Jungenphantasien in einem erwachsen gewordenen Medium

Comic | Daniel Clowes: Der Todesstrahl

Kann es bei all den postmodernen Superheldengeschichten der letzten Zeit (Kick Ass, Superior, den wiederbelebten Watchmen etc.) überhaupt noch möglich sein, einen weiteren originellen Ansatz zu finden, von Superhelden im wirklichen Leben zu erzählen? BORIS KUNZ hat mit Staunen festgestellt, dass es dem vielseitigen Comic-Künstler Daniel Clowes tatsächlich gelungen ist.

Daniel Clowes: Der Todesstrahl
Nach dieser Einleitung sollte man vielleicht zwei Dinge erwähnen: Zum einen ist Der Todesstrahl nun nicht unbedingt das brandneuste Werk von Clowes. Es erschien in den USA bereits 2004 zum ersten Mal in einer Heftausgabe und hat nun endlich den Weg über den großen Teich gefunden. Zum anderen handelt es sich dabei nur sehr bedingt um eine klassische Superheldengeschichte – und ist gerade darin vielleicht das Konsequenteste, was das Medium Comic unter der Prämisse »Was, wenn es Superkräfte wirklich gäbe« bislang hervorgebracht hat.

Der Superheld als tragischer Spießer

Auf den ersten Seiten lernen wir zunächst Andy kennen, einen recht unscheinbaren, offenbar einsamen, vergrämten Spießbürger, der seinen Hund Gassi führt und sich über die Schlechtigkeit seiner Mitmenschen aufregt – und dabei sehr stark an Wilson erinnert, eine andere eindrucksvolle Comicgestalt von Daniel Clowes. Andy wendet sich dabei unmittelbar an den Leser, den er in langen Monologen, in denen er über sein Leben referiert, direkt anspricht. Und so öffnet er uns ein Fenster in seine Jugend in den 70er Jahren: Andy ist kurz vor seinem 18. Geburtstag, lebt als Waisenkind bei seinem immer seniler werdenden Großvater, gilt auf der High-School als langweiliger Außenseiter und hat eigentlich nur einen richtigen Freund: Louie, ein bebrillter Sonderling mit Schnurbartflaum, der an der Schule ein noch größerer Außenseiter ist als Andy selbst. Die beiden schlagen sich durchs Leben, halten den Ball flach und hadern in lässigem Tonfall mit ihrem Schicksal. Immerhin hat Andy eine Freundin, auch wenn diese in einem anderen Bundesstaat wohnt, seine Briefe immer seltener beantwortet und noch niemals Sex mit ihm hatte.

Die Lage ändert sich drastisch, als Andy von Louie dazu verführt wird, zum ersten Mal eine Kippe zu rauchen. Bald darauf stellt Andy eigenartige körperliche Veränderungen an sich fest, die weit über das hinausgehen, was einem in der Pubertät so widerfährt, und die höchstens einem Peter Parker nicht äußerst seltsam vorkommen würden: Andy birst beinahe vor Energie und fühlt Superkräfte in sich. Zwar kann er nicht über Hochhäuser springen oder Stahlträger verbiegen, doch er scheint schneller und stärker zu sein, als es normalen Menschen möglich ist. Bald darauf erfährt Andy, dass er diesen Umstand dem Erbe seines längst verstorbenen Vaters, eines Wissenschaftlers, zu verdanken hat. »Als ich klein war, gab er mir Hormone, die durch das Nikotin aktiviert werden sollten, sobald ich mit dem Rauchen anfing. Er dachte, das würde schon mit 13 statt mit 17 passieren. Ich vermute, er war als Kind ein Schwächling und wollte verhindern, dass ich auch einer werde

Bald wird Andy feststellen, dass er noch eine zweite, brisante Erbschaft von seinem Vater gemacht hat: Der titelgebende Todesstrahl, eine Waffe, mit der es möglich ist, Gegenstände, Tiere und auch Menschen in Nichts aufzulösen. Sie verschwinden buchstäblich spurlos aus der Welt – also das perfekte Mordwerkzeug. Spätestens hier wird klar, dass Clowes Superkräfte und Superwaffen sehr radikal als das darstellt, was sie vermutlich auch sind: Pubertäre Machtphantasien. Welcher Teenager hat sich nicht schon gefragt, wie das eigene Leben aussehen würde, wäre man stärker und besser als all seine Mitschüler, oder hätte man eine Zauberwaffe, mit der man loswerden kann, wer einem nicht passt.

Der Todesstrahl erzählt davon, wie Andy nun versucht, mit diesen Fähigkeiten umzugehen – und dass das in der Wirklichkeit noch weitaus komplizierter ist als in den ohnehin schon nicht unkomplizierten Superheldenuniversen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, durch die Gegend zu rennen und Leute zum Verprügeln aufzutun, die das auch wirklich verdient haben – besonders dann nicht, wenn man noch nicht volljährig ist, kein ordentliches Kostüm hat und jederzeit von der Haushälterin seines Großvaters erwischt werden könnte.

Ein Glück, dass Andy da noch immer seinen Freund Louis hat, der einerseits Stunk mit einem Rowdy aus der High-School anzettelt und somit Situationen provoziert, in denen Andy sich als Held bewähren kann, und andererseits verspricht, stets dafür zu sorgen, dass Andy nicht abhebt sondern immer der Kerl bleibt, der er jetzt ist. Liebevoll und anrührend, aber trotzdem schonungslos und bitter erzählt Clowes das Drama dieses Heldenduos, in dem die Dynamik zwischen Superheld und Sidekick genau umgekehrt ist: Andy hat zwar die Superkräfte, aber eigentlich ist es Louis, der vorgibt, was Andy damit anzustellen hat.

Pop Art goes Art again

Im Kern ist Der Todesstrahl ein sorgfältig erzähltes Coming of Age Drama, in dem außer Andys eigenartigen Kräften und seiner Waffe nichts vorkommt, was den Rahmen des Realismus sprengt. Auch in der Ausgestaltung bleiben die wenigen Panels, in denen Andy (und auch Louis) wahrhaftig als überzeugende Superhelden in Action gezeigt werden, kleine Phantasiesequenzen, in der typische Gesten und Posen der Superhelden als die leeren Posen entlarvt werden, die sie sind.

Wie gewohnt zeigt sich Clowes als jemand, der Sprache und Syntax von Comics sehr genau kennt und sie als Phrasen verwendet, die er mit völlig anderem Inhalt füllt, als man es als Leser gewohnt ist. Zeichenstil und Panelgröße sind Variablen, mit denen er immer wieder klassische Superheldencomics oder Zeitungsstrips imitiert, sie aber nur als Stilmittel dazu verwendet, um in kühnen inhaltlichen Sprüngen und Pirouetten eine durchgehende Geschichte mit stimmigen Figuren erzählen zu können. Clowes nutzt dabei den Raum großformatiger, an alte Zeitungen und Magazine erinnernde Seiten, um eine Menge kleinteiliger Panels unterzubringen, die er teilweise knallbunt, teilweise einfarbig, aber immer in flächigen Primärfarben koloriert. Dabei setzt er auch die Farbigkeit eher als Mittel der Verfremdung denn als Mittel des Realismus ein – und bleibt dabei dennoch erstaunlich bodenständig in seinem Sujet.

Ähnlich wie Chris Ware (Jimmy Corrigan) hat Daniel Clowes damit die Bilderwelten und Stilmittel der Comics den postmodernen Verfremdungskünstlern der Pop Art wie Roy Liechtenstein wieder weggenommen und dem Medium Comic als neues Gestaltungsmittel zurückgegeben – wobei diese natürlich ihre naive Unschuld verloren haben, ganz wie die Protagonisten seiner Geschichte. Natürlich hat es auch eine schwarzhumorige, satirische Ebene, wenn man mit solch überstilisierten Mitteln davon erzählt, wie ungevögelte Teenager mit 70er-Jahre-Frisuren sich zu Herren über Gut und Böse aufspielen, doch ganz ähnlich wie das im Film Lars von Trier mit Dogville gelungen ist, schafft auch Clowes letztlich durch die Abstraktion und Künstlichkeit der Mittel eine Konzentration auf die Figuren, die man in der Geschichte jederzeit ernst nehmen kann. Damit bleibt trotz aller Abgefahrenheit am Ende eine zu Herzen gehende, tragische Geschichte um eine fatale Jungenfreundschaft.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Daniel Clowes: Der Todesstrahl ( The Death-Ray)
Aus dem Amerikanischen von Tina Hohl und Heinrich Anders
Berlin: Reprodukt 2013, 48 Seiten, 20 €

Reinschauen
Leseprobe
Homepage von Daniel Clowes

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