Von oben betrachtet

Jugendbuch | Alexandra Kui: Die Welt ist eine Scheibe

Es kommt vor, dass man den Überblick verliert, so mittendrin im ganz normalen Leben. Dass man ausrastet. Da kann es guttun, das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Von oben etwa, da hat man ausreichend Distanz. Alexandra Kui schickt in ›Die Welt ist eine Scheibe‹ ihre Heldin nach einer bösen Tat ganz hoch hinauf auf einen Baum. Erkenntnisse lassen nicht auf sich warten. Ob’s die rechten sind? Von MAGALI HEISSLER

Kui_ADie_Welt_ist_eine_ScheibeWiebke, sechzehn Jahre alt, hat getan, was eine Bauerntochter eigentlich nicht tut, sie hat das Heu des Sommers angezündet. Obwohl sie weiß, wie hoch der finanzielle Verlust ist. Obwohl sie weiß, wie viel Arbeit im Heuen steckt, auch ihre eigene. Schließlich gehört das Heu ihrer Familie.

Eben diese Familie ist der Grund für die Untat. Die Familie ist aus den Fugen geraten. Warum das geschah, welche Gründe es gibt und ob immer alles scheitert oder es einfach nur Pech ist, das würde Wiebke gern wissen. Wobei das »gern« eigentlich gelogen ist. Eigentlich will Wiebke es nicht wissen. Es gibt sogar ein drittes »eigentlich«, nämlich dass Wiebke glaubt, dass sie den oder auch die Gründe bereits kennt. Ganz genau.

Und schon ist man mitten im gedanklichen Tohuwabohu, das in der jungen Frau tobt.

Gefühlsdschungel

Kui hat ihre Protagonistin als sehr sperrige Figur gestaltet. Unglücklich und egoistisch, unreif und gleich wieder zu erstaunlichen Einsichten fähig. Zynisch und naiv, frech, stachelig, liebevoll zur kleinen Schwester, sehnsüchtig nach Sicherheit und Wärme und zugleich abweisend.

Wiebke ist vom Dorfleben geprägt, ihre Eltern züchten Rinder und ziehen auch Obst und Gemüse, das sie in einem Hofladen verkaufen. Die Kinder, vor allem der Älteste und Wiebke, die Zweite, müssen von klein auf mithelfen. Mähen, Mistfahren, Gemüse verkaufen, was immer los sein mag, der Hof steht an erster Stelle. Wiebke möchte fort. Wohin, wie und was sie, im ersehnten »fort« angekommen, tun möchte, weiß sie nicht.
Noch geht sie zur Schule, noch ist es ebenso wichtig, im Klassenverband ganz vorne zu stehen. Milan für sich zu haben, weil er so klug ist, weil er so tolle Sprüche klopft. Mehr als Küsse will sie aber noch nicht von ihm. Wenn Milan das stört, ist das sein Problem. Das ist eine ganz typische Einstellung für das Mädchen. Probleme machen die anderen, sie ist, wie sie ist. Das Recht ist auf ihrer Seite, die anderen unterdrücken sie nur.

Als ein Radiomoderator mit Frau und Kind ins Neubaugebiet zieht, wird Wiebkes Leben aufregend. Sie verliebt sich in den Mann, mit der Ehefrau teilt sie etwas, das ihr wirklich wichtig ist, Singen. Aber es will einfach nicht gelingen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Im Gegenteil kommt es zu einem Unglücksfall, der die freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden Familien zerstört. Die Reaktionen der Erwachsenen, vor allem ihres Vaters, verstören Wiebke. Was sie ebenfalls verstört, ist die Entdeckung, dass ihr Bruder schwul ist. Ihre Vorstellung von der Welt erweist sich als nicht mehr nur kindlich, sondern kindisch und ausgerechnet sie, die so sicher war, auf alles eine Antwort gefunden zu haben, verirrt sich gründlich im Gefühlsdschungel.

Die Welt ist eine Scheibe – das Wort ist ganz nah an einer vulgären Beurteilung der Lage –, von der man auch herunterfallen kann und in eben jener Scheiße landen. Wiebke hätte nie geglaubt, dass ihr genau das passiert.

Neue Blickwinkel

Dieser Roman braucht aufmerksame Leserinnen und geübte. Was Wiebke erzählt, ist durchaus richtig, aber sie ist nicht immer verlässlich. Sie färbt, verheimlicht, neigt dazu, sich besser darzustellen, als sie ist. Sie ist schnell in ihrem Urteilen. Sie ist unerfahren und naiv. Kui gelingt es dabei gut, Wiebkes Angst vor den vielen Facetten, den Verwicklungen, den sich rasant ändernden Zuständen des täglichen Seins deutlich zu machen. Die Angst vor einer Zukunft, die sich eben nicht frei gestalten lässt. Vor dem Tod, der so nah ist, so plötzlich kommen kann, noch ehe man auch nur einen Bruchteil der Welt aufgenommen hat. Vor den eigenen Gefühlen, die heftiger sein können, als man gedacht hat. Davor, überlegt zu handeln und das, was man als Rebellinnentum angesehen hat, als kindisch zu erkennen.

Sprachlich anspruchsvoll gestaltet, zeichnet Kui nicht nur interessante Charaktere, sondern beschreibt auch ein Beziehungsgeflecht, das fern vom Gewohnten ist. Clemens, der Moderator etwa, versucht, ein ehrlicher Freund für Wiebke zu sein. Wiebkes Vater und Jana, Clemens’ Frau, gehen mit der Schuld, der Folge des Unglücksfalls, auf eine Art um, die nur der Beginn eines Wegs ist, der mehr trennt als die beiden Familien. Wiebkes endgültige Entscheidung fällt anders aus, als sie selbst gedacht hätte.

Die Fragen, die gestellt werden, sind grundsätzlicher Art. Was bedeutet Freiheit, stellt sich als eine der wichtigsten heraus. Hierbei gibt es überraschende Antworten.
Abgesehen von den Figuren ist die Landschaft eine wichtige Protagonistin. Gras und Wasser, Tierlaute, Luft, Wetter, Naturphänomene eigener Art spiegeln nicht nur Gefühle, sondern beeinflussen sie. Sie sind prägend für die Menschen, gerade, wenn sie über Generationen an einem Ort leben. Auch das ist trotz der Kürze des Ganzen eindrucksvoll ausgearbeitet.

Der Roman erschien bereits vor zwei Jahren als gebundenes Buch. Die günstige aktuelle Taschenbuchausgabe ist eine hervorragende Gelegenheit nicht nur für Jugendliche, sich einer ganz eigenen Geschichte zu stellen. Ebenso eigene Antworten sind garantiert.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Alexandra Kui: Die Welt ist eine Scheibe
München: cbt 2015
150 Seiten. 8,99 Euro
Jugendbuch ab 15
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