Geniale Fingerübung

Comic | Neil Gaiman / Dave McKean: Veilchenblau

Der Verlag Nona Arte widmet sich in seinem Programm auch modernen Klassikern aktueller Comic-Größen. BORIS KUNZ durfte sich über ein Frühwerk von Neil Gaiman freuen. Leider hat es einen dummen deutschen Titel.

VeilchenblauEin Erzähler (ziemlich unverschleiert ein Alter Ego von Neil Gaiman höchstselbst) erinnert sich an seine Kindheit und daran, wie er eine Zeit lang wegen eines ausgekugelten Arms von einem Osteopathen behandelt wurde. Dieser soll vor vielen Jahren der Leibarzt von Al Capone persönlich gewesen sein und erzählt dem Vierjährigen, der diese Geschichten kaum richtig erfassen kann, vom Gangstermillieu im Chicago der 20er Jahre.

Kunstvoll vermischt Gaiman mehrere Erzählebenen: Da ist einerseits die unschuldige Sicht eines kleinen Jungen auf die Welt, in der neben der Naivität ein düsterer, aber schwer greifbarer Unterton von häuslicher Gewalt mitschwingt, da ist andererseits die verklärte, aber brutale Welt eines Al Capone, der mit eiserner Härte sein Regime verteidigt. Der erwachsene Ich-Erzähler ist der Mediator zwischen diesen Welten; inzwischen ist er alt genug, um das, was ihm als Kind passiert ist und was ihm erzählt wurde, richtig verstehen zu können. Die stärksten Momente sind dabei jene, in denen man voll in die kindliche Perspektive eintaucht und daran erinnert wird, wie schrecklich grausam es sich doch damals hat anfühlen können, auf Kindergeburtstagen die Reise nach Jerusalem spielen zu müssen.

Grauzonen in Veilchenblau

Auch Zeichner Dave McKean treibt sein Spiel mit den Ebenen. An seinen Figuren, an deren präzise getroffenen Gesichtern und Gesten, sieht man das Talent eines großartigen Zeichners, der aber hier sehr viel mehr will, als seine Zeichenkunst zu präsentieren. Deswegen bleiben seine Figuren meistens skizzenhaft, während McKean die Panels aufbricht, Experimente mit der Seitenaufteilung wagt, mit Flächen, Farben und Texturen spielt, Vorder- und Hintergrund verschiedene Schärfeebenen gibt wie in einem Kinofilm und alte Fotografien und Filmplakate collagenartig mit seinen grob schraffierten Bildern verknüpft.

Obschon ihm damit optisch höchst Ansprechendes gelingt, verweisen die Zeichnungen in ihrer absichtlichen Unvollkommenheit immer über sich selbst hinaus und lassen dem Leser den Spielraum, seine eigene Phantasie in diesen Bildern wirken zu lassen. Das ist natürlich eine naheliegende Umsetzung für eine Geschichte, die ohnehin in den Grauzonen zwischen Erinnerung und Vorstellung angesiedelt ist.

Flohmarkt Feeling

Beide Künstler gehören inzwischen zu den großen Namen im Comic-Geschäft. Gaiman hat mit dem Sandman und den Büchern der Magie längst Comic-Geschichte geschrieben, hat Romane veröffentlicht und mehrere seiner Stoffe sind verfilmt worden (zuletzt der 3D-Animationsfilm Coraline). McKean hat mit Cages Aufsehen erregt und auch über die Comic-Szene hinaus einen Namen als Gestalter von Plattencovern und als Fotograf. Veilchenblau ist ihre erste Zusammenarbeit aus dem Jahre 1987 und wirkt heute wie eine Fingerübung für das, was noch kommen sollte.

Den Vorgang des Erzählens selbst zum Thema zu machen und düstere Phantasiegestalten (seien es nun vergessene Götter, Magier oder eben Gangster mit Trenchcoats und breiten Hüten) in vertraute Wirklichkeiten hereinbrechen zu lassen und sich dann zwischen diesen Welten traumwandlerisch zu bewegen – das ist ja schon ein erzählerisches Markenzeichen von Neil Gaiman. Dass Comics auch einmal unfertig aussehen dürfen, dass das Hinzufügen abfotografierter Banknoten, Landkarten oder alter Plakate einen gewissen Schick hat, war ja gerade in der Covergestaltung in den späten 90ern dann eine richtige Mode und hat sogar im amerikanischen Mainstream Schule gemacht (man erinnere sich an die Titelbilder der Akte X-Comicserie oder die Daredevil-Interpretation von David Mack).

Der Klappentext der deutschen Ausgabe, der man eigentlich ruhig den Originaltitel Violent Cases hätte lassen können – weil das nicht nur cooler klingt, sondern auch tatsächlich den Kern der Geschichte weitaus besser trifft als irgendwelche Blumenfarben – bringt es eigentlich ganz gut auf dem Punkt: »Vor zwanzig Jahren war Veilchenblau bahnbrechend. Heute ist es ein Klassiker.«

Deswegen fühlt es sich, wenn man die Neuausgabe in die Hand nimmt, ein bisschen so an, als hätte man sie auf dem Flohmarkt erstanden. Das liegt nicht nur an dem schicken Hardcover (und der leider etwas anfälligen Klebebindung), sondern daran, dass der Comic eindeutig aus einer Zeit stammt, in der in Deutschland recht viele Verlage versucht haben, mit aufwändigen Alben wie diesem den Beweis anzutreten, dass Comics tatsächlich Kunst sein können – und die hatten dann auch nach Kunst auszusehen.

Man merkt dem Comic an, dass Gaiman ein versierter Erzähler und McKean ein begnadeter Zeichner und phantasievoller Grafiker ist. Im Grunde ist dies aber eine einfache, gut erzählte Geschichte mit gutem Artwork – und nicht viel mehr. Dass man so etwas wie ein bahnbrechendes Meisterwerk in den Händen hält, erschließt sich nur noch im Rückblick auf den historischen Kontext, weil beide Künstler inzwischen Beeindruckenderes geschaffen haben. Insofern ist es schön, dieses Album zu besitzen, aber nicht unbedingt zwingend.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Neil Gaiman (Text) / Dave McKean (Zeichnungen): Veilchenblau (Violent Cases)
Aus dem Englischen von Marc-Oliver Frisch
Mit einer Einleitung zur Neuausgabe von Neil Gaiman
Nona Arte Verlag 2010
44 Seiten, 12,00 Euro

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