Unsicherheit garantiert

in Jugendbuch

Jugendbuch | Ulrike Renk: Liebe ist keine Primzahl

Sicheren Boden unter den Füßen haben, sich sicher sein, in Sicherheit wissen und das ständig, wer wünscht sich das nicht? Leider sind das Kinderträume. Das merkt man zuerst und dann unerwartet schmerzlich in der Pubertät. Da wird klar, dass das Leben, wenn schon nichts anderes, zumindest Unsicherheit garantiert. Wie man mit dieser Erfahrung zurechtkommt, zeigt Ulrike Renk in ihrem ersten Roman für Jugendliche ›Liebe ist keine Primzahl‹. Von MAGALI HEISSLER

Liebe ist keine PrimzahlNessie – Vanessa – hält sich an Zahlen. Tage, Monate, ganze Jahre in Stunden, Minuten oder Sekunden umzurechnen schafft sie in Blitzesschnelle. Es hat etwas Beruhigendes. Ein bisschen wie ein Mantra. Zahlen sind solide, daran kann man sich halten. Nichts Böses verbirgt sich hinter ihnen, egal, wie man sie anschaut, sie bleiben, was sie sind. Das, was in Nessies Leben geschehen ist, ist das genaue Gegenteil.
Nessie lebt mit ihrem Vater in Krefeld. Sie sind aus Berlin hierhergezogen. Berlin gehört zu den Dingen, an die Nessie nicht gern denkt. Aber was früher war, hat auch nichts mit ihrem neuen Leben zu tun. Nichts mit Kim, der allerbesten Freundin. Oder deren Mutter Maria, bei der Nessie sich aufgenommen fühlt. Und schon gar nichts mit Lukas, dem coolsten Jungen der Schule, der doch tatsächlich zwei Worte an sie gerichtet hat. Das muss doch etwas bedeuten!
Doch dann steht ein Kurz-Besuch in Berlin an. Danach geht in ihrem Leben alles durcheinander. Kim hat sich mit Lukas getroffen, Nessies Vater und Kims Mutter sind auf einmal mehr als nur Bekannte und der Loser aus ihrer Klasse, Finn, möchte, dass sie mit ihm beim Mathematik-Projekt zusammenarbeitet. Das würde genügen, um die stärksten Teenagernerven zu erschüttern. Nessie aber hat noch dazu ein Geheimnis, eine faustdicke Lüge nämlich. Der muss sie sich stellen. Da helfen auch Zahlen nicht mehr.

Versteckspiele

Nessies Geschichte wird von ihr selbst präsentiert, in einer äußerst gelungenen Mischung aus Teenager-Slang und modernem Schriftdeutsch, die sich alles gönnt, was der Duden erlaubt und moderne Kommunikationsmittel vom Handy bis Facebook an sprachlich Entzückendem wie Grausigem hervorschießen lassen. Schon die Sprache gehört also zu den Versteckspielen, die hier getrieben werden. Was nämlich als putzmunterer Teenagerroman daherkommt, ist keineswegs eine oberflächliche Liebeskomödie mit gemütlich traurigen Einlagen, die man vergessen hat, kaum dass man das letzte Wort gelesen hat. Nessies Geschichte reicht tiefer. Ganz locker landet die Leserin unversehens bei einem traumatisierten jungen Mädchen, das die Beziehungen zu Menschen in ihrem Leben neu sortieren muss. Vor allem aber muss sie lernen, neues Vertrauen zu fassen.
Renk gelingt die schwierige Kunst, sowohl die normalen Probleme von Teenagern als auch den besonderen Schrecken, den Nessie durchmachen musste, durchgängig zu parallelisieren. Das Ergebnis ist eine quicklebendige und sehr lebensechte Teenagerfigur, mit all den wechselhaften Stimmungen, Irrationalitäten und Stacheln, die man in dem Alter zeigen kann. Nessies traurige Familiengeschichte verstärkt die Probleme, hilft ihr durch ein damit zusammenhängendes Außenseitertum aber auch, Distanz zu gewinnen.

Versteckspiel gibt es auch in der Handlung viele. Alle verbergen etwas, die beste Freundin, der Vater, Kims Mutter. Vor allem verstecken sich die Figuren vor sich selbst. Es geht um Ehrlichkeit hier. Die Lösung der Rätsel entspricht wiederum der allmählichen Erkenntnis der Protagonistin, wie komplex das Leben ist und wie wenig planbar. Damit wird auch die Lektüre vielschichtiger, als man zunächst annimmt.

Wieder ›Alles auf Anfang‹

Die Geschichte wartet mit einer bunten und im Verlauf immer spannender werdenden Handlung auf. Nichts von all den Verwicklungen des Teenagerlebens, vom lustvollen Shoppen über hundsgemeine elterliche Erziehungsmaßnahmen bis hin zu den grässlichsten Treubrüchen von Freunden im Facebookchat wird ausgelassen. Eifersucht, Wut, Trotz, überschwängliche Freundschaftsgefühle, alles wird ausgelebt.
Dabei gerät das Ganze hin und wieder zu gesprächig, wird zu viel zu detailliert geschildert. Da hätte die Autorin getrost an die Fantasie und die Fähigkeit ihrer Leserinnen appellieren dürfen, selbst auszumalen und zu ergänzen. Bedient werden sie schließlich oft genug. Allerdings bleibt selbst dabei der Blick aufs Ganze gewahrt. Was auch geschieht passt zur Charakterisierung und zum Handlungsverkauf, nichts ist nur Dekoration.

Gelungen ist überdies, dass sich nicht nur Nessie, sondern auch die Personen, die ihr nahe stehen, entwickeln. Am Ende sind sie wieder bei ›Alles auf Anfang‹, wie Nessies geliebte Judith Holofernes singt. Das gilt für die Erwachsenen, wie für die Teenager. Alle Beziehungen sind wie neu. Die Freundschaft zwischen Kim und Nessie, die Beziehungen zu den Eltern und zu dem neuen Paar, das aus den jeweiligen Elternteilen geworden ist. Neue Beziehungen wurden geknüpft. Loslassen, neu beginnen, die Welt annehmen und ihre vielen Möglichkeiten entdecken sind die Themen im zweiten Teil des Buchs. Was könnte wichtiger sein für Fünfzehnjährige?

Gelungen ist auch die Ausstattung des Buchs, besonders das einfallsreiche und liebevolle Layout. Es passt zu der Wärme, die die Geschichte ausstrahlt, etwas, das selten geworden ist im zeitgenössischen Jugendbuch, vor allem, wenn es ein wenig leicht daherkommt. Leichtigkeit und Wärme ändern aber nichts daran, dass am Ende die Ungewissheit wartet auf Nessie. Sie ermöglichen es ihr aber, der Ungewissheit mutig entgegenzugehen. Auch was sich nicht berechnen lässt, kann man auf sich nehmen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Ulrike Renk: Liebe ist keine Primzahl
Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014
305 Seiten, 14,95 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren

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