/

Urlaub auf der Body-Farm

Roman| Simon Beckett: Leichenblässe

Die eine Buchhandelskette schaltet zum Erscheinen Radiospots, der andere Filialist räumt den drei bis dato erschienen Bänden eine ganze Regalwand zur Präsentation ein und in den Bestsellerlisten gelingt ihm auf Anhieb der Sprung an den ›Biss‹-Büchern von Stephenie Meyer vorbei unter die ersten drei – die Rede ist von Simon Becketts drittem Thriller um den forensischen Anthropologen David Hunter mit dem schönen Titel ›Leichenblässe‹. Ist angesichts des großen Werbeaufwands der Roman tatsächlich die Mühe des Lesens wert? Nein, sagt BEATE MAINKA

Leichen pflastern seinen Weg

Leichenblaesse 9783805208666Was musste der arme David Hunter nicht schon alles erdulden in seinem noch kurzen Serienleben: In Band 1 treffen wir ihn bereits völlig am Boden zerstört an, verlor er doch gerade Frau und Kind bei einem Autounfall. Doch die Forensik baute ihn wieder auf, und auch ein neues Glück lockte.
Nicht nur das wurde ihm dann im zweiten Teil wegen Arbeitsüberlastung gründlich vermasselt, nein, eine Psychopathin rammte ihm auch noch zum guten Schluss ein Messer in den Bauch und läuft als ständige Bedrohung zu Beginn vom dritten Teil immer noch frei herum.

Wen wundert es da, dass unser guter David dringend Erholung braucht, die er in Knoxville, Tennessee, auf der Body-Farm zu finden trachtet, im Kreise lieber alter Kollegen und inmitten von ca. 30 Leichen, die auf einem streng abgeschirmten Areal zu Forschungszwecken in allen Stadien der Verwesung leise vor sich hingammeln.

Kleiner Einschub für die, die es noch nicht wissen sollten: Die Body-Farm, eigentlich Anthroplogical Research Facility der University of Tennessee, existiert tatsächlich und bietet Pathologen, Forensikern und Entomologen breit gefächerte Forschungsmöglichkeiten an Leichen unter Freiluftbedingungen. Nach eigenen Angaben hat Beckett für ›Leichenblässe‹ vor Ort recherchiert.

Doch auch hier ergibt sich bald ein Betätigungsfeld für Hunters Fähigkeiten, als Freund Tom, der Chef der Body Farm, ihn zu einer Ermittlung hinzuzieht, bei der eine höchst unappetitliche Leiche einige Ungereimtheiten aufweist. Und schon steckt unser Brite wieder mitten im Schlamassel, denn er kämpft nicht nur tapfer mit den psychischen und physischen Spätfolgen seiner schweren Verletzung, sondern auch mit dem Argwohn der toughen Amis an seinen Fähigkeiten. Und derweil führt der Täter das gesamte Ermittlungsteam an der oftmals schlimmsten Gerüchen ausgesetzten Nase herum …

Von Larven, Libellen und Zersetzungsprozessen

Dass forensische Anthropologen tote Körper untersuchen, weiß wahrscheinlich jeder, der sich an die Lektüre dieses Thrillers macht. Ob er aber auch wirklich knietief in Schleim, Leichenteilen, Insektengewimmel und Verwesungsgestank waten möchte, sei dahingestellt. Doch er muss, denn daraus bezieht Beckett zum überwiegenden Teil seinen reichlich morbiden Thrill.

Das Ganze verpackt er wissenschaftlich seriös, schließlich gibt es die Body-Farm wirklich, aber über etwas fundierteres Laienwissen geht das nicht hinaus. Und so wandert Hunter von Leiche zu Leiche bis zum finalen Höhepunkt, an dem es – wir sind schließlich in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – noch einmal so dicke kommt, dass auch noch der letzte Rest Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt.

Dazwischen Klischees wie gehabt: der unsympathische, egomanische Profiler, der Hunter geflissentlich ignoriert und dafür – wir ahnen es bereits – natürlich als Opfer enden muss, die hochschwangere, allerliebste Gattin eines werten Kollegen, der zunehmend Gefahr droht, und natürlich das Täterprofil, das Beckett uns in kursiven Reflektionen seines Bösewichtes mit schönster Westentaschenpsychologie präsentiert.

Echte Spannung kommt da leider nicht auf, zumal es sich Beckett nebenbei nicht nehmen lässt, ausführlich die Schönheiten der Landschaft zu beschreiben. Das war schon bei Karl May langweilig. Ach ja, die Psychopathin aus Band 2, soviel darf ich verraten, ist immer noch auf freiem Fuß und sorgt bestimmt bald für Angst und Schrecken!

Und dennoch, Becketts Siegeszug ist unaufhaltsam und Band 4 wird im Klappentext bereits angedroht, Hunter wird also weiter jagen. Und wir Kritiker stehen ein weiteres Mal ratlos vor dem Phänomen, dass Bestseller oftmals nicht nur gemacht, sondern auch noch massenhaft gelesen werden.

Auch in meiner kleinen Gemeindebücherei gibt es bereits die ersten Vormerkungen, die Vorgängerbände sind ständig ausgeliehen und werden mit leuchtenden Augen unter den vorwiegend weiblichen Lesern weiterempfohlen. Da kann ich leider nichts machen, außer genussvoll diesen Verriss zu schreiben!

| BEATE MAINKA

Titelangaben
Simon Beckett: Leichenblässe
(Whispers of the Dead, 2009) Deutsch von Andree Hesse
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2009
416 Seiten, 19,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Empörung & Kollateralschaden – Philip Roth schreibt über & gegen einen grausamen Witz

Nächster Artikel

»Nödel geweint« – oder unter Katzenjammer Kids

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Zwischen den Kriegen

Roman | Krimi | Robert Hültner: Am Ende des Tages Mit Paul Kajetan hat Robert Hültner in seinem neuen Roman Am Ende des Tages eine Figur geschaffen, mit deren Hilfe es ihm gelingt, seinen Lesern das Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen zu erklären. Die bisher vorliegenden sechs Romane um den unangepassten Mann, dessen Aufrichtigkeit und moralische Integrität ihm Anfang der 20er Jahre seine Polizeikarriere gekostet haben, verbinden spannende Unterhaltung mit einem facettenreichen Zeitporträt. Allerdings sieht es am Schluss des aktuellen Abenteuers ganz so aus, als wäre es Kajetans letzter Fall. – Von DIETMAR JACOBSEN

»Horst! Kennst du mich nicht mehr?«

Film | Im TV: Polizeiruf – Hexenjagd, 14. Dezember 2015 So geht’s auch, »sie war die Stärkste und hat alle Jungs verprügelt«, und außer dieser Sekretärin beeindruckt uns eine verhärmt und abgespannt auftretende Schuldirektorin. Über Schule zu reden oder gar einen Sonntagabendkrimi über Schule zu drehen, ist nicht zwangsläufig der Renner, im Gegenteil. Von WOLF SENFF

Die Rache des Phantoms

Roman | Alex Beer: Felix Blom. Der Häftling aus Moabit

Berlin 1878. Als der Dieb und Betrüger Felix Blom nach drei Jahren Einzelhaft wieder freikommt, stehen zwei Dinge auf seiner Agenda: sich an dem Mann zu rächen, der ihn mit einem hinterhältigen Trick ins Gefängnis gebracht hat, und wieder in jene Kreise aufzusteigen, in die er es schon einmal geschafft hatte. Allein er hat mächtige Widersacher. Die Polizei sähe den raffinierten Burschen, der sie jahrelang an der Nase herumgeführt hat, am liebsten wieder sicher verwahrt. Und sein Konkurrent um die Gunst der schönen Auguste Reichenbach, Baron Albert von Mesar, beeilt sich, der begehrten Bürgerlichen einen Antrag zu machen, um nicht noch einmal ins Hintertreffen zu geraten. Und schließlich ist da auch noch ein Psychopath mit Todesankündigungen unterwegs, auf dessen Schwarzer Liste Blom ziemlich weit oben zu stehen scheint, ohne dass er weiß, womit er sich diese zweifelhafte Ehre verdient hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Ein prägendes Strukturprinzip

Hendrik Buhl, Tatort. Gesellschaftspolitische Themen in der Krimireihe TATORT ist und bleibt im Gespräch. Er prägt den Anfang oder, wem das besser gefällt, das Ende der Woche, jedenfalls den Sonntagabend, ist eine der letzten Familienbastionen auf unseren Flachbildschirmen, und es gibt seit Längerem die Tradition, sich in Cafés oder Bars zu versammeln, um den TATORT gemeinsam zu genießen. Mitunter ergattert man den letzten Platz in einem Café, in dem sich studentisches Publikum sammelt. Spießbürgertum bei der nachwachsenden Generation? Wer weiß das schon, die Welt ist bunt. Seit einiger Zeit gibt es sogar das eigenständige satirische Format Tatortreiniger. Von WOLF SENFF

Zurück in dunkle Zeiten

Roman | Ambrose Parry: Die Tinktur des Todes

Wer unsere heutige Medizin nicht so richtig zu schätzen weiß, der möge diesen Kriminalroman lesen: Experimente, die Gänsehaut erregen, eine Medizin, die in Vielem noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckt. Garniert mit Mord und Gift. Rundherum eine geheimnisvolle Geschichte aus alten Zeiten, die BARBARA WEGMANN gelesen hat.