Hacking Is Our Weapon!

in Digitale Spiele

Digitale Spiele | Watch_Dogs

Mit Watch_Dogs hat der Publisher Ubisoft (Assassins Creed, Far Cry) 2012 ein Spiel in den Next-Gen-Konsolenkrieg geschickt, das scheinbar perfekt auf den aktuellen Zeitgeist zugeschnitten war. Doch der Launchtermin des heiß ersehnten Titels wurde immer wieder verschoben, es kamen sogar Gerüchte auf, der Titel würde überhaupt nicht mehr erscheinen. Zwei Jahre sind vergangen, Frieden ist eingekehrt und Watch_Dogs traut sich endlich an die Öffentlichkeit. Ob sich das Warten wirklich gelohnt hat, verrät CLAS DÖRRIES.

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Ade, guter alter Raubüberfall

Das waren noch Zeiten. Man nahm seine altbewährte Schrotflinte aus dem Schrank, zog sich eine Strumpfhose über das Gesicht und ging in den nächsten Supermarkt oder in die Bank um die Ecke. Da wedelte man ein wenig mit der Waffe vor der Nase des Angestellten und »Zack« war man um ein paar Moneten und eine wilde Verfolgungsjagd mit den aufdringlichen Bullen reicher. Doch das ist nun vorbei. Der Gangster von heute hackt sich mit dem Smartphone in Geldautomaten – oder direkt in die Bankkonten Ahnungsloser – und transferiert einfach die digitalen Dollarscheine auf sein eigenes Konto. Natürlich geschieht das über drei, vier Zweigstellen und Schattenkonten, um keine virtuellen Spuren zu hinterlassen.

So zumindest stellt sich Ubisoft den neusten Trend des elektronischen Raubüberfalls vor. Watch_Dogs spielt in einem fiktiven Chicago und handelt vom irisch-amerikanischen Grey-Hat Hacker Aiden Pearce, der bei einem größeren Hackingversuch erwischt wird und seither auf der Abschussliste einer mysteriösen Person gelandet ist. Als es zu einem Attentat auf ihn kommen soll, läuft etwas schief und nicht Aiden, sondern seine Nichte wird getötet. So viel zum Prolog, der nicht gerade ein Beispiel blühender Kreativität darstellt – aber das Rachemotiv hat sich schon immer bewährt; wir bleiben unvoreingenommen.

Neun Monate später setzt die Handlung erneut ein. Gerade dann, als Aiden den Attentäter während eines Footballspiels in den Kellerräumen des Stadions stellen kann. Besonders gesprächig ist der leider nicht, also schlagen wir ihn K.O. und durchforsten mithilfe unseres klugen Telefons sein Handy, um uns die letzten Tonspuren anzuhören. Zufällig geben die uns einen Hinweis auf den Auftraggeber. Ehe wir uns freuen können, müssen wir verschwinden. Die Polizei ist im Anmarsch. Schon im nächsten Raum begegnen uns zwei Polizisten, an denen wir uns vorbeischleichen müssen. Ja, schleichen, denn unser Gegenspieler hat freundlicherweise aus Sicherheitsgründen die Munition an sich genommen. Da die beiden Beamten aber nicht die hellsten Leuchten der Polizeiwache zu sein scheinen, gestaltet sich das Vorbeikommen nicht allzu schwierig. Nun noch schnell durch die Tür gehackt und ab ins benachbarte Zimmer. Der hier positionierte Kollege ist schon etwas aufmerksamer. Zum Ablenken manipulieren wir via Handy ein Gerät, das Geräusche von sich gibt. Alles kein Problem, schließlich müssen wir zum Hacken nur die Dreieck-Taste drücken. Um durch die nächste Tür zu gelangen, bedarf es etwas mehr Taktik. Wir können das Sicherheitsschloss nicht sehen, sodass wir eine umstehende Kamera hacken müssen. Durch die haben wir die perfekte Sicht durch eine Öffnung auf die Kamera hinter der Wand, die wir nun – wer hätte das erwartet? – hacken. Jetzt erblicken wir auch den verdammten Schaltkasten für die Tür, vor der wir noch immer stehen. Als Hilfestellung wird uns zudem der Verlauf der Kabel innerhalb der Wände angezeigt. Endlich aus dem Keller raus, müssen wir das ganze Stadion verdunkeln. Also: Kamera, Kamera, Kamera, zum Schluss überlasten wir die Stromzufuhr und bringen sie so zum Explodieren. Das Licht ist aus, wir geh‘n nach Haus. Im Schatten der Dunkelheit huschen wir durch die Mitte und verschwinden.

Okay, das mag alles nicht so spannend klingen, allerdings spricht Ubisofts Inszenierung für sich; und es ist gerade die erste Handlung nach dem eher verwirrenden als aufklärenden Prolog. Die Grundlagen wurden nahe gebracht und seien wir ehrlich: das ist nie besonders spannend. Im weiteren Verlauf des Spiels hackt sich Aiden munter durch die Stadt, stets auf der Suche nach dem geheimnisvollen Auftraggeber. Mit seinem Smartphone der überübernächsten Generation kann er praktischerweise Gasleitungen in die Luft jagen, Dampfrohre zum Platzen bringen, Straßenkreuzungen lahmlegen, Zugbrücken anheben, Pfosten aus der Straße hochfahren lassen und Züge umleiten.

All das wird in einer grafisch ansprechenden Kulisse geboten, die zwar nicht die durch Teaser angekündigte Offenbarung eines neuen Grafikwunders ist und sich nicht wesentlich besser anfühlt, als bei Spielen für die alte Konsolengeneration, sich aber sicherlich nicht verstecken muss.

Im Test war die Playstation4-Version des Spiels, auf dem PC können wir grafisch – sofern das geeignete Equipment vorhanden ist – noch mehr erwarten.

Nichts für Ahnungslose

Wer noch nie in seinem Leben einen Teil von GTA, FarCry oder Assassins Creed gespielt hat, wird mit Watch_Dogs anfangs überfordert sein. Denn anders als heutzutage üblich, nimmt Watch_Dogs den Spieler nur kurz an die Hand. Zu Spielbeginn werden lediglich die Grundbefehle durchgegangen, danach ist man auf sich selbst gestellt und muss herausfinden, was man wann und wie zu machen hat. Wir werden somit für klug genug gehalten, uns das Laufen selber beizubringen. Sätze wie »Um sich zu bewegen drücken Sie WASD/bewegen Sie den linken Stick« können hartgesottene Gamer ohnehin nicht mehr hören. Zu Beginn mag der ein oder andere Gelegenheitsspieler zwar mit Möglichkeiten überreizt sein, da das Spiel aber überall, wo Aktionen möglich sind, die entsprechende Taste nochmal anzeigt, ist auch das Problem nach kurzer Zeit verflogen.

Ist das Hauptstory oder kann das weg?

Apropos Möglichkeiten. Von denen gibt es in der offenen Spielwelt viele. So viele, dass es manchmal schwer fällt, der Hauptstory zu folgen. Da schlendern wir mit Aiden gerade von einer Hauptquest zur nächsten, als er sich auf einmal durch »Zufall« in einen SMS-Chat einwählt, in dem ein Mord geplant wird. In unserer Funktion als Rächer der Entehrten (oder so) machen wir uns natürlich sofort auf den Weg, die Tat zu verhindern. Zugegeben, nicht ganz uneigennützig, immerhin gibt es dafür Erfahrungspunkte, die wir, eine wilde Verfolgungsjagd (mit vielen manipulierten Ampelkreuzungen) und eine Schießerei unterhalb der Autobahn später, für neue Fähigkeiten verprassen können. Zur Auswahl stehen umfangreiche Talentbäume für Hacken, Autofahren, Schießen, etc. Wer besonders Zivilisten freundlich gewesen ist, demnach keine Passanten ausversehen erschossen oder überfahren hat, der erhält dazu noch einen guten Ruf, der im weiteren Spielverlauf noch wichtig werden kann. So viel Freundlichkeit soll schließlich nicht umsonst gewesen sein.

Frisch mit neuen Talenten versorgt wollen wir uns wieder auf den Weg machen, als uns ein Hütchenspieler auf der anderen Straßenseite auffällt. Mehrere Runden später und vier Dollar ärmer stolpern wir direkt zur nächsten Sitequest oder einen Netzwerkpunkt, der, ähnlich wie die Aussichtspunkte in Assassins Creed, die Karte aufdeckt. Und derartig geht es das ganze Spiel weiter. Überall sind Punkte, die gehackt, analysiert und gelöst werden wollen. Einerseits wunderbar, schließlich stehen wir nie rum und fragen uns, wo sich die nächste Herausforderung verbirgt, andererseits Reiz überflutend. Im Endeffekt leidet darunter nämlich die Hauptstory, von der wir immer wieder abgelenkt werden. Nach mehreren kleineren und größeren Aufgaben, die sich am Rand abspielen, wissen wir kaum noch, worum es ging.

Mit Robospinne und Höllenauto

Immerhin bleibt die Langeweile aus. Wer eine Auszeit von der üblichen Hackerei braucht, kann Poker, Hütchenspiele oder Schach spielen (auch hier können wir unsere Skills am entsprechenden Fähigkeitsbaum weiter ausbauen). Und wer es satt hat, den korrekten, lieben Hacker zu spielen, kann Aiden in die virtuelle Realität abtauchen lassen. Gameception sozusagen. Hier können wir entweder eine riesige Roboterspinne lenken, die wir auf eine Zerstörungsjagd durch Chicago schicken, oder wir fahren mit einem Auto, das buchstäblich aus der Hölle zu stammen scheint, Dämonen über den Haufen, um den Highscore zu knacken. Ja, Dämonen. Warum? Weil sie es können. Sicher, ganz in GTA V-Manier wäre es ebenso erwägenswert, gepflegt Fußgänger umzunieten, wahllos herumzuballern und damit Verfolgungsjagden mit der Polizei zu provozieren, aber es ist ein nettes Gadget, die Sau Mal ohne lästigen Sirenenlärm raus zu lassen.

Ich hack‘ Dich, Du hackst mich

Leider war es uns beim ersten Anspielen noch nicht möglich, den Multiplayer auszuprobieren – doch fest steht: Ubisoft hat sich Gedanken gemacht und bietet eine Vielfalt an Optionen. Es wird NSCs geben, die bei einer Onlineverbindung einen zufälligen Hacking-Contract anbieten, durch den man in das Chicago eines anderen Spielers gebracht wird. Hier muss der Mitspieler unbemerkt gehackt werden, um Erfahrung und Ruf aufzubessern. Gleichzeitig kann man aber selbst Opfer eines Hackerangriffs werden. Ist das der Fall, hat man ein begrenztes Zeitfenster, um den Übeltäter in der Menge ausfindig zu machen und auszuschalten.

Zudem wird es den Modus »Decrypting« geben, in dem Teams gegeneinander antreten und versuchen, einen Code zu knacken. Vergleichbar ist das etwa mit dem Prinzip von »King of the Hill« – mit der Ausnahme, dass der Hügel bei Watch_Dogs mitgenommen wird. Das zu hackende Objekt muss erreicht, eingesammelt und schnellstens vom anderen Team entfernt werden. Sobald ein Spieler den Gegenstand in Besitz genommen hat, beginnt der Hackingprozess, je mehr Teammitglieder in Reichweite sind, desto schneller geht es. Zusätzlich soll es möglich sein, ohne einen gewählten Spielmodus andere Spieler zu besuchen. [Wir werden berichten]

Sagt „JA“ zum Hacken!

Mit Watch_Dogs haben wir ein Spiel vor uns, das haargenau den aktuellen Zeitgeist trifft. Ganz nach dem Motto »Das Internet ist für uns alle Neuland« wird die Faszination, aber auch die Angst über die scheinbar unendliche Weite der modernen Technologie und des Cyberspace perfekt in Szene gesetzt und grafisch ansprechend verpackt. In einer beeindruckend kreierten Atmosphäre fragen wir uns immer wieder, inwiefern das im Spiel erlebte in der Realität schon ausführbar ist. Ähnlich, wie die unzähligen Angebote im World Wide Web, überschüttet uns auch das Spiel mit tausendundeiner Okkasion. Darunter leidet zwar der Plot, nicht aber das Feeling.
Watch_Dogs ist gelungen. Mit guter Unterhaltung und einer angenehm mysteriösen Atmosphäre können wir uns auf ein Highlight des Spielejahres 2014 freuen. Wenn zudem der Multiplayer wie angekündigt funktioniert, steht der Eroberung des technischen Chicagos nichts mehr im Wege.

Bis dahin, haltet eure Facebook-Profile sauber und eure Smartphones sicher, denn…
Hacking is our Weapon!

| CLAS DÖRRIES, EVA HENTER-BESTING

Titelangaben
Watch_Dogs
Ubisoft
ab heute (27.05.2014) erhältlich für PS3, PS4, PC, Xbox360, XboxOne
in Kürze für WiiU
59,99€ (PC)
69,99€ (Konsolen)

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