Untot am Hindukusch

in Comic

Comic | Ennis/Wolfer: Stitched Band 1: Die lebenden Toten

Garth Ennis hat es wieder getan. Diesmal frönt er seiner dritten Leidenschaft nach Rachephantasien und Religionskritik: Soldatengeschichten. In Stitched lässt er eine Truppe ISAF-Soldaten in Afghanistan auf grausige Untote treffen. Was sich nach politisch unkorrektem, spaßigem Splatter anhört, ist zwar auch Splatter, nimmt sich dabei aber überraschend ernst und scheut jede Satire. BORIS KUNZ über einen Comic, über den man sich weder richtig freuen noch richtig aufregen kann.

STITCHED 1Eigentlich wollte Garth Ennis sich als Filmregisseur versuchen und hat zu diesem Zweck ein Drehbuch geschrieben, in dem er einen klassischen Horrorfilm-Plot recht gelungen mit dem eines Kriegsfilms verknüpft. Während er den ersten Akt des Drehbuchs als Kurzfilm umsetzte, hat sich der langjährige Zeichner von Horror Comics, Mike Wolfer, einer Comicadaption angenommen. Die Comicreihe von Avatar-Press wird bereits von Wolfer fortgesetzt, während der Autor dieser Zeilen vermutet, dass es eher fraglich ist, ob aus Ennis‘ Kurzfilm jemals ein Langfilm wird. Wer sich also ein Bild davon machen möchte, wie der Ausflug des Preacher-Autoren in das Filmbusiness ausgesehen haben könnte, dem ist die bei Panini erschienene, deutsche Ausgabe von Stitched zu empfehlen.

Black Hawk Down

Auf der einen Seite sind die Soldaten: Eine nur noch aus drei britischen Soldaten bestehende Einheit ist im Osten von Afghanistan im Feindesland eingeschlossen. Der amerikanische Helikopter Idaho Six hat die Mission, sie da herauszuholen. Doch der Blackhawk stürzt ab und lässt nur drei weitere Überlebende zurück: Zwei Frauen und einen verwundeten schwarzen Piloten. Während die Engländer allesamt harte weiße Jungs sind, sorgen die Amerikaner damit also für eine ausgeglichene Frauen- und Hautfarbenquote. Für eine Kriegsgeschichte vielleicht eine etwas ungewöhnliche Zusammenstellung, scheint dieses Personal doch gut geeignet zu sein für einen Horrorfilm. Das hätte ihnen ja schon das erste Warnsignal sein können.

Bald kommt es Knüppeldick: Die Truppe stößt auf einen Haufen brutal abgeschlachteter Afghanen. Ihre Innereien liegen dekorativ verstreut auf den kargen Felsen und stimmen den Leser auf die zu erwartenden Splattermomente ein. Das völlige Fehlen von Patronenhülsen oder Brandspuren dagegen macht klar, dass die Toten kaum das Opfer von Drohnen oder einem Feuergefecht geworden sein können. Es dauert nicht mehr lange, bis man auf die Urheber des Massakers und damit die Gegenseite dieser Kriegsgeschichte stößt: In Sackleinen gekleidete, unkaputtbare und mit Bärenkräften und fiesen Klingen ausgestattete Untote, die nicht einmal dann inne halten, wenn man ihnen eine Kugel direkt in den Kopf jagt. Doch glücklicherweise haben auch diese ansonsten unbesiegbaren Ungeheuer einen eingebauten Aus-Knopf: Jeder Trupp dieser »Stitches« (wegen ihren zugenähten Augen und Mündern so benannt) wird von einem schwarzen Priester begleitet, der eine kleine mit Sand gefüllte Dose an einer Kette durch die Luft kreisen lässt wie einen Weihrauchschwenker. Können die Untoten das Geräusch dieser Dose nicht länger hören, erstarren sie zu völliger Bewegungslosigkeit.

Die schwarzen Priester wiederum, so wird sich bald herausstellen, haben diese Zombies nicht etwa als Kriegswaffe gegen die alliierten Truppen in ihr untotes Leben gerufen, sondern im Auftrag eines Sklavenhändlerrings, der durch das afghanische Hinterland zieht und die Dörfer ausplündert. Frauen und Mädchen werden in die Zwangsprostitution verkauft, die Männer verstärken die Zombie-Armee.

Mit diesem Kniff ist Garth Ennis natürlich ein wunderbares Feindbild gelungen, gegen das er seine Soldaten in den Kampf schicken kann. Zum einen muss man anerkennen, dass diese Variation des alten Zombie-Mythos (die sogar recht nahe an dessen Wurzeln liegt) optisch etwas her macht. Die zugenähten Visagen in den grauen Umhängen geben gemeinsam mit den Unheil verkündenden Blechdosen originelle Ikonen des Bösen ab, die nach der Lektüre noch eine Weile in Erinnerung bleiben. Zum anderen begibt sich der Autor auf die sichere Seite: Es geht nicht gegen die Taliban, nicht gegen Al Kaida, nicht gegen die afghanische Zivilbevölkerung, die ebenfalls unter den »Zugenähten« leiden. Auf diese Weise kann man eine schnörkellose Kriegsgeschichte erzählen, die sich nicht mit politischer Korrektheit herumschlagen muss und völlig darauf verzichten kann, sich auch nur pro Forma darauf einzulassen, die Hintergründe des Krieges in Afghanistan in irgendeiner Weise zu beleuchten oder zu hinterfragen. Ennis kann sich leisten, was sich Kriegsfilme heute eigentlich nicht mehr leisten können: Er kann in Gut und Böse, schwarz und weiß erzählen. Und das bar jeder Ironie.

Behind Enemy Lines

Das nutzt Ennis aus, um seinen Soldaten eine klassische Heldengeschichte zu stricken. Erst will die zusammengewürfelte Truppe, abgeschnitten von Wasser, Vorräten und Kommunikationsmitteln, noch dazu mit einem Verletzten an der Backe, nur möglichst schnell einen Vorposten der Zivilisation erreichen, um Hilfe rufen zu können. Doch als sie dabei nach und nach dem grausigen Geheimnis der Sklavenhändler auf die Spur kommen, stehen sie natürlich bald vor der Entscheidung, entweder zu versuchen, ihr Leben zu retten, oder selbiges dafür aufs Spiel zu setzen, die Welt von diesen Ungeheuern in menschlicher Gestalt zu befreien. Und weil Ennis für so einen Westernshowdown sein sehr beschränktes Personal an guten Soldaten nicht zu schnell dezimieren darf, tauchen auf dem Weg dahin noch eine Reihe unbedeutender Nebenfiguren auf, über die die Zombies herfallen und sie buchstäblich in der Luft zerreißen können. Für Blut und Schockmomente ist damit in ausreichendem Maße gesorgt. Davon abgesehen wendet Ennis viel Zeit dafür auf, seinen Soldaten Leben und Tiefe einzuhauchen.

Dabei geht es um die üblichen Probleme: Welcher Soldat beweist unter Druck Mut oder Führungsqualitäten, wer kommt an seine Grenzen? Wer hat ein Problem mit Autoritäten, wer ist zu leichtsinnig, wer muss erst seine Angst überwinden? Und wie geht man mit dem Tod eines gefallenen Kameraden um? Über solche Dinge lässt der Autor seine Figuren in gekonnt geschriebenen Dialogen reflektieren, und so bleibt man als Leser bei der Truppe und folgt ihnen ins Gefecht. Irgendwann unterwegs aber stellt man fest, dass dabei nicht nur ein Haufen Afghanen auf der Strecke geblieben sind, sondern noch etwas anderes, was man von Garth Ennis eigentlich auch immer erwartet: der schwarze Humor. Natürlich haben die Soldaten manchmal ein paar derbe Sprüche auf den Lippen, und es gibt sogar eine Szene, in der einer von ihnen ausgerechnet beim Kacken von den Feinden attackiert wird, aber das war es auch schon. Ausgerechnet in einem der explizit blutigsten Ennis-Comics (und das will etwas heißen) ist kaum eine Spur seines hinterhältigen, abgründigen Humors zu finden. Wem dieser Humor in der letzten Zeit zu pubertär war, für den mag dies eine gute Neuigkeit sein, doch irgendwie will diese trockene Ernsthaftigkeit nicht ganz passen. Der Splatter ist blutig, aber nicht so übersteigert, dass er schon wieder lächerlich wäre. Es geht mit großen Ernst zur Sache und die Helden sind öfter mit ausgewogenen taktischen Überlegungen beschäftigt als mit Sprücheklopfen. Ennis nimmt das Handwerk seiner Protagonisten, ja das ganze Kriegsgenre so ernst, dass er aus dem Blick verloren zu haben scheint, dass die Prämisse »Zombies im Afghanistankrieg« sich ähnlich trashig anhört wie Abraham Lincoln, Vampire Hunter.

Apropos Trash: Der im Internet zu findende Trailer zu Ennis‘ Kurzfilm lässt vermuten, dass der Comic an dieser Stelle die bessere Wahl ist – auch wenn es sich in diesem Fall ja um eine Drehbuchadaption handelt. Die Zeichnungen von Mike Wolfer zeichnen sich zwar nicht durch einen besonders originellen Stil aus, sondern liegen irgendwo zwischen Jacen Burrows und Avatar-Press-Dutzendware, aber sie sind solide und hochwertig ausgeführt. Besondere Freude scheint Wolfer nicht nur an den Untoten sondern auch an herumfliegenden Gedärmen und herausgerissenen Körperteilen zu haben. Auch die Landschaften und Figuren sehen in ihrer gezeichneten Form nicht so sehr nach Low Budget aus, wie die eher enttäuschenden Bilder aus dem Kurzfilmtrailer. Ob Ennis damit also wie geplant seine Langfilmfinanzierung wird stemmen können, bleibt fraglich. Aber seinen Fans bleibt immerhin dieses Comicalbum – auch wenn es nicht jeden glücklich machen wird.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Garth Ennis (Orignial-Story), Mike Wolfer (Text & Zeichnungen): Stitched Band 1: Die lebenden Toten (Stitched 1)
Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Althoff
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 180 Seiten, 19,95 €

Reinschauen
Leseprobe
Homepage des Kurzfilms
Homepage von Mike Wolfer

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