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Die Leipziger Meuten

Gesellschaft | Die Leipziger Meuten – Jugendopposition im Nationalsozialismus (Teil 3)

Interview Wilhelm Endres (Forts.)

Sie sagten, daß Sie in Leipzig Kontakt mit anderen Gruppen hatten.
Wir sind manchmal auf unserer sogenannten Reeperbahn auf der Schlageterstraße [heutige Georg-Schwarz-Straße] in Lindenau gewesen. Da waren die anderen Gruppen. Natürlich haben wir auch manchmal ein bißchen auf der Straße provoziert, also ein bißchen den Macho heraushängen lassen. Wi waren ja junge Menschen, wir hatten keine konkreten politischen Ziele oder Klebeaktionen oder so was, das war nicht unser Bier. Wir haben uns untereinander informiert und haben uns zu denen hingezogen gefühlt, die auch unsere Neigungen hatten. Auf der Schlageterstraße gab es öfter mal eine Keilerei. Aber wir hier, die Meyersdörfer und die Zschocherschen, wir haben uns da nicht beteiligt. Wir haben uns aber auch mit der HJ geprügelt.

Können Sie da eine Begebenheit erzählen?
Das war z. B. beim Tauchschern [das war eine Art Fasching unter Kindern in Leipzig]. Da waren wir dann schon zwischen siebzehn und achtzehn Jahre alt und haben uns nicht mehr maskiert. Wir hatten ein paar Knaller gehabt. Bei einem Schleusendeckel nahe den Meyerschen Häusern haben wir solche Kanonenschläge reingetan und wollten sehen, ob der Deckel sich hebt. Plötzlich waren wir umstellt von solchen Hitlerjungs, da gab es in Leipzig den Motorradsturm, die hatten solche Leichtmotorräder und die hatten uns umzingelt. Nun waren wir ja nicht die schlechtesten und schlanksten, wir waren ja trainierte Jungs. Da wollten die mit ihren HJ-Messern angeben und haben aber tüchtig ein paar auf die Fresse gekriegt und sind wieder abgezogen. Wir haben uns dann auch gleich verdünnisiert, jeder wußte, wo er hinzugehen hatte.

Jugendopposition im Nationalsozialismus
Bis an die tausendfünfhundert Mädchen und Jungen waren es, die ab Mitte der 1930er Jahre in Leipzig in Jugendcliquen jenseits der Hitlerjugend zusammenkamen und sich als eine der größten oppositionellen Jugendbewegungen während der NS-Zeit gegen den Nationalsozialismus auflehnten.
Wir geben jeweils sonntags in lockerer Folge Texte aus den Erinnerungen von Beteiligten, Interviews und Auszüge aus Prozeßakten wieder, jeweils entnommen der Dokumentation von Sascha Lange, erschienen 2012 im Passage-Verlag Leipzig. Die Texte gefallen, weil sie bodenständig sind, im lebendigen Alltag verwurzelt, und keine Theoriedebatten führen.
Kein Zweifel, das Thema geht uns alle an, auch wenn sich der heutige Leser an zeitgenössische Besonderheiten wie die Kluft der Meuten wohl erst gewöhnen muß – vor allem aber zeigen uns die Texte das erschütternde Ausmaß politischer Kontrolle und Verfolgung sowie eindrucksvolle, mutige Beispiele der Abgrenzung und des politischen Widerstands gegen die staatlich verordnete Hitlerjugend. Der Name ›Meuten‹, von Seiten der Behörden herablassend gemeint, bestärkte nur die oppositionelle Haltung der Jugendlichen.
Sie sind auch Gegenstand eines Dramas, das im Schauspiel Leipzig auf den Spielplänen steht.

Hatten Sie in Ihrem Freundeskreis auch Mädchen mit dabei?
Natürlich, wenn wir mit dem Faltboot unterwegs waren, sind auch Mädchen mitgefahren. Es war zu der Zeit so, daß die Jungs meistens die Boote hatten, Und wenn wir auf Fahrt gegangen sind, waren wir froh, wenn da ein Mädchen vorne saß, die auch ein bißchen einen anständigen Schlag hatte in einem Zweierboot, denn man wollte ja auch vorwärts kommen. Das waren aber lose Beziehungegn, keine sexuellen. Eigentlich waren wir in diesem Alter noch ein bißchen mädchenscheu. Die sind mitgefahren als Sportlerinnen.

Wie war das mit Ihrer Verhaftung?
Der Werner K., ›Meyer‹ nannten wir den, der war Maurer von Beruf, das war ein kleiner Angeber. Wir waren auf der Reeperbahn und wollten in ein Kino. Martin und ich hatten aber dann doch keine Lust. So ist der Werner alleine dorthin und da ist eine Razzia gewesen und sie hatten ihn mit geschnappt. Das war im Mai 1939. Er hatte wohl ein bißchen die große Klappe gehabt und so haben sie ihn mit rübergenommen in die ›Wächterburg‹, das war das Polizeigefängnis am Peterssteinweg.

Dann begannen für uns bei der Gestapo die Vernehmungen, die gingen über mehrere Tage. Man wurde befragt, aber ob man ja oder nein sagte, das spielte alles keine Rolle. Es wurde dort ein Text zusammengebastelt und den hatte man zu unterschreiben. Das war also ein belastender Text, der hatte mit unseren Einstellungen gar nichts zu tun. Wenn man aber die Fotos vor sich hatte, konnte man ja nicht sagen: »Nein, das bin ich nicht und den kenne ich nicht.«

Dann kam der Nächste von uns an die Reihe. Montags kam Martin zu mir und sagte, den Tom hatten sie abgeholt, das war der Herbert Thomas. Wir hatten ja alle Spitznamen. Ich bin dann weiter zur Arbeit gegangen. Plötzlich war Martin weg, der wurde dann auch an einem Montag zur Gestapo einbestellt in der Elsterstraße. Von dort ging es dann immer zur Wächterstraße zur U-Haft.

Meine Verhaftung war im Juni 1939. Plötzlich kriegte ich montags auf der Arbeit einen Anruf von einem Betriebsleiter, ich solle zu ihm hochkommen. Er sprach mich mit »du« an, er war kein Nazi, das war ein alter Sozialdemokrat. »Du mußt dort und dort hin.« Nun wußte ich Bescheid. Ich bin schnell nach Hause und habe noch meinen roten Falken, wir hatten vor 1933 so eine blaue Kutte mit dem roten Falken drauf gehabt, und mein altes Mitgliedsbuch mit den Marken versteckt.

Ich mußte also dorthin und die haben mich auch gleich drin behalten. Drei Tage lang bin ich verhört worden. Der Vernehmer packte seine Thermosflasche aus, goß sich seinen Kakao ein und hatte dort seine schönen belegten Brote und ich saß daneben und mir knurrte der Magen. Das war natürlich inszeniert, um mich mürbe zu machen. Dann wurde ich mal runtergeschickt zum Zigaretten holen, da guckte der am Fenster. Doch wohin sollte ich denn abhauen, als Siebzehnjähriger? Die hätten mich doch sofort wieder von zu Hause abgeholt. Also bin ich wieder hoch. Die Verhöre waren in der Elsterstraße 34. Unten war ein Gummigeschäft, und die Gestapo war, glaube ich, in der zweiten Etage. Da stand nur dran ›Dienststelle‹.

Der Gestapobeamte Pilz hatte mich vernommen. Pilz war so ein Großer, rötlich blonde Haare. Der andere hieß Walter und war so ein kleiner Rundlicher. Als wir dann rüberliefen in die Wächterstraße, ich mußte mein Fahrrad schieben, sage er: »Wenn du abhauen willst, ich habe eine Pistole.«

Nachdem wir dort mit dem Verhör und dem Protokoll fertig waren, wurde ich ins Untersuchungsgefängnis in die Elisenstraße [heute Bernhard-Göring-Straße] eingewiesen. Früher hieß die im Volksmund ›Elisenburg‹. Dort war ich im vierten Stock, wo die ganzen Jugendlichen waren. Da waren auch Kriminelle drin. Die Wachleute waren schon alt, das war keine SS oder so. Die SS kam zu meinem Geburtstag. Von denen habe ich eine gewischt gekriegt, da bin ich von der Tür bis hintenhin geflogen. Das war so ein junger Kerl, vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahre alt, so ein Hüne. Der rief: »Ihr Schweine, euch werden wir schon noch klein kriegen!« und zack hatte ich eine sitzen. Das waren also meine Erfahrungen als Siebzehnjähriger im Gefängnis zum Geburtstag. Weil ich zwei Geburtstagskarten bekommen hatte, war ich reif für die Prügel.

Wir vier aus unserem Freundeskreis waren alle in Einzelhaft. Ich war in so einer Eckzelle und konnte zu einem Nebentrakt rüber gucken, dort waren die Mädchen in der Zelle. Tagsüber wurden die Betten hochgeschlossen und dda hatten wir einen kleinen Trick, wie man sich am Fenster hochziehen konnte. Das Fenster ging ja nur etwa eine Handbreit auf und das hatten die Mädchen drüben spitzgekriegt. Da war die Rosa Schömburg mit inhaftiert aus den Meyerschen Häusern und wir haben uns gewunken. So wußten wir, da sind auch Mädchen von uns.

Komischerweise sind nicht alle von uns inhaftiert gewesen. Wahrscheinlich, weil wir an den Wochenenden nicht immer alle zusammen gefahren sind. Manchmal waren wir auch nur zu zweit unterwegs, oder ich alleine.

Dann kam im Herbst 1939 von dem ›Führer‹ ein Erlaß und da wurden wir als Untersuchungshäftlinge ohne Prozeß entlassen. Wir mußten uns aber regelmäßig melden, waren also unter ständiger Kontrolle. Wir in unserem Freundeskreis haben uns dann gesagt, daß wir uns anderweitig orientieren müssen. Mit Martin Fritsche habe ich mir ein Faltboot gekauft und wir sind dann ins ehemalige Fichte-Bootshaus gekommen. Dort haben wir uns von den anderen abgeschirmt und eigentlich nur noch unseren Wassersport betrieben.

1937 bis 1939 war meine Lehrzeit. Der Meister in der Werkstatt 7 hatte mir damals viel Sorgen bereitet. Dort mußten der Moritz und ich, wir waren zwei Lehrlinge, die nicht in der HJ waren, uns bei ihm melden. Da hat er uns immer abverlangt mit »Heil Hitler!« zu grüßen. Er stand dort in seiner Uniform da und hat uns schikaniert bis zum Gehtnichtmehr. Als ich aus der U-Haft wiederkam, hatte er gesagt, der Endres fliegt raus. Den Mann habe ich später nach dem Krieg mal wieder getroffen. Der war damals in Leipzig Etappenwart bei der Friedensfahrt. Da ist der vor mir weggerannt, wie ein Kaninchen, was vor der Schlange ausreißt. Der ist gerannt wie ein Hase.

| WOLF SENFF

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| Die Leipziger Meuten (Teil I) – in TITEL kulturmagazin
| Die Leipziger Meuten (Teil II) – in TITEL kulturmagazin

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