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Portrait of the President as a young Man

Sachbuch | Oliver Lubrich (Hg.): John F. Kennedy – Unter Deutschen

Vor fünfzig Jahren, im Juni 1963 besuchte US-Präsident John F. Kennedy die Bundesrepublik. Von diesem Besuch ist der Abstecher nach Berlin die denkwürdigste Episode geblieben. Die Reise war der letzte Besuch Kennedys in Deutschland, denn schon im November des selben Jahres wurde er ermordet. Sie war aber keineswegs sein erster Aufenthalt bei uns. Als junger Mann war Kennedy nicht weniger als drei Mal in Deutschland gewesen. Oliver Lubrich hat jetzt die Selbstzeugnisse Kennedys von seinen Reisen 1937, 1939 und 1945 unter dem Titel John F. Kennedy – Unter Deutschen zusammengestellt. Von PETER BLASTENBREI

Oliver Lubrich (Hg.): John F. Kennedy – Unter Deutschen
Was Kennedy an Schriftlichem über diese Besuche hinterlassen hat, ist denkbar ungleichgewichtig. Von der großen Europa-Reise des 20jährigen 1937 gibt es ein Reisetagebuch, von der 1939 gerade einmal vier private Briefe. 1945 hat er einen Bericht ausgearbeitet, halb Tagebuch, halb Reportage, der nie veröffentlicht wurde, aber offensichtlich Grundlage für politische Vorträge gleich nach der Rückkehr war – und damit mittelbar den Weg Kennedys in die Politik ebnete. So heterogen die Quellen sind, die Lubrich aufgetan und veröffentlicht hat (das Tagebuch von 1937 zum ersten Mal), so unterschiedlich sind auch ihre Inhalte.

1937 ging es mit Jugendfreund Lem Billings im mitgebrachten eigenen Auto durch Frankreich und Italien, von da nach Deutschland, nach Belgien, in die Niederlande und schließlich nach Großbritannien. Die Fahrt war eine Mischung aus Bildungs- und Vergnügungsreise, Kontakte zu prominenten Persönlichkeiten wie Kardinal Pacelli, 1939 Papst Pius XII. und Freund der Familie, eingeschlossen. Das Tagebuch handelt dementsprechend von besuchten Sehenswürdigkeiten, von Essen, Trinken und Unterkunft, Preisen und – wie könnte es bei einem 20jährigen anders sein – von dates, Mädchen, mit denen man den Abend verbrachte.

Wenig Interesse für den Nazi-Staat

Die im Tagebuch verstreuten politischen Bemerkungen sind nichts, was man nicht von jedem gebildeten Touristen im krisengeschüttelten Europa erwarten könnte. Allzu deutlich hängen sie von der Lektüre und vom jeweiligen Gesprächspartner ab. Alles andere also als eine »politische Inititation«, wie Herausgeber Lubrich meint (S.25). Nicht einmal ein besonderes Interesse an Hitlers Reich lässt sich nachweisen: Kennedy nahm sich für Deutschland genau eine Woche Zeit gegenüber 24 Tagen für Frankreich. Aus seinen Äußerungen gar Sympathien für das NS-System herauszulesen, wäre fast so unfair wie ein Vergleich mit seinen Landsleuten, die zur selben Zeit gegen Franco kämpften.

Die Reise von 1939 trug dagegen nur teilweise touristischen Charakter. Vater Joseph, seit 1937 Botschafter in London, hatte seinen Sohn auf private Informationen aus den Krisenherden Ostmitteleuropas angesetzt. Um die politische Beobachtungsgabe des jungen Kennedy in dieser Zeit einzuschätzen, sind die Quellen aber zu dürftig. Nur die brenzlige Situation um Danzig beschreibt er ausführlich und kommt zu dem Schluss, Hitler würde keinen Krieg wagen – ein Irrtum, wie wir wissen. Ansonsten wieder viel Privates, gemeinsame Bekannte, eine Tannhäuser-Aufführung, ein Ball beim Herzog von Marlborough. Was er seinem Vater mündlich berichtet haben mag, wir wissen es nicht.

Kennedy-Mythos

Ganz anders steht es mit dem Bericht von 1945. Dieser Text ist schon wegen seiner Stellung in Kennedys Biografie bemerkenswert, zwischen 1944, dem Todesjahr seines für die Politik bestimmten älteren Bruders Joseph junior, und seiner eigenen Wahl in den US-Kongress 1946. Sein Vater sparte weder Mühe noch Geld, um Sohn John anstelle des gefallenen Ältesten zu einer politischen Karriere zu verhelfen und damit letztlich seinen eigenen Traum zu verwirklichen. Darum reiste John F. Kennedy 1945 als Korrespondent der Hearst-Presse zur Unterzeichnung der UN-Charta, zur Parlamentswahl nach Großbritannien und eben im Gefolge von Marineminister Forrestal nach Deutschland.

Der Bericht von 1945 ist daher auch der einzige der hier gesammelten Texte, der früher schon veröffentlicht wurde, 1995 unter dem Titel Prelude to leadership von Deirdre Henderson und Hugh Sidey. Erstaunlicherweise verweist Lubrich auf den ausführlichen Textkommentar dort (S.152), ohne sich selbst inhaltlich weiter darum zu kümmern. Wie überhaupt die Präsentation der Texte durch den Herausgeber, das A und O jeder Edition, über weite Strecken eine simple Paraphrase der Originale darstellt. Lubrich will oder kann seinen Leserinnen und Lesern nicht die notwendige historisch-politische Orientierung zur Einordnung der vorgestellten Texte geben.

Unter Kalten Kriegern

Das auffälligste an diesem letzten Text ist, im Juli 1945, die fast vollständige Ausblendung der Nazigreuel – für Lubrich Anlass zu verschwommenen Überlegungen über die Faszination Hitlers. Wichtiger ist aber, was stattdessen hier zu finden ist: neben allgemeinen Bemerkungen zur Ernährungslage oder dem Interesse des ehemaligen Marineoffiziers Kennedy für deutsche Schiffe der penetrante Antikommunismus, der die Zeilen durchweht. Alles Schlechte kommt von »den Russen«, und ein Krieg mit ihnen (den gegenwärtigen Verbündeten) ist unvermeidbar.

Der junge Kennedy fungiert hier tatsächlich wie ein Verstärker für die Denkmodelle des Kalten Krieges, wie sie damals von Forrestal und Kennedys Gesprächspartnern in Deutschland entwickelt und praktiziert wurden. Und in deren Welt hatte der Krieg gegen die Sowjetunion schon begonnen, lange bevor noch der letzte Schuss im Pazifik gefallen war. Doch all das müssen sich Leser und Leserinnen, die an mehr als am Kennedy-Mythos interessiert sind, selbst erarbeiten.

Was bleibt ist ein durch 71 Abbildungen, darunter vielen Privataufnahmen, und den ungewöhnlichen Großdruck repräsentativ aufgemachtes Buch, ideal also für ein Jubiläum.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Oliver Lubrich (Hg.): John F.Kennedy – Unter Deutschen. Reisetagebücher und Briefe 1937-1945
Deutsch von Carina Tessari
Berlin: Aufbau Verlag 2013
256 Seiten. 22,99 Euro

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