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Let her rock!

Kulturbuch | Vivienne Westwood, Ian Kelly: Vivienne Westwood

Wenn einem eine strenge Dame auf einem Buchcover wach entgegenblickt, ist oft schwere Kost angesagt. Nicht so in Vivienne Westwoods Autobiographie, die sie zusammen mit Ian Kelly verfasst hat. Für ›Vivienne Westwood‹ hat Ian Kelly zwei Jahre mit der First Lady des britischen Designs verbracht und aufgeschrieben, was Archiv, Presse, Freunde und Familie von Vivienne Westwood beizutragen hatten. Westwoods eigene Kommentare runden eine Biographie ab, bei der eine rundum kampfeslustige alte Dame erst einen Zwischenbericht zu ihrem Leben geben möchte. VIOLA STOCKER ist beeindruckt.

Westwood-grVivienne Isabel Swire wird am 8. April 1941 als erste Tochter von Dora und Gordon Swire in Glossop, Derbyshire geboren. Sie darf zusammen mit ihrer Schwester Olga und ihrem Bruder Gordon in einer äußerst liebevollen Familie aufwachsen, entstammt jedoch bescheidenen Verhältnissen. Der Fleiß und die Geschäftstüchtigkeit ihrer Eltern waren ihr zeitlebens ein Vorbild.
Die lebhafte junge und kluge Frau meistert ihr Leben früh selbst. Ab 1957 besucht sie die Harrow Art School, sie wird zur Grundschullehrerin mit Schwerpunkt Kunstunterricht ausgebildet.

Gegen alle Konventionen

Nichts an Westwoods Lebensumständen deutet auch nur im Ansatz auf ihre umjubelte Zukunft hin. Einziges Kontinuum: ihre Eigensinnigkeit, ihr Gerechtigkeitssinn und ihr Fleiß. Vivienne heiratet 1962 Derek Westwood, doch die Ehe hält nur drei Jahre und Vivienne wird früh alleinerziehende Mutter ihres Sohnes Ben. Sie meistert Beruf und Familienalltag und lernt über ihren Bruder Gordon den Kunststudenten Malcolm McLaren kennen. Von nun an wird alles anders.

1967 bekommt das Paar Westwood / McLaren einen Sohn, Joseph. Doch ansonsten nimmt Westwoods Leben eine tragische Wendung. McLaren fasziniert sie, sie lässt sich ganz auf die entstehende Punkbewegung ein, deren Ästhetik McLaren und Westwood erfinden, bzw. zumindest entscheidend prägen werden. Gleichzeitig werden die beiden Jungdesigner von schlimmen finanziellen Schwierigkeiten gebeutelt, zwischendurch lebt Vivienne Westwood mit ihren Söhnen in einem Wohnwagenpark.

Kunst ohne Kommerz

Was begann mit selbst gebasteltem Schmuck und Accessoires, endete in einer eigenen Boutique in der King’s Road Nr. 430 namens »Let it Rock«. Vivienne Westwood ist gerade dreißig Jahre alt geworden, aus der kreativen Grundschullehrerin wurde ein öffentlichkeitswirksamer Punk. McLaren verstand es schnell, den neuen Trend mit Musik zu verknüpfen, 1974 wird die Boutique in »SEX« unbenannt und das Designerpaar kleidet die New York Dolls ein. McLaren sucht parallel die Band für seinen Look und gründet die Sex Pistols.

Man darf annehmen, dass jede Bewegung, die Westwood und McLaren taten, von der Öffentlichkeit stets genau wahrgenommen wurde. Von Anfang an war Westwoods Design politisch und subversiv. Nur konsequent war die traurige Tatsache, dass Westwood und McLaren kaum Geld einnahmen, geschweige denn Gewinn machten. Mehrmals gerät die Punkerin in Konflikt mit dem Gesetz, 1977 wird sie sogar verhaftet. Das Image scheint perfekt.

Mutter des Punk

Dennoch wurde aus der Urmutter des Punk eine seriöse und geachtete Designerin, deren Roben allwiederkehrend den roten Teppich bei Oscarverleihungen zieren. Was ist geschehen? 1981, Vivienne Westwood ist vierzig Jahre alt, trennt sich das Skandalpaar. Mehr und mehr zieht sich McLaren aus den Designs zurück, ab1984 ist sie allein für die Kollektionen verantwortlich. Sie beginnt, sich systematisch mit Modegeschichte zu befassen, ihre Reflexionen finden Ausdruck in z.B. der Pirates Collection, Clint Eastwood Collection, Tim Machine Collection und allen weiteren Kollektionen.

Westwoods großes Verdienst ist es, rückwärts-blickend zukunftsträchtige Designs zu entwerfen. Mieder, Korsagen, Reifröcke und Armeeröcke tauchen immer wieder in traditionellen Stoffen und innovativen Drucken auf. Jean-Paul Gaultier lässt sich von ihr beeinflussen, seine Korsagen, zB. für Madonna, werden legendär. Von Anfang an verbindet Vivienne Westwood ihr Design mit politischen Botschaften, engagiert sich verstärkt für Menschenrechte und Naturschutz.

Mutter und Künstlerin

Wunderbar, dass Ian Kelly auch immer wieder die Söhne Westwoods interviewt, schnell wird deutlich, dass Viviennes nicht enden wollender Arbeitseifer zu ihren Lasten geht. Trotzdem schafft sie den Spagat zwischen internationaler Berühmtheit und Mutter immer wieder, Mutter und Söhne scheinen in tiefer Zuneigung verbunden. Gerade auch in dieser Zerrissenheit wird klar, was Vivienne Westwood eigentlich geleistet hat. Zwei Kollektionen pro Jahr mit zwei kleinen Söhnen zu Hause, kaum kommerzieller Erfolg und niedriges Einkommen. Andere Frauen hätten schon bei weniger Druck klein beigegeben.

Nicht so Vivienne Westwood. Sie ist offensichtlich eine Kämpferin. Eine alternde, nichtsdestotrotz. 1993 heiratet Vivienne Westwood zum zweiten Mal, dieses Mal ihren ehemaligen Studenten Andreas Kronthaler. Fortan arbeiten sie wieder zu zweit an ihren Designs, dank ihres Managers Carlo D’Amario wird Westwood Design auch endlich ein kommerzieller Erfolg. Ihre Anerkennung weltweit wächst, auch in Großbritannien wird sie mehrfach geehrt, z.B. mit den Queen’s Award für Export, mit der Ernennung zum Designer of the Year, mit einer Retrospektive im Viktoria und Albert Museum und schließlich mit der Erhebung in den Adelsstand 2006.

Konsequent aufsässig

Was ist ihr Erfolg? Liest man Ian Kelly genau, stellt man schnell fest: Vivienne Westwood ist sehr menschlich, praktisch und politisch. All dies fließt in ihre Designs ein. Die Kunstliebhaberin und begeisterte Leserin erdet ihre komplexen Entwürfe oft mit politischen Parolen und einer gesunden Portion Selbstironie. Ihr unablässiger Wille, nach vorn zu blicken und für Mensch und Natur Gutes zu tun, lässt sie am Puls der Zeit bleiben. Legendär entsprechend ihr Auftritt bei der Abschlusszeremonie der Paralympics in London, 2012, wo sie als Boudicca ein Banner für Climate Revolution entrollte. Selbst wer Westwoods Entwürfe nicht mag, wird einer derart toughen Kämpferin Respekt zollen. Das bleibt ihr Erfolgskonzept.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Vivienne Westwood, Ian Kelly: Vivienne Westwood
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Köln: Bastei Lübbe, 2014
463 Seiten. 24,95 Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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