/

Anfang und Ende

Gesellschaft| Barbara Honigmanns: Chronik meiner Straße

»Wenn wir sagen, dass wir in der Rue Edel wohnen, antwortet man uns meistens, ach ja, da haben wir am Anfang auch gewohnt.« So lautet der erste, beinahe programmatisch anmutende Satz in Barbara Honigmanns autobiografischer Skizze über jene Straße im Osten Straßburgs, in der sie seit ihrer Übersiedlung aus Ost-Berlin im Jahr 1984 lebt. Wieder einmal schreibt die 66-jährige Autorin, die einst als Dramaturgin und Regisseurin an so renommierten Theatern wie der Volksbühne und dem Deutschen Theater Berlin gearbeitet hat, ganz stark an ihrer eigenen bewegten Vita entlang. Von PETER MOHR

Honigmann_24762_MR.inddSie knüpft damit an die Vorgängerwerke ›Eine Liebe aus nichts‹ (1991) über ihren jüdisch-kommunistischen Vater und ›Ein Kapitel aus meinem Leben‹ (2004) an – ein anrührendes Buch über ihre Mutter.

Die »gemischte Gegend« der Rue Edel entwickelt sich in den 1990er Jahren zu eine Art multikulturellem Mikrokosmos. Juden, Moslems und Christen unterschiedlichster Nationalitäten leben dort Tür an Tür, ungewollt und dem Zufall geschuldet. Dort entsteht ein sonderbares Sprachen- und Kulturgemisch – in einer Straße ohne Bäume, die eher ausladend beschrieben wird, wie eine städtebauliche Notlösung. »Ein hässliches Haus, ein Altneubau aus den späten Fünfziger Jahren«, so beschreibt Barbara Honigmann jenes Haus, in dem seit nun über 30 Jahren in der dritten Etage wohnt. Es war zunächst als Übergangslösung gedacht, als Anfang in einer »neuen Welt«. Inzwischen hat sich die Autorin ein Grab in Straßburg gekauft – aus dem Provisorium ist längst eine zweite Heimat geworden.

Sie hat sich eingerichtet in einer kulturellen Nische, an dem Zufluchtsort von Juden unterschiedlichster Provenienz, wo Menschen »ohne Chic und Charme« ihr Zuhause gefunden haben, misstrauisch beäugt und herablassend behandelt von den »richtigen« Franzosen. Barbara Honigmann erzählt die Episoden über das vielfältige Leben mit ihren so unterschiedlichen Nachbarn ohne klagenden, selbstbemitleidenden Unterton.

Da ist von den drei jüdischen Witwen die Rede, denen sie helfend zur Hand gegangen ist (bei Behördengängen und Korrespondenzen) und von Nadja und Hakim, die mit ihrem Sohn zunächst eine heile Familienwelt verkörperten, ehe Nadja allein aus der Rue Edel floh und wenig später ihrem Leben mit einer Überdosis Schlaftabletten ein dramatisches Ende setzte.

In Barbara Honigmanns ›Chronik meiner Straße‹ geht es ums Fremdsein und Suchen am Rande der Gesellschaft, ums behutsame Aufbauen einer neuen Identität (»Noch einmal anders, ganz von vorne anfangen.«) in einem Sozio-Biotop an der Peripherie Straßburgs, wo das Münster und das Europaparlament gefühlte Lichtjahre entfernt sind.

Es ist aber auch ein Buch der Vergänglichkeit geworden, der Beschreibung des unaufhaltsamen Alterungsprozesses, eines – das sich ganz stark mit dem Tod und daraus resultierend mit dem Verlust nahe stehender Personen beschäftigt. Ohne großes Pathos und ohne moralisierenden, erhobenem Zeigefinger hat Barbara Honigmannauch en passant noch ein einfühlsames und aufrichtiges Plädoyer für Toleranz im Umgang mit Menschen vorgelegt, »die irgendeine verlassene Heimat mit sich herumtragen.« In Zeiten zunehmender Fremdenfeindlichkeit eine mehr als wohl klingende Stimme, die da aus der Rue Edel zu vernehmen ist: »Jeder darf hier seine Religion und seinen Stil leben.«

| PETER MOHR

Titelangaben
Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße
München: Carl Hanser Verlag 2015
152 Seiten, 16,90 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Lauter, nicht anders als die anderen

Nächster Artikel

Let the good times be never ending: The Charlatans live in Belfast.

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Gesellschaft | Jesper Juul, Pernille W. Lauritsen: Frag Jesper Juul. Gespräche mit Eltern. Familiencoaching Pädagogikpabst Jesper Juul hat wieder ein neues Buch zum Thema Erziehung herausgebracht. In Frag Jesper Juul schildert er Episoden aus Beratungsgesprächen, gibt Ratschläge und fügt Erläuterungen hinzu. VIOLA STOCKER fragt sich: warum?

Malen kann das Frauenzimmer!

Menschen | Adrienne Braun: Künstlerin, Rebellin, Pionierin Luise Duttenhofer, Emmy Schoch oder Gerta Taro: Künstlerin, Rebellin, Pionierin waren sie alle, eine jede in ihrem Ressort und zu ihrer Zeit. Grund genug, diese und über ein Dutzend weitere herausragende Frauen-Biographien aus Baden-Württemberg (wieder) zu entdecken. Die Stuttgarter Kulturjournalistin Adrienne Braun hat dazu eine Auswahl von überaus geistreichen und anregenden Porträts verfasst. Von INGEBORG JAISER

Wirte und Parasiten

Gesellschaft | Michael Hudson: Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört Die europäische Politik habe nichts aus den zwanziger Jahren gelernt. Das ist der Vorwurf. Denn in Versailles seien Deutschland Schulden auferlegt worden, so hoch, dass sie unbezahlbar waren. Schäubles Austeritätspolitik vollziehe gegenwärtig dasselbe mit Griechenland. Sparpolitik habe sich nie an den Interessen der Menschen orientiert. Von WOLF SENFF

Besorgte Juristen

Gesellschaft | O. Depenheuer, C. Grabenwarter (Hgg.) Der Staat in der Flüchtlingskrise – Zwischen gutem Willen und geltendem Recht Langsam dämmert es nicht nur den wachen Zeitgenossen: Die Fluchtbewegung, die jetzt auch bis zu uns führt, ist kein Intermezzo, sondern wohl Vorbote künftiger massiver Migrationen – Stichwort Klimawandel. Eine knackige Herausforderung, für die humanitären Kräfte einer Zivilgesellschaft wie für ihre demokratischen Fundamente, zumal in Zeiten des viralen Alarmismus. Gut, wenn sich Experten die Lage mal gründlich ansehen. Von PIEKE BIERMANN

Ein unbekanntes Land

Gesellschaft | Fritz Edlinger / Tyma Kraitt (Hg.): Syrien Der Arabische Frühling 2011 brachte Ländern wie Tunesien und Ägypten nach jahrzehntelanger Stagnation wenigstens eine begrenzte Demokratisierung. Doch bei den Nachbarn sieht die Bilanz oft ganz anders aus. In Syrien haben sich hoffnungsvolle Ansätze mittlerweile in einen blutigen Alptraum verwandelt. Der Sammelband Syrien, den Fritz Edlinger, Generalsekretär der Gesellschaft für Österreich-Arabische Beziehungen, mit der aus dem Irak stammenden Journalistin Tyma Kraitt herausgegeben hat, will zeigen, warum. Von PETER BLASTENBREI