/

Weder Historiker noch Prophet

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Milan Kundera

»Man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben«, verkündete Ramon, eine der Hauptfiguren in Milan Kunderas letztem Roman ›Das Fest der Bedeutungslosigkeit‹ (2015). Es war ein spielerisches Buch der großen Gegensätze – von Liebe und Hass, von Tragik und Komik, von Wahrheit und Lüge, von Aufrichtigkeit und Selbsttäuschungen. Von PETER MOHR

Trotz der philosophischen Gedankenschwere kam dieser Roman seltsam leicht und bisweilen sogar humorvoll daher. Vermutlich liegt es einzig daran, dass der gealterte, gelassener gewordene Romancier Kundera aus dem übermächtigen Schatten des jungen, bisweilen überintellektuellen Autors Kundera heraustreten wollte und ihn mit den Waffen der Selbstironie zu besiegen versuchte.

Milan Kundera hatte sich schon früh aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückgezogen und gab in den letzten dreißig Jahren nur noch schriftliche Interviews, weil er sich oft falsch zitiert fühlte. Der große Künstler, der sich so oft missverstanden fühlte, hat den Weg in eine Art »innere Emigration« gewählt.

»Der Romancier ist weder Historiker noch Prophet, sondern Erforscher der Existenz«, hatte Kundera in seinem Essay ›Die Kunst des Romans‹ (1987) sein dichterisches Credo zutreffend beschrieben.

Milan Kundera, der am 1. April 1929 in Brünn als Sohn eines Musikwissenschaftlers und Janacek-Schülers geboren wurde, war einst einer der intellektuellen Wegbereiter des Prager Frühlings. Seine Kritik am Stalinismus, die er unverhohlen in seinem ersten Roman ›Der Scherz‹ (1967/wie fast alle Werke im Carl Hanser Verlag erschienen) zum Ausdruck brachte, führte zum Ausschluss aus der kommunistischen Partei, in die er bereits als 18-jähriger eingetreten war.

Diese biographischen Eckpfeiler bilden auch das Handlungsgerüst für Kunderas weltbekannt gewordenen Roman ›Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins‹ (1984). Vor dem Hintergrund der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings inszenierte er die erotischen Irrungen und Wirrungen des jungen Chirurgen Tomas, der durch sein ausschweifendes Sexualleben eine Art Selbstfindung betreibt. In diesem später auch erfolgreich (wenn auch umstritten) verfilmten Roman geht es darüber hinaus auch um die schwierige Situation der Intellektuellen im politisch geteilten Europa.

Kundera avancierte nach der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei zur Persona non grata, seine Werke konnten bis zur politischen Wende nicht erscheinen, und ihm war sogar die tschechische Staatsbürgerschaft entzogen worden. Dabei war er nie ein vordergründig politischer Autor, sondern ein philosophischer Grübler, dem die individuelle Freiheit, auch die Selbstverwirklichung des Einzelnen als heiligstes Gut galt: »Wenn ich mich selbst definieren müsste, würde ich sagen, ich sei ein in der Falle einer extrem politisierten Welt gefangener Hedonist.«

Eine der literarisch anspruchsvollsten Liebesgeschichten der 1990er Jahre legte Kundera 1998 mit ›Die Identität‹ vor. Nachdem die weibliche Hauptfigur Chantal ihrem Lebenspartner Jean-Marc das vermeintliche Versiegen ihrer Attraktivität gebeichtet hat, setzt eine Flut anonymer Briefe ein, deren Inhalte (»Sie sind sehr schön.«) Balsam für Chantals angekratzte Seele sind. Die zunächst versteckten Briefe lösen zwischen Chantal und Jean-Marc turmhohes Misstrauen aus. Eifersuchtsszenen, Missverständnisse und herrlich absurdes Handeln resultieren aus den »Liebesbriefen«.

Eine schmerzliche Selbst-Erforschung betrieb Kundera, der 2007 mit dem Staatspreis für Literatur der Tschechischen Republik ausgezeichnet wurde, im Roman ›Die Unwissenheit‹ (2001), der sich (mit autobiografischen Bezügen) um den großen Topos Heimat rankt – und dies auf ideologiefreie, völlig unpathetische Weise. Irina und Josef, zwei Emigranten mit unterschiedlichen Lebensläufen, kehren ins Nachwende-Prag zurück. Eine Mischung aus Heimweh und Neugierde trieb sie an. Umso schockierender sind ihre Erfahrungen, die sich mit denen nach der Emigration decken. Ein Gefühl der Fremdheit, des Nichtdazugehörens, des Eintretens in einen völlig fremden Kulturkreis. Mit einem flüchtigen Liebesglück entschädigen sich die beiden Enttäuschten.

Ein wiederkehrendes Motiv bei Milan Kundera, dem Meister der künstlerischen Verquickung von Liebe und Weltpolitik, dessen faszinierendes Gesamtwerk eigentlich den Nobelpreis verdient gehabt hätte. Am Dienstag ist Milan Kundera im Alter von 94 Jahren gestorben.

| PETER MOHR
| TITELFOTO: Elisa Cabot, Milan Kundera redux, CC BY-SA 3.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Drei Killer und ein Mathelehrer

Nächster Artikel

Afrikanische Filmpioniere und die Religion der Cinephilie

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Der Entdecker der Langsamkeit

Menschen | Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Sten Nadolny »Nun sind wir im Bett, ich so mehr theoretisch, der Junge aber richtig, mit Flanellnachthemd und unter dem Plumeau. Er ist so müde, dass er sofort einschläft. Das ist jetzt ein spannender Moment: Schlafe ich auch ein, schlafe ich seinen Schlaf, träume ich seine Träume oder eigene?« Diese Gedanken gehen dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling durch den Kopf – Hauptfigur in Sten Nadolnys letztem Roman ›Weitlings Sommerfrische‹ (2012). Ein Porträt von PETER MOHR

Boden ohne Blut, bitte!

Menschen | Michael Brenner (Hg.): Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart Die schlechte Nachricht zuerst: Nein, es hätte sie nicht geben sollen – Juden und Geschichte in diesem Land nach der Shoah. Weder für die gojischen Deutschen noch für den Jüdischen Weltkongress. Jetzt die gute: Doch, es gibt sie wieder! Wie, gegen welche Widerstände und durch welche Kräfte sie trotzdem zustande kam, zeichnet die von Michael Brenner herausgegebene Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart nach. Ohne Scheu vor ungemütlichen Fakten und ohne »Oh-wie-schön!«-Schmu. Von PIEKE BIERMANN

Die Stadt und ihr Erzähler

Menschen | Zum Abschied des Rothenburger Nachtwächters

 
Rothenburg ob der Tauber ist eine Stadt, über die viel geschrieben worden ist: »Eine Stadt, deren Gesicht auf eine Postkarte gepresst wurde«, so Hans Dieter Schmidt in seinem sehr lesenswerten Taubertal-Buch ›Melusine und schwarze Wasser‹. Oder der bedeutende Kunsthistoriker Georg Dehio: Die Stadt sei »als Ganzes ein Denkmal«, schreibt er. Und Herbert Schindler in seinem Buch über die Romantische Straße, an der Rothenburg liegt: Man fände hier »reines, großes Mittelalter«. Oder, noch besser, Rothenburg, das sei schlichtweg die »Lieblingsstadt der Welt«. Von MARC PESCHKE

Bücher sind zum Lesen da

Menschen | Tagebuch zum 85. Geburtstag von Hansjörg Schneider

»Das Fernsehen, die Droge der einsamen Menschen. Das Einzige, was sich noch bewegt in der Wohnung, die einzige Stimme, die noch zu hören ist, außer der eigenen«, notierte Hansjörg Schneider in seinem jüngst erschienenen Tagebuchband »Spatzen am Brunnen«. Von PETER MOHR

Musik aus der Geisterstadt

Musik | Interview mit Jan Kerscher aka Like Lovers Explosiv, chillig, emotional und vor allem: ehrlich. Like Lovers bringt sein Debütalbum heraus. MARC HOINKIS unterhielt sich darüber mit dem Maestro höchstpersönlich.