Botschaften fernerer Himmel

Comic | Manuele Fior: Die Übertragung

Im neuen Comicalbum des vielseitigen Künstlers Mauele Fior geht es um den ersten Kontakt der Menschheit mit außerirdischer Intelligenz. Doch statt in den Sternen sucht und findet Fior in Die Übertragung wesentlich mehr Schönheit in den Banalitäten und Verwirrungen des alltäglichen Diesseits. BORIS KUNZ über eine ganz besondere Science Fiction Geschichte.

Uebertragung_Cover_webItalien, in nicht allzu ferner Zukunft: Der Psychologe Raniero ist in seinem Auto (ein altes, noch mit Benzin betriebenes und nicht automatisch gesteuertes Modell) auf dem Weg von der Klinik nach Hause, durch dunkles Land irgendwo zwischen Udine und Triest. Abgelenkt von einer seltsamen Erscheinung am Himmel kommt er von der Straße ab und stolpert nach einem Unfall durch ein Kornfeld, als ihm die Himmelsphänomene erneut begegnen: Seltsame, dreieckige geometrische Muster durchziehen den Himmel. Das ist kein Vogel, kein Flugzeug und auch kein Mann von Krypton; wenn Raniero nicht halluziniert, dann müssen diese Signale aus einer anderen Welt sein. Als rationaler und zurückhaltender Mensch behält Raniero diese Geschichte natürlich erst einmal für sich. Am nächsten Tag bekommt er in der Klinik jedoch eine neue Patientin zugeteilt, eine junge Frau namens Dora, die von ihrer Familie wegen Halluzinationen eingeliefert worden ist. Dora ist überzeugt davon, telepathische Fähigkeiten zu haben und mit Außerirdischen in Kontakt zu stehen, und ihre Halluzinationen beschreiben nun exakt jene Lichtphänomene, derentwegen Raniero in der Nacht zuvor seinen Unfall gebaut hat.

Neue Formen am Horizont

Was sich wie der Plot zu einem Mystery-Thriller anhört, verwandelt sich in den Händen des gefeierten italienischen Comicgenies Manuele Fior in eine vielschichtige, differenziert erzählte Charakterstudie, deren grundlegende Fragestellung man ungefähr so umreißen könnte: Angenommen so etwas wie Telepathie, das wortlose, direkte und unmanipulierbare Verstehen zwischen Menschen wäre möglich: Was für einen Einfluss würde dies auf unser Beziehungsleben haben? Wären wir in der Lage, anders zu lieben als zuvor – oder vielleicht gar nicht mehr?
Dies allerdings sind Überlegungen des Rezensenten und geben daher vielleicht weniger die Essenz der Geschichte wieder, sondern beschreiben, in welche Richtungen die Gedanken beim Lesen dieser eigentümlichen, magischen Erzählung wandern können. Fior selbst vermeidet zu große Eindeutigkeiten und schafft es auf faszinierende Weise, die spannenden Science-Fiction Elemente in einer zarten, zeitlos funktionierenden Liebesgeschichte unterzuordnen: Da ist der alternde Raniero, der ebenso wie sein dauernörgelnder Freund und Kollege Walter eigentlich glaubt, lange genug auf der Welt zu sein, um den Gang der Dinge durchschaut zu haben, und dem durch die Begegnung mit einer jungen Frau neue Horizonte eröffnet werden, auf die er sich nur schwer einlassen kann.
Gekonnt verknüpft Fior dabei die zarte Liebesgeschichte zwischen Raniero und Dora und den Zauber um die außerirdischen Signale mit einer dritten, gesellschaftspolitischen Ebene. Im Jahr 2048, in dem die Geschichte spielt, wenden sich viele junge Menschen der sog. „neuen Konvention“ zu, einer Lebensgemeinschaft, die freien Sex und freie Liebe propagiert und sich von den althergebrachten Werten Ehe und lebenslanger Zweisamkeit mit dem gleichen Unverständnis abwendet, welches ihnen die Generation älterer, verheirateter Männer, zu denen Raniero gehört, wiederum entgegenbringt. Dass eine Science-Fiction Geschichte hier quasi den Wertekonflikt der Hippie-Bewegung nachspielt, wirkt dabei überhaupt nicht altbacken, sondern bringt zur Geltung, dass Entfremdung zwischen den Generationen eine ewige Begleiterscheinung aller modernen Gesellschaften ist. Ein Umstand, den selbst außerirdische Botschaften am Himmel nur schwer ändern können.
So ist die Geschichte von Dora und Raniero weniger eine Lovestory als eine Geschichte über das Aufeinanderprallen von Lebenswelten. Während Dora nicht nur die Lebensweise der »neuen Konvention« oder den Gedanken an Telepathie und Aliens zu akzeptieren bereit ist, und ebenso selbstverständlich auch die sexuelle Anziehung zwischen ihr und Raniero akzeptiert, tut dieser sich damit sehr schwer. Er leugnet, was für alle um ihn herum bald offensichtlich ist, und versucht stattdessen verzweifelt, seine schon lange totgelaufene Ehe noch einmal in Schwung zu bringen. Er will seine Frau wieder für sich gewinnen, die bereits kurz davor steht, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen.

Die Schönheit des Berührbaren

Raniero bleibt dabei als Figur in all seiner Verwirrung, seinen Zweifeln und seiner Verstocktheit immer nachvollziehbar. Fior stellt sich nicht über seine Figuren, sondern lässt uns mit vielen kleinen Kunstgriffen an ihrer Gefühlswelt teilhaben, zeigt uns die kurzen, zärtlichen Blicke die Raniero seiner Frau zuwirft, als sie sich neben ihm auszieht, und lässt uns so sein Sehnen verstehen. In der grafischen Gestaltung schreckt Fior nicht davor zurück, seinen Figuren sehr markante Züge zu verleihen (wie etwa die gewaltige Nase, die Doras Gesichtszüge dominiert), diese beinahe zur Hässlichkeit zu übersteigern, um dann jenseits aller Perfektion wieder Schönheit in den Körpern und Gesichtern zu entdecken.
Üblicherweise hat Fior für jede seiner Arbeiten einen neuen stilistischen Ansatz parat. Hier verzichtet er gänzlich auf Farbe, lässt die Zeichnungen über weite Strecken ihre Nähe zum Skizzenhaften behalten, arbeitet dabei aber sehr viel mit Grauschattierungen und kontrastiert diese eher grobe Ausgestaltung in besonderen Szenen mit weicher, filigraner Ausarbeitung von Oberflächen. Auf diese Weise lässt er Landschaftsporträts entstehen oder Doras nackten Körper – in den wenigen Momenten, in denen wir ihn zu sehen bekommen – beinahe schon fotorealistisch erscheinen. Als dritte grafische Ebene kommen die Dreiecks- und Rautenmuster der Außeririschen hinzu, die auch in der Architektur oder den Mustern auf Doras Kleidung nach und nach Einzug in die Geschichte halten. Dafür hat sich Fior bei der Grafikerin Anne-Lise Vernejoul Unterstützung geholt – eine kluge Entscheidung, um andere Welten in das eigene grafische Universum zu holen.
Die Übertragung ist eine gut durchkomponierte Geschichte, die sehr stimmungsvoll erzählt ist, mit ihren Science-Fiction Elementen sehr zurückhaltend umgeht und dem Leser zwischen den Zeilen viel Raum zur Beobachtung und eigenen Überlegungen lässt. Dem ein oder anderen mag er damit womöglich zu viel Eigenarbeit zumuten. Trotzdem ist es Fior mit diesem Comic gelungen, seinen Ruf als souveräner Meister der grafischen Erzählung in jeder Hinsicht zu zementieren.

Titelangaben
Manuele Fior (Text und Zeichnungen): Die Übertragung ( L`Entrevue)
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg
Berlin: avant-verlag 2013, 176 Seiten, 24,95 €

Reinschauen
Homepage von Manuele Fior
Der Einfluss der Grafikerin Anne-Lise Vernejoul

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