/

Es liegt etwas in der Luft

Roman | Håkan Nesser: Der Fall Kallmann

Ein Krimi ohne einen einzigen Schuss? Ohne wilde Verfolgungsjagden, erzböse Schurken und eiskalte Ermittler? Geht das überhaupt? Wenn der Autor Håkan Nesser heißt: auf jeden Fall. Denn der Erfinder des grüblerischen und beim Lesepublikum ausgesprochen erfolgreichen Kommissars van Veeteren (10 Bände, 1993 – 2003) sowie von dessen nicht ganz so erfolgreichem Nachfolger Gunnar Barbarotti (bisher 5 Bände, seit 2006) hat nie in erster Linie auf Action gesetzt. Ihm ging es mehr darum, in die Psyche von Tätern, Opfern und nicht zuletzt jenen, die sich beruflich mit der Aufklärung von Verbrechen beschäftigen, einzudringen. Jetzt kann man Nessers letzten Roman, Der Fall Kallmann, auf Deutsch lesen. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser

Mit ihm kehrt der Schwede, der 24 Jahre als Gymnasiallehrer arbeitete, bevor er die Risiken einer Schriftstellerexistenz auf sich nahm, in gewisser Weise zu den eigenen Wurzeln zurück. Auf der anderen Seite wirft das Buch aber auch einen genauen Blick auf das Schweden von heute.

Leon Berger ist Lehrer, 45 Jahre alt, eingefleischter Agnostiker – und sieht sich plötzlich mitten im Leben allein auf der Welt. Ein Fährunglück vor der Westküste Afrikas haben seine Frau und die 16-jährige Tochter nicht überlebt. Die vakante Stelle eines Schwedisch-Lehrers an der Bergtunaschule in der kleinen nordschwedischen Stadt K., auf die ihn eine ehemalige Studienkollegin, die dort als Vertrauenslehrerin arbeitet, aufmerksam gemacht hat, soll nach sieben Monaten der Trauer und Verzweiflung ein Ort des Neuanfangs für ihn werden.

Doch als das Schuljahr beginnt, merkt Berger schnell, dass weder Lehrer noch Schüler der Bergtuna bereits über den plötzlichen Tod seines Vorgängers Eugen Kallmann hinweggekommen sind. Und auch er selbst beginnt sich für das Schicksal dieses unzugänglichen, bei den Schülern aber außerordentlich beliebten Menschen zu interessieren.

Unfall oder Mord?

Gut anderthalb Jahrzehnte hat Kallmann als Lehrer in K. gearbeitet. Er war geachtet, auch wenn er nicht wirklich andere Menschen an sich heran ließ. Woher er einst kam, scheint niemand zu wissen. Und auch um seine früheren Lebensumstände ranken sich mehr Gerüchte, als dass man Genaueres weiß. Immerhin hat er einem seiner Kollegen an der Bergtuna verraten, dass er über eine seltene Fähigkeit verfügt: durch einen Blick in deren Augen vermag er es scheinbar, Mörder unter allen anderen Menschen herauszukennen. Und einem Verbrechen, das schon Jahrzehnte zurückliegt, war er wohl auf der Spur, bevor er in einem leer stehenden Gebäude, in K. als das »Deutsche Haus« bekannt, bei einem Treppensturz unerwartet sein Leben verlor.

Unfall oder Mord? Und was hat Kallmanns Tod mit den neuerdings an der Bergtunaschule auftauchenden Drohbriefen zu tun, die, von einer »Putzkolonne« unterzeichnet, sich um die Reinrassigkeit des schwedischen Volkes sorgen und allem Fremden den Kampf ansagen? Nesser lässt seine Leser den Fortgang der Ereignisse aus vier sich regelmäßig abwechselnden Perspektiven erleben. Der von Leon Berger, der des Mathematiklehrers Igor Masslind, der von Kallmann gelegentlich in seine Gedanken eingeweiht wurde, der von Ludmilla Kovacs, die Berger an die Bergtunaschule geholt hat und sich nun nach und nach in ihren alten Studienkollegen verliebt, und schließlich der einer Neuntklässlerin Andrea Wester, die ihren Schwedischlehrer anfänglich stark damit irritiert, dass sie seiner toten Tochter zum Verwechseln ähnlich sieht.

Als man einen der sich rechtsradikal gebärdenden Bergtuna-Schüler eines Tages erhängt auf dem Schulgelände findet, eskalieren die Ereignisse in der und um die Schule. Und während der verschlafene kleine Ort von linken wie rechten Demonstrationen aufgewühlt wird, schält sich für die Kallmanns Tagebücher nach Hinweisen für das Verbrechen, dem der Lehrer auf der Spur gewesen sein will, durchforstenden und sich bald in ihrer Wissbegier zu einer dreiköpfigen Detektivgemeinschaft zusammenfindenden Kollegen des Verstorbenen eine Wahrheit heraus, die weit in die Vergangenheit zurückreicht und nicht zuletzt auch etwas mit der Familie der Schülerin Andrea Wester zu tun hat.

Vier Perspektiven auf zwei Todesfälle

Obwohl doppelt so umfänglich, ähnelt Der Fall Kallmann einem anderen Stand-alone des 68-jährigen schwedischen Bestsellerautors, dem im Original 1998 erschienenen und heute in Nessers Heimatland zur Schullektüre zählenden Roman Kim Novak badete nie im See von Genezareth. Hier wie da Menschen an der Grenze zum Erwachsenenalter in einen Kriminalfall verstrickt. Hier wie da die Schule als wichtiges, die Probleme der Gesellschaft auf mikroskopischer Ebene aufgreifendes Milieu. Und hier wie da ein letzter Romanabschnitt, der einen Zeitsprung macht, um in die Zukunft der Figuren zu sehen und Dinge für den Leser zu klären, die auf der Gegenwartsebene ungeklärt blieben oder nicht geklärt werden konnten.

Dass dem Roman ein paar Seiten weniger gut getan hätten – gelegentlich nervt der Blick auf ein und dieselben Dinge aus vier unterschiedlichen Perspektiven doch etwas und hält die ohnehin gemächlich voranschreitende Handlung mehr auf, als es ein auf nichts als Spannung abonnierter Krimileser bereitwillig hinnehmen dürfte –, soll hier nur angemerkt werden. Denn eingefleischte Nesser-Fans wissen es natürlich: Bei diesem Autor und seinen Figuren liegt in der Ruhe nicht nur die Kraft. Das Auserzählen des scheinbar noch so Nebensächlichen dient ihm – neben dem geschickten Verschleiern der Tatursachen und -hergänge – nicht zuletzt auch dazu, ein möglichst umfangreiches Bild der Welt zu erzeugen, in die er uns mit Büchern entführt, welche immer wieder unter Beweis stellen, dass Kriminalromane vielleicht sogar die besseren Gesellschaftsromane sind.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Håkan Nesser: Der Fall Kallmann
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
München: btb 2017
570 Seiten. 20.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Dietmar Jacobsen über Håkan Nesser in TITEL kulturmagazin

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Maus, ausgesetzt

Nächster Artikel

» … Tagarbeiter, kein Nachtarbeiter«

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Zeit der Reue

Roman | Arnaldur Indriðason: Tiefe Schluchten

Zum dritten Mal macht sich Arnaldur Indriðasons pensionierter Polizist Konráð auf die Suche nach einem verschwundenen Menschen. Wie in den beiden Vorgängerromanen der Reihe - Verborgen im Gletscher (2017, deutsch 2019) und Das Mädchen an der Brücke (2018, deutsch 2020) – wird er auch diesmal von seiner Ex-Kollegin Marta unterstützt. Die ist meist wenig begeistert, wenn sich Konráð in ihre Arbeit einmischt. Doch weil sie diesmal am Schauplatz eines Mordes einen Zettel mit seiner Telefonnummer findet, versucht sie natürlich herauszufinden, was dahintersteckt, ohne zu ahnen, in welche Tragödie ihr Anruf sie und ihren ehemaligen Kollegen verwickelt. Von DIETMAR JACOBSEN

Trauen darf man wirklich keinem

Roman | Garry Disher: Moder

»Plane fürs Optimum, erwarte das Schlechteste, beachte die Fluchtwege«, ist nach wie vor Wyatts Devise. Garry Dishers Gangster ohne Vornamen, aber mit Überzeugungen hat sich in seinem neunten Abenteuer in Sydney niedergelassen. Mit heißen Tipps für gewinnbringende Coups versorgt ihn der im Gefängnis sitzende Sam Kramer bei seinen Freigängen. Dafür kümmert sich Wyatt um dessen Familie. Bis die gut funktionierende Tour eines Tages schiefgeht und ein paar andere von Wyatts nächstem Coup Wind bekommen. Von DIETMAR JACOBSEN

Spannende Handlung, dicht sortiert

Film | Im TV: TATORT ›Château Mort‹ (SWR), 8. Februar In den letzten Monaten folgten wir schon einmal dem Versuch, Bildungsgut für den Sonntagabend fein aufzubereiten. Das ist leider schwieriger als gedacht. Neulich musste Shakespeare dran glauben, der mit Anklängen an einen Western in Szene gesetzt wurde. Man war verwirrt und dachte heftig darüber nach, ob das den Western beschädigte oder Shakespeare oder womöglich den ›TATORT‹. Von WOLF SENFF

Femme fatale, männerverschlingend

Film | Im TV: Tatort – Am Ende des Flurs (BR), 4. Mai Schön, man kann sagen, da zieht ein Täter von Anfang bis Ende sein Ding durch, konsequent, in aller Unschuld, einverstanden, kein Einwand. Wie so oft beginnt das Geschehen vergleichsweise unauffällig. Lisa Brenner, die bis vor anderthalb Jahren ein Verhältnis mit Franz Leitmayr hatte – man weiß davon noch nicht, der Herr Kommissar mag nicht mit der Sprache herausrücken, das wird ihm noch leidtun –, nun stürzt sie aus dem zwölften Stock. Wie sich bald herausstellt, trank sie den Champagner nicht alleine. Von WOLF SENFF

Oktoberzeit war Leidenszeit

Film | Im TV: Polizeiruf 110 – Eine mörderische Idee Wir werden das Rad neu erfinden! Vorbei. Nach den experimentellen Probebohrungen der ersten Oktoberhälfte nun wieder Sonntagabendkrimi der feineren Art. Konservativ gefilmt, zügige Wechsel, weder Rückblenden noch überlappende Dialoge, paar ineinander verschachtelte Szenen fallen kaum auf, das Geschehen läuft eins nach dem anderen, irrlichternde Ermittler sind nicht vorgesehen. Ein Film, der statt von dramaturgischem Dekor und ausufernder Originalität von nüchterner Handlung lebt. Geht also noch. Von WOLF SENFF