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Unter Mythomanen und Paranoikern

Krimi | Dominique Manotti: Ausbruch

Es hat nicht lange gedauert, bis sich Dominique Manotti, die erst mit 50 Jahren anfing zu schreiben, zu einer der wichtigsten europäischen Crimeladies gemausert hat. Die studierte Wirtschaftshistorikerin und ehemalige Gewerkschaftsaktivistin durchleuchtet in ihren Romanen die Chefetagen der großen Konzerne, deckt die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft auf und nimmt ihren Lesern sämtliche romantischen Illusionen, es könnte da, wo der Profit im Mittelpunkt steht, auch menschlich zugehen. In Ausbruch nun wirft sie einen Blick zurück auf jene Jahre, in denen die europäische Linke sich radikalisierte, und fragt, was von jener »bleiernen Zeit« bleibt. Von DIETMAR JACOBSEN
Manotti Ausbruch
Filippo Zuliani heißt der naive römische »Vorstadtbengel«, ein kleiner Gauner, den der Zufall mit einem linken Politaktivisten zuerst in eine gemeinsame Zelle führt und dann auf die Flucht. Doch Carlo Fedeli, der deutlich ältere, eloquente Kämpfer gegen das Establishment, lässt den ungebildeten Jungspunt nicht wirklich an sich heran. Kaum den Knast im Rücken, trennt man sich schon wieder.

Verantwortlich fühlt der erfahrene Stadtguerillero sich für den bewundernd zu ihm Aufsehenden aber wohl doch ein wenig. Denn für alle Fälle gibt er ihm die Adresse einer im Pariser Exil lebenden Freundin, Lisa Biaggi, mit auf den Weg. Als Carlo kurze Zeit später bei einem Banküberfall ums Leben kommt, wird auch Filippo der Boden in Italien zu heiß und er macht sich auf den Weg nach Frankreich.

Dominique Manottis aktueller Thriller Ausbruch spielt in den Jahren 1987 und 1988. Da lag die so genannte »bleierne Zeit« schon eine Weile zurück. Es sind die 70er, in denen Carlo Fedeli, Lisa Biaggi und eine ganze Reihe weiterer linker Idealisten sich radikalisierten und dem System den bewaffneten Kampf ansagten. Unter dem Namen Brigate Rosse (Rote Brigaden) tauchte man nach einer kurzen Zeit der Halblegalität in den Untergrund ab, finanzierte sich durch Banküberfälle und Entführungen und versuchte, den verhassten Staat mit Anschlägen zu destabilisieren.

Richtete sich die Gewalt zunächst vorrangig gegen »Sachen«, wurden ab Mitte der siebziger Jahre dann auch gezielte Mordanschläge verübt. Den Höhepunkt dieser Entwicklung, die vom italienischen Geheimdienst, rechtsextremistischen Gruppierungen u.a. gekontert wurde mit der so genannten »Strategie der Spannung«, die darauf abzielte, das Image der Linken durch in deren Namen verübte Terroranschläge zu schädigen, war die Entführung und Ermordung des früheren italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro im Jahre 1978.

Gangster oder Idealisten?

Gangster oder linke Idealisten? Skrupellose Bankräuber oder auf die Befreiung der Arbeiterklasse orientierte Intellektuelle? Es ist ein Imageproblem, mit dem sich auch noch die Exilanten herumzuschlagen haben, denen Filippo Zuliani im Umfeld der Fedeli-Freundin Lisa Biaggi begegnet. Und als der in Frankreich nur langsam heimisch Werdende beginnt, sich mit Schreiben eine neue Existenz aufzubauen, macht er sich unter den ehemaligen Genossen seines Zellenkameraden Carlo damit keine Freunde. Denn in dem Roman Ausbruch, in dem er die gemeinsam mit Fedeli verbrachte Zeit verarbeitet und zum Epos ausgestaltet, mutiert der Logistikchef der Roten Brigaden zum Anführer einer Mailänder Gangsterbande und verliert damit den Nimbus des Helden, der sich im Kampf für eine gerechte Sache aufopfert.

Ähnlich wie ihr amerikanischer Kollege Dave Zeltserman in seinem Roman Paria (2009, deutsche Ausgabe bei Pulpmaster) lässt Dominique Manotti in Ausbruch aus einem Kriminellen einen Schriftsteller werden. Und auch Manotti nutzt die Geschichte, die sie ihren Lesern erzählt, um ganz nebenbei ein paar heftige Breitseiten auf den Literaturbetrieb abzufeuern.

Im Grunde aber geht es ihr vor allem um die Frage, wer jene Männer und Frauen waren, die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Klassenkampf auf die Straßen trugen und nicht davor zurückschreckten, Gewalt gegen Andersdenkende und Unschuldige einzusetzen. Bleiben sie in der Erinnerung als zu allem bereite Idealisten mit dem Bild einer anderen Gesellschaft im Kopf oder als Kriminelle, denen der Staat zurecht mit aller Härte begegnete.

Roman im Roman

Zulianis atemberaubende Karriere als Schriftsteller jedenfalls nimmt ein so jähes wie blutiges Ende. Aus reiner Naivität hat er sich mit zu vielen auf einmal angelegt und mit seinem umjubelten Roman schlafende Hunde geweckt. Selbst am Ende seines kurzen Lebens zu einer Art Mythos geworden, lässt er von jenem der italienischen Intellektuellen, die auch im Exil weiter an ihrem Image als aufrechte Kämpfer gegen das System arbeiten, wenig übrig.

Und so bilanziert Lisa Biaggi am Ende: »Dieser Kampf ist verloren. Wenn ich versuchen will, unsere Vergangenheit zu retten, bleibt mir nur eins. Romane schreiben.« Was hoffentlich auch Dominique Manotti weiterhin tut: mit derselben Kraft, derselben Eindringlichkeit, demselben Lakonismus und dem mit Ausbruch hinzugewonnenem Humor, der so neu wie überzeugend daherkommt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Dominique Manotti: Ausbruch
Aus dem Französischen von Andrea Stephani
Hamburg: Argument Verlag  2014
253 Seiten. 17.- Euro

Reinschauen
| Dietmar Jacobsen über Dominique Manotti in TITEL kulturmagazin

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