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Die Leipziger Meuten

Gesellschaft | Die Leipziger Meuten – Jugendopposition im Nationalsozialismus (2)

Wilhelm Endres und sein Freundeskreis gehörten zur »Meute Hundestart«. Die eigentliche Meute Hundestart hatte dreißig bis vierzig Mitglieder. Das folgende Interview wurde im März 2002 in Leipzig geführt.

Ich wurde am 17. Juli 1922 geboren. Mein Vater war Mitglied der SPD und in Großzschocher engagiert in den Arbeitersportgruppen. Er war Tischler und hatte eine Möbeltischlerei, die aber in der Inflation Ende der 20er Jahre kaputtgegangen ist. Aus diesem sozialdemokratischen Milieu bin ich dann in die Jugend eingetreten, die hier in Leipzig-Großzschocher aktiv war. Wir hatten unser Jugendclubhaus der Roten Falken in der Falkensteinstraße. Dort haben wir uns regelmäßig zusammengefunden. Mit den älteren Helfern, das waren Leute, die schon eigene Kinder in der Gruppe mit drinnen hatten, sind wir wandern gegangen nach Klinga, nach Groß-Steinberg ins Naturfreunde-Haus und haben dort Verbindungen gehabt mit Förstern, die uns in die Natur einführten. Wir haben also den Gedanken der Natur und des gemeinsamen Zusammenseins als Kinder anerzogen gekriegt. Nicht mit Zwang, sondern einfach aus Spaß an der Freude. Dann hatten wir in den Meyerschen Häusern eine Familie Parbat gehabt, die betreute die Kinderfreunde-Gruppe in Klein-Zschocher. Dort wurden Spiele gemacht, z. B. Doktor Doolittles Reisen. Das waren also kinderbezogene Erlebnisbereiche, in die wir reingewachsen sind, und dort haben sich nach und nach mit dem Älterwerden auch bestimmte politische Grundformen gebildet.

Wir waren in der Siedlung die Sozialdemokraten und auf der anderen Seite waren die Kommunisten, aber wenn die Kinder zusammen gespielt haben, gab es keine Querelen. Die von der KVJD sind mit zu unseren Heimabenden gekommen oder wir sind zu denen mitgegangen, wenn ein Film lief über die Sowjetunion oder der Balaleikaspieler kam.
1933 kam der große Bruch, wo alles verboten und uns unsere Heime weggenommen wurden. Die SS und SA hatte hier in Großzschocher unsere ganze Literatur, die wir im Rittergutsschloß in Kisten versteckt hatten, durch Verrat gefunden und die Bücher in die Elster geschmissen.

Als wir dann größer wurden in der Schule – ich bin nie Hitlerjunge oder im Jungvolk gewesen – haben wir uns dann doch irgendwie immer getroffen. Das hatte sich auch fortgesetzt, als wir aus der Schule kamen. Wir haben dann in dem Bootshaus des früheren Arbeitersportvereins Fichte an der Elster in Schleußig unsere Faltboote eingelagert. Wir haben unsere gemeinsamen Dinge gemacht und sind mit Wanderfahrten auf der Elster rausgekommen und haben uns praktisch von der ganzen Nazi-Ideologie abgesondert und unser eigenes Leben geführt.

Jugendopposition im Nationalsozialismus
Bis an die tausendfünfhundert Mädchen und Jungen waren es, die ab Mitte der 1930er Jahre in Leipzig in Jugendcliquen jenseits der Hitlerjugend zusammenkamen und sich als eine der größten oppositionellen Jugendbewegungen während der NS-Zeit gegen den Nationalsozialismus auflehnten.

Wir geben jeweils sonntags in lockerer Folge Texte aus den Erinnerungen von Beteiligten, Interviews und Auszüge aus Prozeßakten wieder, jeweils entnommen der Dokumentation von Sascha Lange, erschienen 2012 im Passage-Verlag Leipzig. Die Texte gefallen, weil sie bodenständig sind, im lebendigen Alltag verwurzelt, und keine Theoriedebatten führen.

Kein Zweifel, das Thema geht uns alle an, auch wenn sich der heutige Leser an zeitgenössische Besonderheiten wie die Kluft der Meuten wohl erst gewöhnen muß – vor allem aber zeigen uns die Texte das erschütternde Ausmaß politischer Kontrolle und Verfolgung sowie eindrucksvolle, mutige Beispiele der Abgrenzung und des politischen Widerstands gegen die staatlich verordnete Hitlerjugend.

Die Meuten sind auch Gegenstand eines Dramas, das im Schauspiel Leipzig auf den Spielplänen steht.

Wie groß war die Gruppe, mit der Sie sich getroffen hatten?
Wir waren immer so vier bis fünf Mann, manchmal auch mehr und sind regelmäßig am Hermsdorfer Kreuz ins Holzland. Zur Rochsburg haben wir auch Fahrten gemacht. Wir sind allerdings, wenn wir auf Fahrt waren, meist irgenwo von der HJ beobachtet worden. Die HJ hat also ihre Spitzel gehabt. Das haben wir später bei der Verhaftung gemerkt, als wir dann Fotos von uns vorgelegt bekamen, wo wir überall auf diesen Jugendherbergen zusammen gewesen waren.

Wenn wir auf Fahrt gegangen sind, haben wir uns auch mit Gruppen aus dem Thüringer Raum auf der Leuchtenburg getroffen oder im Rochsburger Gebiet mit Chemnitzer Jugendlichen. Chemnitz war auch eine Stadt mit viel Industrie und Proletariat und da waren starke Jugendgruppen. Die Zusammenkünfte waren in den Jugendherbergen. Da wir uns dort aber nie unbeobachtet fühlen konnten, sind wir dann raus ins Gelände, irgendwohin. Mitunter haben wir in der Mulde auf großen Steinen gesessen und haben unsere Arbeiterlieder gesungen. So ist die Jugendarbeit immer im Stillen gewesen. Wir haben also Beziehungen gesucht und auch Verbindungen gehabt und uns untereinander ausgetauscht.

Es hatte sich dann auch so entwickelt, daß wir in Leipzig in den Meyerschen Häusern bei der Familie Parbat mit deren Kindern, das waren zwei Söhne und zwei Töchter, unsere illegalen Treffs abhielten. Es wurde meistens Radio BBC gehört.

Zu unserer Gruppe gehörte der Herbert Thomas, Martin Fritsche, dann war dieser Werner K., der uns dann verraten hatte – das hatten wir aber erst später erfahren, als wir dann wieder zurückkamen – und eben ich. Außerdem der Heinz Bosolt, der ist später als Matrose auf dem deutschen Schlachtkreuzer Bismarck umgekommen, Otto Schulze ist in Afrika gefallen. Die, die später als Soldaten eingezogen wurden, da sind die meisten nicht wiedergekommen.

Noch mal zu unseren Wanderungen: Wenn wir z. B. zu Pfingsten rausgefahren sind, da waren wir noch gar nicht raus aus Leipzig, saß dort der HJ-Streifendienst mit einem Schemel und einem Tisch und hat uns notiert. Wir wurden angehalten und abgefragt, aber was sollten wir denn da machen.

Hatte die HJ diese Informationen selber gesammelt oder waren sie quasi nur der verlängerte Arm der Gestapo?
Es war ja so: Wenn wir irgendwo in eine Jugendherberge wollten, mußte man in die damalige Töpfergasse, da war der HJ-Bann und dort mußten wir unseren Jugendherbergsausweis anmelden. Dort wurde man schon schikaniert mit stundenlangem Warten, bis wir den Ausweis kriegten. Denn mit dem Deutschen Jugendherbergsausweis war man berechtigt, in die Herbergen reinzukommen mit Übernachtung für 25 Pfennige. Das wollten wir nutzen, denn anders waren wir finanziell gar nicht in der Lage. Als Lehrling habe ich vier Mark die Woche verdient im ersten Lehrjahr.

Gehörten Sie zur Meute Hundestart?
Das war in Kleinzschocher. Wir wurden so bezeichnet als ›Hundestart‹. Wenn Sie nach Kleinzschocher reinfahren, da geht es rein in die damalige Bahnhofsstraße, das ist jetzt die Rolf-Axen-Straße und dort an der Ecke war eine Litfaßsäule. Daneben war der alte Friedhof und das nannte sich im Volksmund ›Hundestart‹. Wir nannten uns selber nicht so, wir haben uns nur manchmal dort getroffen, wenn wir uns sonnabends nach Arbeitsschluß 14 Uhr auf die Räder gesetzt haben und losgefahren sind. In einem Haus dort, da war eine Drogerie drin, hat oben ein Hitlerjunge gewohnt und der hat uns jedes Mal beobachtet, wenn wir losgefahren sind und hat wohl sofort angerufen. Da wußte die HJ Bescheid, wenn wir Richtung Knauthain rausgefahren sind.

Hatten sich außer Ihrem festen Freundeskreis dort noch andere Jugendliche getroffen?
Ja, es gab noch mehr. Es gab z. B. den Gerhard Paul, den nannten wir ›das Bäckchen‹, den Werner Gast, der war der ›Gatter‹, dann der Otto Schulze, der war ›Fensterputzer‹, und der Heinz Bosold. Dann haben sich manchmal auch welche getroffen, die von woanders herkamen und die mal mitgefahren sind. So sind dann lose Beziehungen geknüpft worden, die dann auch wieder auseinandergingen. Als wir dann nach 1940 alle Soldaten waren, wurden wir ja alle zerstreut. Wir sind lediglich mal wieder durch Zufall ab und zu zusammengekommen, wenn man Urlaub hatte.

Wir waren auch mal im Park unten. Der Martin Fritsche hatte so ein Koffergrammophon mit drei bis vier Schallplatten, da saßen wir dort und haben unsere Lieder gespielt. Wir hatten z. B. die Donkosaken auf Schallplatte gehabt. Wir haben also nicht nur Arbeiterlieder gesungen, sondern auch andere Musik gehört, auch mal Tanzmusik.

Es gab außerdem Jugendliche, die auf Tanzsäle gegangen sind. Die nannten wir die ›Tangoscheichs‹. Aber die waren nicht organisiert, die gingen nur zum Tanzvergnügen, hier bei uns nach Großzschocher in den Gasthof Windorf, das war dann später das Kulturhaus Artur Nagel. Die sind tanzen gegangen, das waren eher Individualisten, die hatten mit Politik nichts am Hut, das könnten auch Hitlerjungs gewesen sein, die in ›Zivil‹ mal irgendwo hingegangen sind. Zu denen hatten wir aber keine Beziehungen.

| WOLF SENFF
| Abbildung: Z6ehswhha5HGRTd, 1937 Grosse Schule, CC BY-SA 4.0

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| Die Leipziger Meuten (Teil I) – in TITEL kulturmagazin
| Die Leipziger Meuten (Teil III) – in TITEL kulturmagazin

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