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»Fort, fort von zu Hause«

Jugendbuch | Jurga Vilé: Sibiro Haiku

Der dreizehnjährige Algis, genannt Algiukas, aus Litauen wird 1941 mit seiner Mutter und seiner Schwester in ein sibirisches Lager gebracht. In einer Graphic Novel berichtet seine Tochter von dieser wahren Geschichte. Von ANDREA WANNER

Sibiro HaikuEs gibt eine Menge Hintergrundswissen, über das man verfügen kann und das junge Leserinnen und Leser vermutlich nicht besitzen. Da ist zum einen die Geschichte Litauens. Einem Land, das bis 1917 Teil des russischen Kaiserreichs war und 1918 die Unabhängigkeit erlangte. 1940 rückte die Rote Armee ein und deportierte Gegner und vermeintliche Gegner. Damals wurde die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik begründet, die bis zur Erklärung der litauischen Unabhängigkeit 1990 eine der sozialistischen Sowjetrepubliken war. Von 1941 bis 1944 war Litauen von der Wehrmacht besetzt und alle, die angeblich mit den Nationalsozialisten kollaborierten, wurden ebenfalls deportiert.

Dann gibt es das Wissen um die Arbeits- und Strafgefangenenlager der UdSSR. Das Hauptwerk des russischen Schriftstellers und Dissidenten Alexander Solschenizyns Archipel GULAG hat das System dieser über die ganze Sowjetunion verteilten Lager, in denen Menschen unterdrückt und unter unmenschlichen Bedingungen leben und arbeiten mussten, zum Inhalt. Sibirien wurde dadurch seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Synonym für Verbannung.

Und dann sollte man eigentlich noch wissen, was ein Haiku ist. Die traditionelle japanische Gedichtform, die weltweit als die kürzeste gilt, ist aber nun sicherlich auch nicht jedem und jeder vertraut.

Und dann kennt man das alles nicht, schlägt dieses Buch auf und lässt sich in eine Geschichte ziehen, die wahr ist und die vom ersten Wort ab berührt. 1941 wird die Familie des 13jährigen Algis eines Morgens von Soldaten geweckt. Sie müssen ihr Haus verlassen. Er, seine ältere Schwester Dalia und die Mutter werden vom Vater, dem Ortsvorsteher des Dorfes getrennt, und landen zusammen mit anderen in einem sibirischen Lager. Viele werden es nicht überleben, die anderen alle ihre Kraft und Zuversicht mobilisieren müssen, um nicht daran zu zerbrechen.

Das ist eine wahre Geschichte. Algis gab es wirklich. Jurga Vilé, Jahrgang 1977, ist Algis Tochter und erzählt seine Geschichte als Graphic Novel. Eine knappe, poetische Sprache, die dem Haiku sehr nahe kommt, fasst in Worte, was eigentlich nicht erzählt werden kann. Ohne das litauische Original zu verstehen, muss man Saskia Drude für die Übersetzungsleistung gratulieren: sie ist grandios. So wie die Bilder, die sich Lina Itagaki für das entsetzliche Grauen einfallen lässt. Sie machen es aushaltbar, ohne zu verharmlosen. Sie erzählen so, dass Jugendliche von heute verstehen können. Wie entsetzlich es wahr, wie unmenschlich. Und wie man es dennoch aushalten konnte. Miteinander. Mit Musik, mit Sprache, mit Fantasie.

Es ist ein unbeschreibliches Buch, das mit vielen klugen Kunstgriffen arbeitet. Der erste: die Geschichte beginnt damit, wie Algis und seine Schwester im »Zug der Waisen« zurück nach Litauen gebracht werden. Sie haben das Schreckliche überlebt. Aber die Geister der Verstorbenen sind mit im Zug. Sie gehören dazu und werden all diejenigen, die mit dem Leben davongekommen sind, für immer begleiten.

Es ist ein Buch über furchtbares Unrecht, das Menschen von Menschen angetan wurde, aber auch ein Buch darüber, wie Menschen einander nahekommen. Und das alles fassen knappe Worte und Bilder in monochromen Braun- und Rosatönen zusammen, die je nach Situation auch sehr dunkel und ganz schwarz werden können.

Algis ist ein aufmerksamer Beobachter, der seine Familie liebt, seine Tante, die Lehrerin und Veronika. Nicht alle wird er nach der Zeit in Sibirien wiedersehen.

Jurga Vilé und Lina Itagaki ist ein kleines Meisterwerk gelungen, das den Lageralltag lebendig werden lässt und das Unvorstellbare verständlich macht. Und mehr mag man zu diesem ergreifenden Buch einfach nicht sagen. Einfach unbedingt lesen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jurga Vilé: Sibiro Haiku
Eine Graphic Novel aus Litauen
Illustriert von Lina Itagaki
Aus dem Litauischen und mit einem Nachwort von Saskia Drude
Basel: Baobab 2020
242 Seiten, 25 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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