Sprachgeschichte mit Sachverstand und Ironie

Kulturbuch | Karl-Wilhelm Weeber: Von Achillesfersen und Trojanern

Karl-Wilhelm Weeber begibt sich auf die Spuren des geschichtlichen Ursprungs geläufiger und schon länger im Sprachgebrauch befindlicher Wörter. Von JENNIFER WARZECHA
Von Achillesfersen und Trojanern
Besonders die so genannte »Generation @« kennt das Phänomen: Man schreibt und schreibt sich zu Tode, egal, ob mit 140 Zeichen á la Twitter, in Form von schnellen Facebook-Nachrichten, die noch dazu das Risiko bergen, zeitversetzt gelesen und schnell vom Lesenden in einen ganz anderen Kontext gesetzt zu werden. Karl-Wilhelm Weeber möchte in seinem bei Reclam erschienenen Buch Von Achillesfersen und Trojanern – Wie die Antike im Deutschen fortlebt noch viel mehr als die deutsche Sprache retten: tief in den deutschen Kulturwortschatz vordringen und besonders die Herkunft alter Wörter erklären. Das gelingt ihm.

»Deus ex machina« oder »Dezember« – alles griechischen Ursprungs

»Deus ex machina« ist ein Ausdruck, der seinen Ursprung im griechisch-römischen Theater hat und im Deutschunterricht öfters erwähnt wird. Hierzu erklärt der Autor, welchen Sinn der plötzlich auftauchende Gott tatsächlich hat: »Wenn nichts mehr ›ging‹ und keine Aussicht mehr bestand, ein völlig verworrenes Handlungs- und Situationsknäuel zu entwirren, dann wurde mit Hilfe eines Krans ein Gott auf die Bühne gebracht, dessen Eingreifen dem Geschehen neue Impulse gab und die Blockade oder Ausweglosigkeit beendete: Der deus ex machina, ›der Gott aus der Maschine‹« (S. 49).

Interessant ist die Mischung aus Fachbegriffen – wie dem eben genannten – und täglich im Alltag gebrauchten wie dem Wort »Dezember«. Denn das Wort »geht auf das lateinische decem, ›zehn‹, zurück« (S. 49). Latein gilt nicht umsonst als »Mutter aller Sprachen«. Weeber, geboren 1950, heute Leiter des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums in Wuppertal und Professor für Alte Geschichte an der Universität Wuppertal sowie Lehrbeauftragter für die Didaktik der Alten Sprachen an der Ruhr-Universität Bochum, hat sich nicht nur mit der Herkunft mancher Wörter aus der griechischen Antike beschäftigt, sondern auch zahlreiche Bücher zur römischen Alltagsgeschichte verfasst. Gespaltene Meinungen ruft er bei den Rezensenten mit seinem Werk Romdeutsch (Eichborn 2006) hervor. Zufrieden äußert sich NZZ-Rezensent Klaus Bartels bezüglich Weebers Analyse lateinisch-deutschen Sprachgebrauchs und Ursprungs: So überzeuge der »Streifzug durch die lateinischen Spuren in der Gegenwartssprache« durch »Vielfalt und hohen Unterhaltungswert«. Dies sei unabdingbar für das bessere Verständnis, die witzige Darbietung müsse den Leser überzeugen. Gegenteilig empfindet das FAZ-Rezensent Uwe Walter: »Allzu gern möchte er den Fleiß und das redliche Bemühen des humanistisch gebildeten Autors honorieren. Doch es gelingt ihm nicht so recht. Zu altbacken der Witz, zu wenig satirisch der Aktualitätsbezug Karl-Wilhelm Weebers“, ist auf perlentaucher zu lesen.

Jahrtausend Jahre alte Geschichte der Sprache – komprimiert als gut verständlicher Artikel

Was die Rezensenten schon vor Jahren feststellen, ist bei Von Achillesfersen und Trojanern – Wie die Antike im Deutschen fortlebt nicht zu leugnen: Vermeintliche Gegensätze gibt es bei der sprachlichen Gestaltung des prosahaft dargestellten Wörterbuches. Der Autor schreibt sachlich und spart nicht mit Ironie. So schreibt er zu »Orgie«: »Wie muss es da erst bei den Griechen zugegangen sein, die das Wort nur im Plural kannten (ta ´orgia)?!« (S. 130). Auf diese Weise gelingt sowohl ein Bezug zur Gegenwart als auch ein geschichtlicher Abriss. Die für das jeweilige Wort auf jeweils eine halbe Seite komprimierte Sprachgeschichte wirkt durch die Kürze wie ein Lexikoneintrag, durch die Ausführlichkeit und Prägnanz wird die jahrtausendealte Sprachgeschichte nicht nur vorstellbar, sondern auch zu einem amüsant geschriebenen Geschichtsbuch. Wie das Lexikon der schönen Wörter ist Von Achillesfersen und Trojanern eine Huldigung an die deutsche Sprache, vor allem ihrer Sprachgeschichte und Kultur, und nicht nur für Altphilologen und Germanistikstudenten interessant. Genaues Nachdenken über den Sprachgebrauch garantiert, Rechtschreibfehler in Facebook? Zumindest unwahrscheinlich.

| JENNIFER WARZECHA

Titelangaben
Karl-Wilhelm Weeber: Von Achillesfersen und Trojanern. Wie die Antike im Deutschen fortlebt
Stuttgart: Reclam 2012. 207 Seiten. 19,95 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

West-Ost-Wanderer

Nächster Artikel

Waking Up with Mr.C.

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Gegen das News-Gewitter

Sachbuch | Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens

Gleich vorneweg, in seinem Titel ist das Buch ›Die Kunst des digitalen Lebens. Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern‹ im Mindesten ungenau, vielleicht sogar »fake«. Das Buch hat nur am Rand mit digitalem Leben zu tun. Hauptsächlich geht es um die Nachrichtenflut, die den modernen Menschen überschwemmt und darum, diese Überflutung zu vermeiden. Insofern trifft der zweite Teil des Buchtitels den Inhalt viel besser. Doch da der Autor des Buchs zuvor die sehr lesenswerten Bücher ›Die Kunst des klaren Denkens‹ und ›Die Kunst des klugen Handelns‹ geschrieben hat, so ist der Titel aus Gründen des Marketings als Reihentitel zu verstehen. Dabei ist dieser zweite Teil des Titels inhaltlich richtig überzeugend geworden, findet BASTIAN BUCHTALECK

Wir alle sind Fiktion

Kulturbuch | Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen Schreiben kann ein hochkonzentrierter und selbstvergessener Zustand sein, wenn man es schafft, die innere Zensur zu überlisten. Doris Dörrie scheint eine Meisterin darin zu sein. Ihr neuestes Buch ›Leben, schreiben, atmen‹ klingt wie ein Mantra und verheißt doch eine spannende Schule der Wahrnehmung. Von INGEBORG JAISER

Sechs Worte und eine Jahreszahl

Kulturbuch | Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen Gibt es eine Wirklichkeit hinter Bildern? Die Sehnsucht nach dem unvermittelten Blick ist so alt wie die Menschheit selbst. In seinem heute mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichneten Werk* Der Schatten des Fotografen geht Helmut Lethen der Frage auf einem Streifzug durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart nach. Die Suche nach Realität. Von EVA HENTER-BESTING

Fotografische Zeitreise

Kulturbuch | Thomas Kierok: Hundert Thomas Kierok ist freier Fotograf, Dozent und Buchautor. Schwerpunkt und Leidenschaft: die Porträtfotografie. Die Aneinanderreihung von Porträts aus einhundert Geburtsjahrgängen mag auf den ersten Blick simpel erscheinen, aber die Bilder fesseln und erzählen Bände. BARBARA WEGMANN hat in dem Bildband geblättert.

Liebeserklärung

Kulturbuch | Susanne Lipps: Bücherorte

Sie lieben Bücher? Vorsicht! Dieses könnte Konsequenzen haben: Reisen, Ausflüge, Trips zu Büchermärkten, Besuche in Buchhandlungen oder Bibliotheken, Abstecher zu spannenden Orten, die Bücher beherbergen. Oder zu Orten, die durch spannende Bücher zu etwas ganz Besonderem wurden. Von BARBARA WEGMANN