/

Zwei Flugzeuge

TITEL-Textfeld | Heiner Egge: Zwei Flugzeuge

Sie schreiben eine Kreuzung in den sehr blauen Himmel. Ich sitze genau darunter. Ich habe so etwas schon tausendmal gesehen. Aber diesmal passiert es. Zuerst ist der Lichtfunke zu sehen, dann, mit der entsprechenden Verzögerung, der Knall zu hören. Zu spät, verflogen. Kein Manöver des letzten Augenblicks mehr. Wer trägt die Schuld?

Ich sehe, wie die Trümmer brennend abstürzen. Hätte ich jetzt eine Kamera dabei, ich könnte das Foto des Jahres schießen. Schreie sind nicht zu hören. Manche Trümmer ziehen eine Rauchspur hinter sich her und lösen sich dann auf. Sind plötzlich nicht mehr.

Vielleicht ist alles nur ein Spuk. Ich rufe nach Marie, die drinnen in der Küche ist: Hallo, Marie, komm raus! Guck!! Schnell, guck!!!

Aber als Marie endlich nach draußen kommt, ist der Himmel wieder leer.

Das hast du dir alles nur ausgedacht, sagt sie und ich gebe es auf, ihr noch irgendetwas zeigen zu wollen.

 

Die Türkin

Sie fragte mich, ob ich Erdnüsse möchte zum Bier. Ich hob dankend den Kopf. Und sie füllte mir ein Schälchen.

So ging ich an meinen Tisch, lehnte mich zurück und lächelte. Vor mir lag der Strand, die Ostsee. Das Bier tat mir gut, das Salz der Erdnüsse auch. Die Wellen waren nur wenig gekräuselt. Juli. Hochsommer. Ich liebe diesen Kiosk. Kiek ut heißt er und ist fest in türkischer Hand.

Jeden Sommer verbringe ich hier, fern der Heimat, fern von Frau und Kindern.

Ich bin einzelgängerisch veranlagt. Auf engem Raum, in Vierbettzimmern oder Krankenhäusern drehe ich durch.

Schon hatte ich den Grund des Schälchens erreicht, die letzte Erdnuss zwischen die Zähne geschoben. Da legte sie ihre Hand auf meinen Tisch. Fatima. In der Hand hielt sie ein Wischtuch. Ich hob Glas und Schälchen hoch, damit sie überall hinkäme. Als sie fertig war, fragte sie: »Noch einen Wunsch?« Ich nickte und lächelte. Zu mehr war ich nicht in der Lage.

Sie hatte mich auch so verstanden.

Den Abend konnte ich kaum noch erwarten; ging den Strand entlang bis hin zum Ende der Strandkorbzone, dort begann, zwischen den Stranddisteln und Steinen, der Hundestrand. Ich wusste, wann sie ihren Kiosk schloss, die Holzläden davorklappte, und ihr Feierabend begann. Der Strand leerte sich, die Hunde waren froh. Langsam ging ich zurück, barfuß, die Hose hochgekrempelt, am Saum des Wassers, um meine Zehen spielte die See, Tang trieb heran, durchsichtige Quallen waren im Sand gestrandet. Als ich das Kiek ut erreicht hatte, lehnte dort Fatimas Vater und rauchte.

Natürlich wusste er, wer ich war, die ganze Familie wusste, wer ich war. Was ich wollte, wussten sie allerdings noch nicht.

Er rauchte und schwieg. Ich stellte mich neben ihn. Er bot mir eine Zigarette an, fürs Feuer musste ich selber sorgen. Unsere Blicke trafen sich nicht. Über der Ostsee lag nun ein flacher, völlig durchsichtiger Seenebel. Vom Horizont her zog schon die Nacht heran, noch war nichts verloren.

Möwen stritten sich um die Reste des Tages, kreischend eroberten sie die Strandkörbe, sie sind die Ratten der Lüfte.

Fatima ist hier geboren. In Mitteleuropa. Doch in ihren Schuhen hat sie noch den anatolischen Staub und die Pfefferminzblätter, die ihre Ferse schützen. Endlich sagte ich es ihm. Er lächelte mich an. Trat die Zigarettenkippe in den Sand hinein, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schüttelte dann den Kopf.

Da wusste ich es auch.

 

Carolas Sammlung

Alles was sie plattfuhr, hob sie auf. Seit 1983 schon. So war sie im Lauf der Jahre zu einer bemerkenswerten Sammlung gekommen. Die nicht nur aus Eidechsen und Kröten bestand, nein, es gab auch Salamander und, von den Reisen in den Süden, Geckos. Alle Viere von sich gestreckt. Sie behandelte die Tiere gut. Trocknete sie an der Luft, bepinselte sie mit Öl und Lack, machte sie haltbar.

Ihren ersten Mann erlegte sie im Spätherbst 1988. Sie hatte den Literaturkreis der Volkshochschule besucht, wo sie die Gedichte Paul Celans behandelten, Laub lag auf den Straßen, es hatte angefangen leicht zu regnen, ein Gegenlicht blendete sie, und schon geschah es. Der Wagen rutschte ihr einfach weg, sie hatte den Mann viel zu spät erkannt.

Sie stieg aus, wobei sie aber einen kurzen Blick in den Rückspiegel warf, um sich zu vergewissern, dass ihr Gesicht völlig in Ordnung war, unverändert, perfekt und kein bisschen verschmiert der Lippenstift, gerade und beherrscht der dunkelblaue Lidstrich.

Der Mann allerdings sah nicht gut aus. Doch das war nicht ihre Schuld. Er wimmerte leise vor sich hin; aus der Nase sickerte etwas Blut, der Arm schien gebrochen. Carola kniete sich neben ihn. Das Licht der Bogenlampen fiel auf den Mann und sie erkannte mit leichtem Schrecken und doch auch, wie sie sich später zugeben musste, mit einer gewissen Wollust, dass es sich bei dem Mann um den Leiter des Literaturkreises handelte. Peschka hieß er. Anton Peschka. Fast die Hälfte des Kurses war in ihn verliebt.

»Also nun das auch noch«, sagte sie und suchte nach einem Taschentuch, das sie ihm reichen könnte.

Peschka winkte ab. Er wollte auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus gebracht, er wollte gerettet werden.

Das musste Carola einsehen. Sie blickte sich um, aber alle Autos fuhren vorbei.

Der Regen wurde stärker. Peschka erhob sich mit schmerz-verzerrtem Gesicht.

»Sie hätten nicht einfach so über die Straße gehen dürfen«, sagte sie und half ihm ins Innere ihres Autos. Wieder warf sie einen Blick in den Rückspiegel, der sie, auch wenn das Licht im Wageninnern nur spärlich war, sogleich beruhigte. Sie hatte sich in der Hand, die Situation im Griff.

Peschka konnte seinen Arm nicht bewegen, aber er war bei klarem Bewusstsein: »Sie hätten mich«, sagte er, »beinahe platt gemacht.«

»Nur keine Panik«, antwortete Carola und dachte an ihre Sammlung, an all die Eidechsen, die Frösche, die Blindschleichen. Die besten Stücke verwahrte sie in einer besonderen Glasvitrine, staubfrei, und nur ihren nachdenklichen Blicken preisgegeben. Er fing das Blut mit der Zunge auf, dann hörte es auf zu rinnen. Sie löste die Sperre und drückte die Rückenlehne hinunter: Liegesitz. So ging es schon besser, und Peschka seufzte noch einmal laut auf und wurde dann ganz still.

Carola startete und ließ die Kupplung so vorsichtig kommen wie es ihr nur möglich war. Ich habe ihn! dachte sie und ihr Herz hüpfte vor Freude.

| HEINER EGGE
| Martin Kraft, MK35097 Contrails, CC BY-SA 3.0 [Crop] Heiner Egge, geb. 1949 in Heide. Studium der Germanistik und Geschichte in Kiel, Marburg und Freiburg. Herausgeber der Literaturzeitschrift »das nachtcafé«. Reisen nach West- und Ostafrika. Lebt als freier Schriftsteller in Östermoor an der Eider. Letzte Buchveröffentlichungen: »Tilas Farben«, Roman, 2013; »Taube komm heraus«, Liebesgeschichten, 2015; »Winterreise in den Süden«, Roman, 2019

Im Rahmen der Lesereihe »Neue Literatur im alten Gewölbe« stellt Heiner Egge eine Auswahl eigener Texte vor, am Mittwoch, den 12. Februar, 19.00 Uhr, im Haus der Patriotischen Gesellschaft, 20457 Hamburg, Trostbrücke 4, Kontoreingang.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wärmende Wohltaten

Nächster Artikel

David muss sterben

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Leben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leben

Ob der Planet lebendig sei, sagte Farb, das wüßte er gern.

Eine spannende Frage, sagte Anne, hielt ihre Tasse in der Hand und blickte nachdenklich auf den zierlichen lindgrünen Drachen, sie war fasziniert, allein was ihr mißfiel, war die gegabelte obere Verankerung des Henkels, es gab gefälliger geformte Tassen, sie erinnerte sich an Mon Ami von Roerstrand, doch was wäre ohne Fehl und Tadel, sie schenkte Tee ein, sie warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Selbstverständlich, führte sie fort, auf ihm gediehen Pflanzen, er biete dem Getier eine Heimstatt.

Das sei nicht seine Frage gewesen, erinnerte Farb, sondern er habe wissen wollen, ob der Planet lebendig sei, ja, gewiß, er nickte bekräftigend, dieser Planet.

Eine Tür

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eine Tür

Du bist lustig, Tilman. Eine Tür zum Planeten? Wie sei das gemeint? Werde Eintritt verlangt, gebe es Türhüter?

Sie wartete nicht auf Antwort und trank Tee.

Immerhin, der Gedanke sei nicht ohne Reiz, denn was der moderne Mensch umsonst bekomme, das respektiere er nicht immer, und vor der Autorität eines Türhüters zöge er sogar den Hut, stimmt`s? Doch, ja, glaube ich schon.

Anne schenkte Tee nach. Noch der Yin Zhen gewann, wenn sie ihn aus diesen Tassen trank, das Drachenservice war unersetzlich

Betriebsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Betriebsam

Ob sie noch schreibe, wollte Farb wissen.

Anne zögerte zu antworten und griff nach einem Keks.

Oder sei das zu persönlich gefragt.

Keineswegs, nein, wehrte sie ab, im Gegenteil, das sei ein Thema, das sie sehr beschäftige.

Tilman blickte auf.

Farb schenkte Tee nach.

Es war später Nachmittag, Regen schlug gegen die Scheiben.

Im Kamin flackerte künstliches Feuer.

Gewiß, sagte sie, sie schreibe nach wie vor, nur seien die Umstände schwierig, der literarische Markt rotiere mit atemberaubendem Tempo, vergeblich suche man schrittzuhalten, wöchentlich würden neueste Hitlisten präsentiert.

Konflikt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Konflikt Er solle die Finger vom Ausguck lassen, herrschte Pirelli McCrockeye an, weil dieser dem Ausguck erneut Nichtstun vorgeworfen hatte, ein Faulpelz sei der, und sich über das, wie er es nannte, Herumgehüpfe beklagte, der Ausguck werde sich dabei den Hals brechen. Auch Thimbleman war nicht ungeschoren geblieben, mit dem Schwimmen im Meer setze er leichtfertig sein Leben aufs Spiel, er trage schließlich eine Verantwortung gegenüber der Mannschaft, und erzürnt hieb Crockeye mit der Faust auf die Reling.

Die seelenräuberischen Einflüsse der Zeit

Erzählung | Botho Strauß: Die Unbeholfenen

Der exzentrische Nonkonformist Botho Strauß, der zur Melancholie neigende erzählerische Philosoph und vehemente Zeitgeistkritiker, hat eine »Bewußtseinsnovelle« von gerade einmal 120 Seiten vorgelegt und liefert darin Denkanstöße, die ihrerseits Stoff für mehrbändige Abhandlungen hergeben. Von PETER MOHR