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Die Leipziger Meuten

Gesellschaft | Die Leipziger Meuten – Jugendopposition im Nationalsozialismus (Teil I)

Gertraut Seifert wurde 1922 geboren, ihr Vater arbeitete im Leipziger Süden in der Bundessschule des Arbeiter-Turn- und Sportbundes in der Fichtestraße, wo auch die Familie wohnte. Bis 1933 war sie Mitglied bei den sozialdemokratischen Kinderfreunden. Das folgende Interview wurde im Mai 2011 in Leipzig geführt.

Was passierte nach der »Machtergreifung« in der Bundesschule?
Die wurde gleich geschlossen. Ich war damals elf Jahre und mein Bruder zehn und unser Schlafzimmer ging nach hinten raus. Die Nazis hatten solche Stiefel angehabt und der Hof war mit Steinen gepflastert und das knackte immer so, also das höre ich heute noch, wie die da hinten rumgelaufen sind. Die hatten ein paar Mal Hausdurchsuchungen gemacht. Wir sind dann zu meinen Großeltern, die wohnten in der Hardenbergstraße, das war nicht weit. Da haben wir Kinder dort geschlafen. Mein Großvater hat uns dann in Anger-Crottendorf ein Haus in einer Siedlung gekauft, weil meine Eltern arbeitslos wurden und kein Geld mehr hatten.

Was haben Sie nach dem Ende Ihrer Schulzeit gemacht?
Ich kam auf die Berufsschule im Täubchenweg, am Stefanieplatz. Dort bin ich in die Verkäuferinnen-Klasse gegangen. Da war auch meine Freundin Irmgard Holle, die war die ganzen Schuljahre bei mir.

Wie bekamen Sie Kontakt mit Meuten-Mitgliedern?
Das hat man denen angesehen. Jedenfalls haben wir im Leipziger Osten den Werner Wolf kennengelernt und der hatte uns dann mit nach Lindenau zur Reeperbahn genommen. Das war in der Berufsschulzeit. Im Osten kannte ich auch den Rolf Lippert. Der war hauptsächlich bei der Meute Lille.

Jugendopposition im Nationalsozialismus
Bis an die tausendfünfhundert Mädchen und Jungen waren es, die ab Mitte der 1930er Jahre in Leipzig in Jugendcliquen jenseits der Hitlerjugend zusammenkamen und sich als eine der größten oppositionellen Jugendbewegungen während der NS-Zeit gegen den Nationalsozialismus auflehnten.
Wir geben jeweils sonntags in lockerer Folge Texte aus den Erinnerungen von Beteiligten, Interviews und Auszüge aus Prozeßakten wieder, jeweils entnommen der Dokumentation von Sascha Lange, erschienen 2012 im Passage-Verlag Leipzig. Die Texte gefallen, weil sie bodenständig sind, im lebendigen Alltag verwurzelt, und keine Theoriedebatten führen.

Kein Zweifel, das Thema geht uns alle an, auch wenn sich der heutige Leser an zeitgenössische Besonderheiten wie die Kluft der Meuten wohl erst gewöhnen muß – vor allem aber zeigen uns die Texte das erschütternde Ausmaß politischer Kontrolle und Verfolgung sowie eindrucksvolle, mutige Beispiele der Abgrenzung und des politischen Widerstands gegen die staatlich verordnete Hitlerjugend.

Die Meuten sind auch Gegenstand eines Dramas, das im Schauspiel Leipzig auf den Spielplänen steht.

Waren Sie mit Meuten auf Fahrt?
Also die großen Fahrten haben wir nicht mitgemacht. Das waren etwas Ältere. Wir waren da wahrscheinlich noch etwas Anfänger. Wir waren bloß mit an den Lübschützer Teichen.

Waren da auch Jugendliche von anderen Meuten?
Ja. Also fünfzig Leute sind wir da draußen bestimmt gewesen, Aber verschiedene, z. B. auch aus Markkleeberg. Wir haben dort gezeltet. Manche sind mit Jungs und Mädchen zusamengewesen, aber wir vier Mädchen haben immer ein Zelt für uns gehabt. Der Rolf Lippert von der Lille war auch dort und hat Klampfe gespielt zu Volksliedern und auch das Arbeiterlied »Brüder zur Sonne zur Freiheit«.

Sie waren meist mit Ihrer Freundin zuammen?
Ja, wir sind immer mit den Rädern zusammen nach der Arbeit losgefahren. Sie arbeitete beim Konsum und ich bei der Reinigung Lugner.

Sie sind nach Lindenau rausgefahren und hatten dort Ihre Freizeit verbracht. Und in den Wintermonaten?
Also, wir waren nicht in Kneipen, wir waren in einer Wohnung. Bei dem Herbert Hesse haben wir uns getroffen, so acht bis zehn Leute.

Noch mal zu den Mädchen innerhalb der Meute. Wie viele waren das?
Das war meist so halbe-halbe. Viele Pärchen haben dann auch geheiratet, als sie älter wurden.

Wurden Sie wegen Ihrer Kluft von der Hitlerjugend auf der Straße angepöbelt?
Wir sind erkannt worden. Die haben geahnt, daß wir nicht mit zu ihnen gehören. Die werden uns auch was hinterhergerufen haben, aber wir sind ja mit den Rädern immer schnell vorbei gewesen.

Was haben Sie von den militanten Aktionen der Jungs mitbekommen?
Davon haben wir nichts gewußt. Die Jungs waren eben schon älter und hatten schon mal was gemacht, was wir nicht wußten.

Waren da die Mädchen generell ausgeschlossen?
Nein, das gab es auch welche, die mitgemacht haben. Wie die Liane Noch, die war immer mit den Jungs zusammen.

Verstanden Sie die Meute nur als Freizeitgestaltung oder war es für Sie in gewisser Weise eine politische Einstellung?
Das war schon ein bißchen politisch. Ich hatte immer Angst gehabt, daß mit meinem Vater wieder was ist. Wegen ihm hatten sie ja 1933 die Hausdurchsuchung bei uns gemacht und ihn mitgenommen, aber wieder rausgelassen. Und ich habe nun nachher so was gemacht. Da hatte meine Mutter schon Angst.

Uns müssen sie dann mit Namen angegeben haben, weil wir alle an einem Tag im Spätsommer 1939 verhaftet wurden. Wir sind in die Wächterstraße ins Polizeigefängnis gekommen, eine ganz schön lange Zeit, weil wir ja unter achtzehn waren. Ich hatte dort auch meinen achtzehnten Geburtstag drinnen. Zufällig arbeitete dort von meiner Mutter die Cousine, die hatte die Strafgefangenen bewacht. Das hat keiner gewußt, und da hat sie uns, die Irmgard und mich, immer zusammen baden lassen und da konnten wir uns unterhalten. Wenn sie Nachtschicht hatte, hat sie abends immer die Türen von uns beiden aufgelassen. Sie hatte mir auch was zum Sticken mit reingebracht und Handarbeiten und zu essen und Obst, das haben die anderen gar nicht gemerkt. Und da ging es uns soweit ganz gut, da konnten wir uns gar nicht so beschweren.

Zu den Verhören sind Sie aus dem Untersuchungsgefängnis abgeholt worden?
Ja, viele Male. Von den Gestapobeamten Walther und Pilz. Einmal der und einmal der. Die haben uns mitgenommen in die Elisenstraße [heutige Bernhard-Göring-Straße] zum Jugendgericht, wo nachher auch die Verhandlung war. Die haben da ein Verhörzimmer gehabt. Da hatten sie hauptsächlich gefragt, ob wir noch jemanden kennen. Die sind richtig danach gegangen: ist ein Name gefallen, den haben sie geholt. Die waren sehr eifrig, damit sie Namen rauskriegten. Die wollten immer mehr festnehmen und weghaben von der Straße.

Sie wurden im Februar 1940 vom Leipziger Jugendamt in das Mädchenheim in der Dauthestraße überwiesen.
Das war noch vor meinem Prozeß. Die Irmgard hatten sie noch in Haft behalten, die hat ihre ganze Zeit drinnen abgesessen. Das Mädchenheim war ein Schwererziehbarenheim, da habe ich wirklich nicht hingepaßt, aber ich bin eben auch mit drinnen gewesen (lacht). Im April 1940 war dann der Prozeß vor dem Landgericht wegen »Neubildung von Parteien«. Ich habe acht Monate bekommen, die Irmgard Holle neun Monate.

1938 gab es ja auch schon erste Verhaftungen. Haben Sie darüber gesprochen?
Ja, das wurde erzählt, daß welche fort sind. Und da wußten wir auch genau auf der Reeperbahn, wann die Polizei kommt und guckt, da hatten wir schon Routine drin.
Nur daß wir mal dran kommen, hätten wir nicht gedacht. Auf einmal stand der Polizist im Laden und sagte: »Mitkommen!«

| WOLF SENFF
| Titelfoto: Unbekannter Fotograf Ak, Leipzig, Goethestraße mit Dresdner Bank, Rotes Colleg, 1933, CC BY-SA 4.0

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| Die Leipziger Meuten (Teil II) – in TITEL kulturmagazin
| Die Leipziger Meuten (Teil III) – in TITEL kulturmagazin

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