, Analyse, Autobiographie und gespreizte Metaphern mischenden Stil Freilauf gelassen und Texte am Laufmeter produziert:

Für insert credit läutet er die Glocken zum Jüngsten Gericht und fragt sich, wann eigentlich die ausbeuterische Design-Philosophie geboren wurde, die in den heutigen Social Games ihre brutal kalkulierte Speerspitze gefunden hat. Für Kotaku liefert er zehn Vorschläge, wie man bessere Spiele aus diesen Geldgenerierungsmaschinen machen könnte. Ebenfalls für Kotaku beschreibt Rogers, wie Computerspiele unterschwellig jeden Aspekt seines Lebens beeinflussen (oder zumindest die Wahl seines Shampoos, Conditioners und seiner Gitarre).Und auf seiner neu lancierten Hausseite actionbutton.net mixt er die septemberliche Obsession mit Kleidung und Social Games mit erstaunlichem Aspekt: Auch in seiner Besprechung des nicht wirklich sozialen ›The Sims Social‹ geht es um Kleider, und daneben sinniert er über die Jeans, die Suda51 trägt (und was dies mit ›Shadows of The Damned‹ zu tun hat).

| DENNIS KOGEL
| CHRISTOF ZURSCHMITTEN

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