/

Vater der Powenzbande

Menschen | Zum 125. Geburtstag des Schriftstellers Ernst Penzoldt am 14. Juni

»Ehe er überhaupt sprach, wirkte er wie ein Fremdling, wie ein Mensch aus einer anderen Welt.« So charakterisierte der Verleger Peter Suhrkamp einst den Dichter, Maler und Bildhauer Ernst Penzoldt. Doch dies hinderte den Frankfurter Verlagschef nicht daran, die Werke des liebenswerten Eigenbrötlers zu publizieren. Von PETER MOHR

Penzoldt - PowenzbandeTatsächlich wirken Penzoldts Werke im Kanon der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts wie Relikte aus einer längst vergangenen Epoche. Ein romantischer Hauch, ein märchenhafter Humor und eine zeitlose Burschikosität prägen das Oeuvre dieses Einzelgängers, der von Erich Kästner, Hermann Hesse und Carl Zuckmayer in höchsten Tönen gepriesen wurde.

Ernst Penzoldt wurde am 14. Juni 1892 als Sohn eines Medizinprofessors in Erlangen geboren und besuchte nach dem Abitur die Kunstakademien in Weimar und Kassel, wo ihm das künstlerische Rüstzeug als Maler und Bildhauer vermittelt wurde.

Ein Jahr nach seinem literarischen Debütwerk ›Der Zwerg‹ (1927) landete er mit ›Der arme Chatterton‹ gleich einen großen Wurf. Darin beschreibt Penzoldt den Lebens- und Leidensweg des dichtenden und fälschenden britischen Wunderknaben Thomas Chatterton, der von 1752 bis 1770 lebte und gerade 17-jährig seinem Leben durch die Einnahme von Gift selbst ein Ende setzte. Was den Reiz dieses gleichermaßen spannenden wie stilistisch brillanten Werkes ausmacht, ist Penzoldts Gabe, die tragische Handlung mit einer gehörigen Portion Humor zu untermalen.

»Menschen, die nicht irgendwie komisch sind, kann ich einfach nicht ernstnehmen.« Dieser Satz von Baltus Powenz, eine der Hauptfiguren des Romans ›Die Powenzbande‹ (1930), stammt aus dem tiefsten Innern seines »Schöpfers« Ernst Penzoldt. Die Powenz bringen eine ganze spießbürgerliche Kleinstadt in Wallung, hecken freche Streiche aus und bersten vor Vitalität. Sie sind Tagträumer ohne feste Arbeit, den Nachbarn ein Dorn im Auge. Und doch gelingt es ihnen – allen Anfeindungen zum Trotz –, sich in der Mitte der ulkigen Stadt Mössel ein Haus zu bauen. ›Die Powenzbande‹ – eine Mischung aus Wilhelm Tell und Erich Kästner – darf man ungeniert als letzten großen Schelmenroman der deutschen Literatur bezeichnen.

Ernst Penzoldt, der auch als Maler und Aquarellist unter dem Pseudonym Fritz Fliege zu respektablem Ruhm gelangte, machte dann mit einem Spätwerk noch einmal auf sich aufmerksam. Ein Jahr nach der Bühnenfassung des ›Squirrel‹ erschien 1954 die gleichnamige Erzählung, die inhaltlich und formal an Thomas Manns ›Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull‹ erinnert.
An 27. Januar 1955 ist der begnadete Stilist und feinsinnige Ironiker Ernst Penzoldt in München im Alter von nur 62 Jahren gestorben.

Nachdem der Suhrkamp Verlag zum 100. Geburtstag eine siebenbändige, komplette Werkausgabe auf den Markt gebracht hatte, wurde zum 50. Todestag sein bedeutendster Roman, ›Die Powenzbande‹, als preiswertes Taschenbuch neu aufgelegt. Anlass genug, einen bedeutenden und noch immer weit unterschätzten Autor (wieder) zu entdecken.

| PETER MOHR

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Diebe der Herzen

Nächster Artikel

Man lese und staune

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Zwischen Recht und Moral

Menschen | Zum 80. Geburtstag von Bernhard Schlink

»Ich bleibe Optimist, indem ich nach wie vor wichtig finde, sich in der Welt und für sie einzusetzen.. Aber ob die Schwächung der Demokratie und das Erstarken der Sehnsucht nach dem Autoritären, die Unversöhnlichkeit in der Gesellschaft, der Hass und die Kriege, die Zerstörung von Klima und Natur aufgehalten werden können, weiß ich nicht«, bekannte Bestsellerautor Bernhard Schlink, der erst spät zum Schreiben gefunden hat (zunächst parallel zu einer beachtlichen Karriere als Jurist), in einem Interview im letzten Jahr. Von PETER MOHR

Vom Traum, ein Rebell zu sein

Menschen | Zum Tod des oscar-gekrönten Regisseurs Milos Forman »Ich finde es schrecklich, wenn Regisseure denken, sie würden etwas wahnsinnig Wichtiges kreieren. Hey, Leute, es ist nur ein Film! Macht euch locker!«, hatte Milos Forman vor zehn Jahren in einem FAZ-Interview erklärt. Seine bewegte Vita war prägend für sein künstlerisches Schaffen. Der Oscar©-gekrönte Regisseur machte keinen Hehl daraus, dass sein Lebenslauf und sein künstlerischer Erfolg in ursächlichem Zusammenhang stehen. Ein Porträt von PETER MOHR.

Heftige Gefühle entwickeln

Menschen | Zum 80. Geburtstag des Filmregisseurs Joseph Vilsmaier »Das Filmen ist nicht nur mein Beruf, es ist auch mein Hobby, seit ich 14 bin. Da kommt also alles zusammen. Das versuche ich so gut wie möglich zu machen«, hat Joseph Vilsmaier vor knapp zwei Jahren rückblickend in einem Interview bekannt. Ein Porträt von PETER MOHR

Die Geburt des Jim Morrison aus dem Geiste Friedrich Nietzsches

Menschen | Musik | Jim Morrison

Vor genau fünfzig Jahren verglühte ein Sänger und Poet, der sich selbst als brennenden Kometen bezeichnete: Jim Morrison. Anlässlich seines Todestages am 03. 07. 1971, wirft MARC HOINKIS einen tieferen Blick in die kreative Gedankenwelt eines Menschen, der genau so plötzlich auftauchte, wie er verschwand.

Vom Flüchtling zur Foto- Revolutionärin

Menschen | Zum 80. Todestag der Fotoreporterin Gerda Taro Mit Gerda Taro starb heute vor 80 Jahren die weltweit erste Kriegsberichterstatterin während eines Fronteinsatzes. Als sie an ihrem 27. Geburtstag in Paris beigesetzt wurde, kamen Zehntausende. Ihren Grabstein entwarf kein Geringerer als Alberto Giacometti. Warum geriet eine der einflussreichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts dennoch in Vergessenheit? Fragt FLORIAN STURM