Ein Stickeralbum schafft Kontakte

in Comic

Comic | ICSE 2016 Spezial: Messerundgang

Der Comic Salon Erlangen (schon der 17. in 32 Jahren) lebt von seinen Traditionen. Die Besucher lieben das, was jedes Mal gleich ist: Die gleichen Messestände am gleichen Ort, die ritualisierte Max-und-Moritz-Preisverleihung, die Diskussionen zu sich wiederholenden Themen, seit einiger Zeit auch das Stickeralbum und die Jagd nach den Aufklebern quer durch die ganze Stadt. Manchmal freut man sich aber auch an etwas Neuem. Kleine Verlage und unabhängige Comickünstler boten diesmal ihr eigenes Stickeralbum zum Vollkleben an, das mehr nach dem Prinzip der Kontaktaufnahme funktioniert. Titel: ›Kleb mich!‹ ANDREAS ALT hat es ausprobiert.

 Messe – 17. Int. Comic-Salon Erlangen 2016 Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen – Foto: Georg Pöhlein 2016
17. Int. Comic-Salon Erlangen 2016
Abb: Internationaler Comic-Salon Erlangen – Foto: Georg Pöhlein 2016
Das offizielle Stickeralbum von Panini habe ich mir auch diesmal zugelegt und versucht, es vollzubekommen. Album und Sticker sind gratis – das Problem besteht darin, die knapp 200 Sticker an vielen verschiedenen Orten in Erlangen während des Salons einzusammeln.

So sorgt die Aktion auch für Verdruss, denn der Sticker-Sammler ist quasi gezwungen, von Messestand zu Messestand und von Ausstellung zu Ausstellung zu spurten, um alle rechtzeitig zusammenzubekommen. Die ursprüngliche Absicht, mehr Besucher an die Verlagsstände zu locken, wird dabei durchkreuzt. Die Sammler halten sich dort maximal zehn Sekunden auf und haben nur Augen für die Aufkleber, die sie hastig zusammenraffen. Die Comic Solidarity, ein Zusammenschluss von Comicschaffenden, der die Lücke zwischen Hobbycomics und dem Verlagsgeschäft schließen helfen soll, hat ihr alternatives Album daher anders konzipiert.

ICSE StickeralbumDas Album ›Kleb mich!‹ und das Sticker-Startset kosten sechs Euro, eine deutliche Hürde für diejenigen, die alles in ihre Taschen stopfen, was es auf dem Salon gratis gibt. Man braucht nur gut 30 Aufkleber, die liegen aber in der Regel nicht offen herum. Man muss die jeweiligen Künstler ansprechen, um einen zu ergattern. Sie können die Abgabe des Aufklebers an eine Bedingung knüpfen, im ungünstigen Fall den Kauf ihrer Publikation (was beim offiziellen Stickeralbum Empörung auslöste, als einzelne Verlage sich auf diese Strategie verlegen wollten). Aber Herausgeberin Eve Jay (Eva Junker) versicherte mir, die meisten Sticker würden gratis ausgegeben, und das bestätigte sich.

Dieses Album ist nicht nur beim Comic Salon in Umlauf, sondern wurde schon vor einem Jahr zum Comicfestival München konzipiert. Auch nach dem Salon kann man auf anderen Comicveranstaltungen weiter Sticker sammeln, oder man nimmt mit den Künstlern direkt Kontakt auf. Das Album zu füllen, ist also nicht mit großem Stress verbunden. Stattdessen kam es zu bemerkenswerten Begegnungen. Einen Comic kaufen musste ich nur einmal, genauer gesagt: Einem Beteiligten habe ich während unseres Gesprächs über den Sticker gern seinen Comic abgekauft, weil ich ihn sehr ansprechend fand.

Einzige Bedingung: »Auf die Knie!«

Nach Erwerb des Albums führt mich mein erster Weg zu einem Bekannten. Max Jähling (›Monsterjägerin Conny van Ehlsing‹) gibt den Sticker gleich bereitwillig ab; nur Bert Dahlmann von ›Panel‹ stellt aus dem Hintergrund eine Bedingung: »Auf die Knie!« Die gleiche Erfahrung am ›Jazam‹-Stand: »Den Sticker kannst du so haben!« ›Jazam‹ ist eine jährliche Anthologie vielversprechender Nachwuchskünstler. Hierher werde ich noch einige Male zurückkehren, denn es stellt sich heraus, dass mehrere Zeichner, die Sticker haben, bei ›Jazam‹ signieren. Nun wird freilich deutlich: Die Suche nach den noch fehlenden Aufklebern ist schwieriger als beim offiziellen Album. Man muss nicht lediglich einen Stand finden, sondern eine konkrete Person, die sich vielleicht – ebenso wie ich – ständig über den Salon bewegt.

StickersammlungSo verhält es sich mit Lisa Neun. Um auf die Web-Zeichnerin zu stoßen, werde ich zuerst zum Stand des ›Schwarzen Turms‹ geschickt, dann zu ›Comicgate‹, schließlich zu ›Krakelcomics‹. Dort trifft sie schließlich glücklich zum Signieren ein. Lisa Neun ist soeben im Rahmen der Vergabe der ICOM Independent Comic Preise mit dem Kurt-Schalker-Preis für Webcomics ausgezeichnet worden, und zwar für ihr Gesamtwerk. Sie beginnt, am Stand nach ihren Stickern zu kramen: in ihrer Kleidung und ihrer Tasche, in Kisten, unterm Tisch. Vergeblich. Aber bei der Comic Solidarity kann ich notfalls alle Sticker bekommen. Eve Jay bietet mir einen Deal an: Wenn ich Lisa Neun einen Stoß Aufkleber vorbeibringe, kann ich einen behalten. Dabei fällt mir ein Deal für mich ein: Bekomme ich für die besorgten Sticker eine Coverzeichnung? Das Albumcover eignet sich zum Signieren – noch ein Unterschied zum offiziellen Stickeralbum. Dazu ist Lisa Neun gern bereit.

Zwischendurch bin ich bei ›Buddelfisch‹. Mit diesen Leuten unterhalte ich mich über das Design von Computerspielen, weil sie sich neben Comics auch damit beschäftigen, und erfahre, dass diese Arbeit ebenso schlecht bezahlt wird, wie Comiczeichnen – obwohl der Markt für Computerspiele sehr groß und mutmaßlich äußerst lukrativ ist. Dann kehre ich zum ersten Mal zu ›Jazam‹ zurück, wo ich Jeff Chi treffe, ebenfalls Träger des Kurt-Schalker-Preises, in seinem Fall für seinen Comicblog ›spinken.net‹. Wieder ist es kein Problem, den Sticker einzuheimsen. »Immerhin bist du ja an meinen Stand gekommen«, sagt Jeff Chi.

»Selbst Hartmut Becker hat was gezeichnet«

Als ich Stefanie Wegner vom Studio ›Illustrie‹ aufsuche, sitzt gerade Arne Schulenberg daneben, der für den Superhelden-Fotocomic ›Union der Helden‹ verantwortlich ist und der auch im Album vertreten ist. Also kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Hier ergibt sich ein kurzes Gespräch über die Sticker-Sammelei. Timo Müller-Wegner erinnert sich, dass es einmal einen Aufkleber nur gegen eine selbstgefertigte Zeichnung gab und es dadurch am Stand zu einem gewaltigen Auflauf kam. »Selbst Hartmut Becker hat was gezeichnet«, fügt er hinzu. Becker ist der wohl bekannteste Comic-Agent in Deutschland.

Ich gehe weiter zum Independentverlag ›Thenextart‹. Hier bekommt Benedikt Rietzel von ›Punks’n’Banters‹ mit, dass ich auf der Suche nach Stickern bin, und will mir seinen gleich ungefragt überreichen. Dummerweise war sein Sticker schon in meinem Starterset enthalten. Nun muss ich also einen Aufkleber sogar dankend zurückweisen.

Den Sticker hat sie gerade nicht dabei

Eine Zeichnerin, die ich ebenso lange suche wie Lisa Neun, ist Katharina Netolitzky. Nie ist sie dort, wo sie sich befinden soll. Da höre ich »die Stimme«, die während des Salons sämtliche Veranstaltungen und Signiertermine bekannt gibt: »Katharina Netolitzky signiert jetzt am Stand von …« Der Rest der Ansage geht leider in einem plötzlichen Tumult in der Messeecke, in der ich mich gerade befinde, unter. Ich gehe zum Informationsschalter: Kann ich noch mal erfahren, was gerade durchgesagt wurde? Die Mitarbeiterin ist sofort bereit, für mich bei »der Stimme« nachzufragen.

StickeralbumEndlich treffe ich die Zeichnerin am Stand von ›Jazam‹ bei einem Signiertermin an. »Eigentlich sollte ich jetzt gleichzeitig beim ›Schwarzen Turm‹ signieren«, gesteht sie mir. Kein Wunder, dass sie so schwer zu finden ist. Es stellt sich heraus, dass auch sie die Sticker gerade nicht dabei hat. Am nächsten Messetag kann die Übergabe nachgeholt werden, und ich trinke mit Katharina Netolitzky anschließend noch einen Kaffee, um mehr über ihre Comics zu erfahren.

Letzte Sticker-Station auf dem Comic Salon: die ›Comic Cabin‹. Sascha Dörp kaufe ich bei der Gelegenheit einen selbst produzierten Comic ab, der mir ausgesprochen gut gefällt. Am Ende fehlen mir noch neun Aufkleber – mal sehen, ob ich an die per Mail oder Anruf herankommen kann. Ich habe dank dem Album Leute kennengelernt und Gespräche geführt, wozu es sonst höchstwahrscheinlich nicht gekommen wäre. Es schafft einen angenehmen Vorwand, in Kontakt zu treten, ohne dass es gleich um den Kauf von Comics gehen muss. Fazit: Mit einem solchen Stickeralbum würde ich jederzeit wieder losziehen.

| ANDREAS ALT

Reinschauen
| Imagefilm für das Stickeralbum